Digitaler Atlas politischer Raumbilder zu Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert

In diesem Forschungs- und Darstellungsvorhaben arbeitet ein Forschungsnetzwerk aus vier Leibniz-Instituten zusammen mit in- und ausländischen Partnern. Die Partner werden durch aufeinander abgestimmte Arbeitsprogramme, gegenseitige Forschungsaufenthalte, gemeinsam organisierte Tagungen und Workshops miteinander in Kontakt gebracht. Eine Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Herder-Institut koordiniert diese Vernetzungsarbeit. So ist im Projekt nicht nur auf thematischer Ebene eine transnationale Perspektivierung gewährleistet, sondern es bieten sich auch strategische Möglichkeiten für einen späteren europaweiten Ausbau des Vorhabens.

Die „Wiederkehr des Raumes" ist seit gut zwei Jahrzehnten ein großes Thema der Geschichtswissenschaften, der kritischen Geographie und der Kartographie. Nachdem lange Zeit die Beschäftigung mit Raum und Raumkonzepten durch die Erfahrungen mit deutscher „Geopolitik" in der Zwischenkriegs- und der NS-Zeit diskreditiert war, gibt es nun ganz neue Zugänge zum Phänomen Raum als einem menschengemachten Konzept. Dazu haben neue Methoden und neue theoretische Ansätze der Geographie und Kartographie sowie der Visuellen Geschichte beigetragen, die wiederum auf wichtige Impulse aus den Kulturwissenschaften („visual/spatial turn") zurückgehen.

Sie haben unser Bild von Raumdarstellungen, insbesondere der Kartographie, revolutioniert: Heute werden Karten nicht mehr als möglichst getreue Repräsentationen einer im Raum fertig und faktisch vorgefundenen Wirklichkeit angesehen, sondern man interessiert sich für sie als Ergebnis einer Kognitions- und Konstruktionsleistung: Kartenausschnittwahl, Ausblendungen, Auswahlprozesse und Hervorhebungen, Farbpsychologie, Karten„sprachen" (d.h. die eingesetzten formalen und symbolischen Werkzeuge), Kartenfolgen, animierte Karten, Beziehungen zwischen Karte und den auf sie bezogenen Texten und Bildern – all das ist von großem Interesse für solche Untersuchungen.

Als Quellenmaterialien kommen dabei nicht unbedingt „nur" Karten in Frage, sondern auch bildliche Darstellungen (z.B. von umstrittenen Grenzregionen) und alle Texte gleich welcher Provenienz, die sich mit Raumordnungen und Raumverhältnissen beschäftigen und meist auch mit Kartendarstellungen arbeiten.

Der Gegenstandsbereich solcher visuellen, kartographischen und linguistischen „Texte" ist weitgespannt: Grenzziehungen; Gebiete, die als gefährdet (oder gefährlich) wahrgenommen werden; beanspruchte, verlorene oder hinzugewonnene Territorien; „Eigenes" und „Fremdes" im Raum. Die Quellen können aus den unterschiedlichsten Kontexten stammen, z.B. aus Schulbüchern und -atlanten, der Presse, aus Kartenwerken und Expertisen „für den Dienstgebrauch" oder auch aus Werbematerialien.

Viele Akteure waren und sind an der Produktion solcher kartographischer und anderer Raumbilder beteiligt: Regierungen, Journalisten, Beamte in Schulverwaltungen, Verleger, Erschließungsingenieure und Planungsspezialisten, Forschungsreisende und immer wieder die für sie arbeitenden Kartographen. Sie alle agieren nicht im luftleeren Raum, sondern sie reagieren aufeinander, nutzen oder zitieren das Material der anderen oder sie produzieren Gegenkarten zu den Karten ihrer Gegner oder Konkurrenten.

Das von der Leibniz-Gemeinschaft geförderte Projekt interessiert sich für einen Teilbereich des oben skizzierten Forschungsfeldes, nämlich die Wirksamkeit von Raumbildern in politischen Handlungsprozessen während des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig soll das Projekt einen großen Mangel beheben, an dem die Beschäftigung mit raumrelevanten Quellen immer noch leidet: Es gibt kaum mediale Formate – ob gedrucktes Buch, ob Atlas, ob digitales Medium –, die über die reine Darstellung von Herrschaftsräumen, Staatsgebieten und Grenzkonzepten hinausgehen. Im Projekt soll daher ein visueller und medialer Ansatz gefunden werden, der Raumbilder in ihrer historischen Genese und gegenseitigen Verflechtung transparent werden lässt.

Ostmitteleuropa eignet sich in besonderer Weise, um Raumbilder in einer innovativen, multiperspektivischen Darstellung zu präsentieren. Es ist eine europäische Region, die im 20. Jahrhundert durch Grenzverschiebungen, ethnische und konfessionelle Pluralität, Zwangsmigrationen, Systemwechsel, Minderheitenkonflikte, konkurrierende Raumvorstellungen sowie raumwirksame ideologische Bruchlinien (z.B. den „Eisernen Vorhang") ebenso geprägt wurde wie durch die dynamische Neukonfigurierung räumlicher Verhältnisse seit 1989.

Trotz des europäischen Einigungsprozesses sind historisch etablierte Raumbilder als „Bilder in den Köpfen" politisch und medial wirkungsmächtig geblieben und beeinflussen immer wieder die außen- und innenpolitischen Entwicklungen in einzelnen Staaten, z.B. bei den Debatten über Zwangsmigrationen und „verlorene" Territorien. Im Westen Europas ist die Vielfalt dieser Raumbilder und ihre gegenseitige Beeinflussung bis heute weitgehend unbekannt geblieben, was die europäische Verständigung zuweilen erheblich behindert. Daher ist es Anliegen dieses Projekts, zeitgenössische wie heutige politische Raumbilder zu dekonstruieren und den Ursachen ihrer politischen Wirkmächtigkeit auf die Spur zu kommen.

Wichtigste Komponente des Projekts ist der „Digitale Atlas politischer Raumbilder zu Ostmitteleuropa" (DAPRO), der während der Laufzeit des Projekts konzipiert und in einer ersten Version verwirklicht werden soll. Der Atlas beschränkt sich nicht auf das Ziel, in die komplexen räumlich-staatlichen Verhältnisse Ostmitteleuropas einzuführen. Über exemplarische Quellen und interaktiv gestaltete Karten sollen darüber hinaus die Formation und Transformation von Raumkonzepten in der Außen- und Geopolitik, der Erinnerungspolitik, der Wissenschaft und ausgewählten massenmedialen Darstellungen (z.B. Zeitungen und Unterrichtsmedien) transparent gemacht werden. Diese Darstellungen sollen, gestützt auf die Expertise der Bildungsmedienforschung und Kognitionspsychologie, den Konstruktcharakter und die Wirkungsmächtigkeit von Raumbildern in transnationalen Kontexten verdeutlichen. Die historische Expertise zu den Staaten der Region wird dabei vom koordinierenden Institut, dem Herder-Institut, im Verbund mit universitären Strukturen geleistet.

Hier schließt eine zweite Komponente an, die den Digitalen Atlas empirisch untermauert, konzeptionell und theoretisch optimiert und mit einer strukturierten Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses verbindet. Dissertationsprojekte aus vier Disziplinen, die an allen kooperierenden Leibniz-Instituten angesiedelt sind, liefern Einzeluntersuchungen zu Darstellungsprinzipien, Wahrnehmungsformen und visuellen Strategien kartographischer Repräsentationen.

Kontakt

Lidia Gläsmann
Historisches Institut Osteuropäische Geschichte Otto-Behaghel-Straße 10D 35394 Gießen