Kontaktzonen. Kulturelle Praktiken im deutsch-tschechisch-polnischen Grenzraum

Das Projekt nimmt aktuelle transnationale Phänomene in den Blick und analysiert wechselseitige Einflüsse sowie Formen von Annäherung, Austausch und Abgrenzung. Dazu werden konkrete Initiativen (in den Bereichen Kultur, Sport und gesellschaftspolitisches Engagement), ihre Strukturen und Wirkungsweisen untersucht. Die historischen Entwicklungen im Grenzraum seit dem Zweiten Weltkrieg dienen hierbei als Bezugsgröße. Zu nennen sind beispielsweise: das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren; der Fall des Eisernen Vorhangs 1989 sowie die Erweiterung der EU 2004 und der Wegfall der Grenzkontrollen drei Jahre später. Diese Markierungen werden medial und kommunikativ inszeniert und tradiert; sie prägen die Akteure, die Initiativen und ihre Aktionen.

„Kontaktzonen" nehmen keine ausschließlich regionale Zuordnung vor, sondern beschreiben in erster Linie soziale Räume: Gebilde, in denen unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen, zusammenstoßen und miteinander in Beziehung treten (Mary Louise Pratt, Arts of the Contact Zone, in: Profession (1991), S. 33-40). Dieses Konzept – ursprünglich im Kontext der Postcolonial Studies entwickelt – berücksichtigt nicht nur gleichberechtigte, sondern auch asymmetrische oder hierarchische Beziehungsstrukturen sowie nachhaltige Auswirkungen politischer Gewalterfahrungen. Die Idee der Kontaktzonen soll in diesem Forschungsvorhaben jenseits verwaltungsrechtlicher Instanzen auf diejenigen Initiativen und Aktionen im deutsch-tschechisch-polnischen Grenzgebiet angewandt werden, die eine transnationale Ausrichtung aufweisen. Das Spektrum reicht von Vereinen über Gruppierungen von informellem Charakter oder institutionell getragenen Projekten bis zu kulturellen und wirtschaftlichen Kooperationen. Von zentralem Interesse ist dabei, wie innerhalb der Kontaktzonen Geschichte konstituiert und wie Gegenwart verhandelt wird. Wem kommt die Deutungsmacht darüber zu? Welche Bedeutung haben materielle oder ideelle Zeugnisse von Erinnerungskulturen?

Die Quellen werden in Experteninterviews, durch teilnehmende Beobachtungen und mittels einer Medienanalyse erhoben, die auch social media, z. B. „Facebook" einbezieht. Das Material soll nach der Auswertung für anschlussfähige Studien im Onlineportal „Lebensgeschichtliches Archiv" zugänglich gemacht werden. Die Durchführung eines Workshops und die Erstellung einer Homepage, die einen Überblick zu den Initiativen im deutsch-tschechisch-polnischen Grenzraum bietet, sind geplant.

Das Projekt hat eine Laufzeit von zwei Jahren (9/2015 bis 8/2017) und wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie dem Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst. Kooperationspartner sind die Brücke|Most-Stiftung sowie das Europäische Zentrum der Künste Dresden, Hellerau.

Contact

Dr. Uta Bretschneider
Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V. (ISGV), Zellescher Weg 17, 01069 Dresden