Genese und Evolution der polnischen extremen Rechten

Abstract zum Promotionsvorhaben

Als am Neujahrstag des Jahres 1979 der hochdekorierte Politiker Bolesław Piasecki (1915-1979) verstarb, verlor das sozialistische Polen nicht nur einen langjährigen Sejm-Abgeordneten; das organisierte Milieu der radikalen Vorkriegs-Nationalisten verlor auch ihren einflussreichsten Anführer.

Die widersprüchliche Figur des Bolesław Piasecki wird in erster Linie mit zwei sich ebenso zu widersprechen scheinenden Milieus in Verbindung gebracht: dem Obóz Narodowo Radikalny-Falanga und dem Stowarzyszenie PAX.

Mithilfe ersterem schickte sich Piasecki an der Spitze einer Generation junger National-Radikaler zu Beginn der 1930er Jahre an, den Zeitgeist totalitärer Gesellschaftsmodelle aufzugreifen und gewaltsam in ein polnisches Pendant zu übersetzen: den Katholischen Staat polnischer Nation. Zweitgenanntes bezeichnet eine im Staatssozialismus einmalige private Unternehmensgruppe, die in der Volksrepublik Polen als Sammelbecken ehemaliger National-Radikaler diente und regimenah die Ideologie eines nationalen Sozialismus popularisierte. Bis heute wirkt dieses Netzwerk unter neuem „Label" wirkungsmächtig in die politische Kultur Polens hinein. Trotz der Bedeutung des nationalradikalen Milieus sind die Umstände ihrer Genese und Evolution bislang aber nur lückenhaft erschlossen.

Das Promotionsprojekt verfolgt daher den Entwurf eines Generationsportraits der jungen National-Radikalen der II. RP anhand einer Rekonstruktion exemplarischer Lebenswelten ihres Hauptprotagonisten, Bolesław Piasecki. Die für seinen persönlichen Werdegang prägenden und für seine Altersgenossen gleichsam charakteristischen lebensweltlichen Kontaktzonen, wie die Ausbildung am privaten Warschauer Gymnasium, die Angehörigkeit zum studentischen Verbindungswesen, die Erfahrung des Wehrdienstes usw. sollen ermittelt, dargestellt und in den übergeordneten Kontext der sozio-urbanen Entwicklung seiner Heimatstadt Warschau integriert werden. Dabei soll, um der Ortlosigkeit gängiger ideenhistorischer Narrationen entgegenzutreten, der Nexus zwischen exemplarischer Individualbiographie und kultureller Topographie Warschaus freigelegt werden.

Contact

Piotr Franz
franz.piotr@gmail.com