Blog: Die vergessene Grenze wiederentdecken (7) [DE]

In diesem Blog berichten die Studierenden, die an der Exkursion „Die vergessene Grenze wieder entdecken. Spurensuche von Danzig bis Oberschlesien!" teilnehmen, vom 19. bis zum 26. Mai 2018 täglich von den jeweils absolvierten Etappen – angefangen in Katowice und endend in Gdynia. Dem Thema entsprechend erscheinen alle Blog-Einträge in deutscher und in polnischer Sprache.

Die Wissenschaftlerin beschäftigt sich mit der Frage der „Phantomgrenze“ in der nördlichen Kaschubei, also der Widerspiegelung der ehemaligen Grenze im kollektiven Bewusstsein der Bewohner des Grenzgebiets bis heute. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

Die Wissenschaftlerin beschäftigt sich mit der Frage der „Phantomgrenze“ in der nördlichen Kaschubei, also der Widerspiegelung der ehemaligen Grenze im kollektiven Bewusstsein der Bewohner des Grenzgebiets bis heute. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

[Polski]

Zu Beginn des letzten Tages unserer Studienreise stand ein Expertengespräch mit Magdalena Izabella Sacha – Kulturwissenschaftlerin, Literaturwissenschaftlerin, Übersetzerin und Aktivistin in einer Vielzahl von Vereinen (u.a. in den Vereinen Kulturgemeinschaft „Borussia" und Heimat Teschener Land).

Es zeigte sich, dass die deutsch-polnische Grenze, die den Zarnowitzer See bzw. Jezioro Żarnowieckie in der Mitte teilte, im kollektiven Gedächtnis der heutigen Kaschuben in Form von Stereotypen, Anekdoten und Witzen präsent ist. So waren die physischen Überreste der ehemaligen Grenze, also die Grenzpfähle, etwa Teil der (Kultur)Landschaft dieser Region, bevor sie zu touristischen Zwecken entfernt wurden. Ferner steht die Hybridität der kaschubischen Kultur, auf deren Gestalt sich sowohl die polnische als auch die deutsche Kultur ausgewirkt hatten, symbolhaft für die historischen und gesellschaftlichen Prozesse, die sich im Polen der Zwischenkriegszeit vollzogen.

Seminar mit Magdalena Izabella Sacha am Strand in Gdynia. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

Seminar mit Magdalena Izabella Sacha am Strand in Gdynia. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

Der nächste Programmpunkt war ein historischer Spaziergang durch Gdynia, das auch als weiße Stadt, Fenster zur Welt oder als Symbol des wiedererstandenen Polens bekannt ist. Infolge des Versailler Vertrags hatte Polen nur eingeschränkten Zugang zum Danziger Hafen, weshalb der damalige Wirtschaftsminister Eugeniusz Kwiatkowski entschied, einen neuen Hafen im Fischerdorf Gdynia bauen zu lassen. Er war sowohl in wirtschaftlicher – für den Transport von Kohle aus Oberschlesien – als auch in militärischer Hinsicht von Bedeutung, als 1923 die Polnische Kriegsmarine ins Leben gerufen wurde.

Führung durch die Dauerausstellung des Museums der Stadt Gdynia. Foto: Mateusz Weis-Banaszczyk

Führung durch die Dauerausstellung des Museums der Stadt Gdynia. Foto: Mateusz Weis-Banaszczyk

Gdynia sollte zum Aushängeschild der Zweiten Polnischen Republik werden. Mit der Umsetzung dieser Prämisse betraute man den Architekten Tadeusz Wenda. Als eine von wenigen Städten auf der Welt wurde sie von Grund auf im Stil der Moderne erbaut, für den etwa weiße Hauswände oder runde Balkone charakteristisch sind, die wiederum an Schiffe erinnern sollen. Vom Krieg größtenteils verschont geblieben stellt Gdynia heute ein bemerkenswertes Feld zur Erforschung „lebendiger Geschichte" dar.

Bis heute gilt Gdynia als Sinnbild für das wiedererstandene Polens, was die Worte Johannes Pauls II. während seiner Pilgerfahrt nach Polen 1987 bestätigen: „Als erste Stadt grüße ich Gdynia. Ich bin gemeinsam mit dieser Stadt aufgewachsen, die zu einem Symbol unserer zweiten Unabhängigkeit geworden war." Es scheint, dass von allen Städten, die wir besuchten, Gdynia sich am meisten seiner Zwischenkriegsgeschichte rühmt, was sich etwa in der Fülle touristischer Routen zur Besichtigung der Architektur der Moderne zeigt.

Der Blick auf Danzig – für einen Augenblick von Blitz und Donner erfüllt, nach unserer ansonsten allzeit sonnigen Exkursion. Foto: Iryna Tkachivska

Der Blick auf Danzig – für einen Augenblick von Blitz und Donner erfüllt, nach unserer ansonsten allzeit sonnigen Exkursion. Foto: Iryna Tkachivska

Zum Abschluss führte uns Jan Szkudliński, Leiter der Historischen Abteilung des Museums der Stadt Gdynia, durch die hervorragend organisierte Ausstellung über die Stadtgeschichte.

Die restlichen Abendstunden nutzend begaben wir uns ein letztes Mal auf eigene Faust auf Spurensuche durch das ehemalige Gdynia, um schließlich zu einem abschließenden Abendessen zusammen zu kommen und unsere Eindrücke von der Reise auszutauschen. Gdynia verabschiedete sich von uns mit einem spektakulären Gewitter, das wir vom Strand aus betrachten konnten. Nach einer Woche voller Entdeckungen, interessanter Treffen und Gespräche ist es nun Zeit, nach Hause zurückzukehren, um die gesammelten Eindrücke zu Papier zu bringen.

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