25.08. until 07.09.2019 in Gdańsk, Poland

Go East Summer School "Different tales of one historic region – Negotiating shared heritage in Klaipėda, Kaliningrad and Gdańsk"

  • 25.08. until 07.09.2019
  • starting at: 09:00
  • Event language: English
  • Deadline for submissions: 27.05.2019
  • Event location: Klaipėda, Kaliningrad, Gdańsk
  • Type of Event: Summer school
  • Download conference handout

Link to this post: https://www.pol-int.org/en/node/7608

Kulturerbe besitzt einen universellen Wert für Menschen, Gemeinschaften und Gesellschaften. Dabei kann dieses Kulturerbe materieller oder immaterieller Natur sein, aber auch naturbezogene oder digitale Elemente umfassen. Die Wertschätzung des Kulturerbes kann insbesondere für lokale Gemeinschaften von Menschen ein Mittel darstellen, sich eigener Identitäten zu vergewissern, diese unbewusst in das eigene Selbstverständnis zu integrieren oder aktiv zu verhandeln. Neben einer solchen in Gesellschaften „von unten" wachsenden Bedeutung des Kulturerbes kann es andererseits auch ein Instrument zur Konstruktion bzw. Transformation von Identitäten darstellen, die „von oben" (z.B. durch staatliche Behörden oder einflussreiche Organisationen und Autoritäten) konstruiert, befördert oder gar verordnet werden.
Einen besonderen Fall stellen Regionen dar, in denen es wie z.B. nach dem Zweiten Krieg in Teilen Mittel- und Osteuropas einen starken Bevölkerungsaustausch gegeben hat. Die neuen Bewohner sahen sich einem (materiellen) Kulturerbe gegenüber, das nicht ihrem ethnisch-kulturellen Hintergrund entstammte. Während sich im Laufe der Zeit schrittweise Prozesse der Aneignung und Reinterpretation des vorhandenen Kulturerbes durch die neue Bevölkerungsmehrheit vollziehen und dabei Interpretationsmuster teilweise auch aus ihren Herkunftsregionen übertragen werden, transformiert sich das Verständnis über das vorgefundene Kulturerbe. Gleichzeitig bewahren die aus solchen Regionen stammenden Exilgemeinden oft ein verklärtes Bild „ihres" zurückgelassenen (materiellen) Kulturerbes. Während es also sowohl bei den neuen Bewohnern und ihren Nachfahren als auch bei den Exilgemeinschaften zu einer Transformation von Bedeutungszuschreibungen des Kulturerbes kommen kann, besteht dennoch auch die Möglichkeit dieses Kulturerbe als etwas Gemeinsames zu interpretieren. Die Sommerschule greift die Idee des Europäischen Kulturerbejahres 2018 „Sharing heritage" auf. Ihr liegt das Konzept des shared heritage zugrunde. Dieses geht davon aus, dass auch diverse Gemeinschaften mit unterschiedlichen ethnischen oder kulturellen Hintergründen gemeinsames Kulturerbe wertschätzen und bewahren können.
Vor diesem thematischen Hintergrund bieten die drei Städte Klaipėda (Memel), Kaliningrad (Königsberg) und Gdańsk (Danzig) ausgesprochen geeignete Beispiele für den Umgang mit einem gemeinsamen Kulturerbe und aktuelle Aushandlungsprozesse im Hinblick auf die Interpretation und den Umgang mit diesem shared heritage. Alle drei Städte weisen große Ähnlichkeiten in ihren historischen Entwicklungspfaden auf. Dabei handelt es sich jeweils um Städte, die zumindest in Teilen auf Burganlagen des Deutschen Ordens zurückzuführen sind. Ihren Aufschwung als wirtschaftliche Zentren der Region erlangten sie durch ihre Bedeutung im Seehandel über die Ostsee. Sie bildeten dabei wichtige Knoten im Handel zwischen ihrem jeweiligen Hinterland (Weichselraum für Danzig, Pregel und Ostpreußen für Königsberg, Memel für die Stadt Memel). Im 19. Jahrhundert erlebten diese Städte im Zuge der Industrialisierung und im Rahmen ihres Ausbaus als wichtige regionale Verwaltungszentren eine tiefgreifende Modernisierung der städtischen Infrastrukturen wie auch umfangreiche Stadterweiterungen. Nach dem Ersten Weltkrieg fanden sich die drei Städte, die vorher teilweise jahrhundertelang zu Preußen gehörten (Ost- bzw. Westpreußen) in unterschiedlichen staatlichen Kontexten wieder. Die in Klaipėda umbenannte Stadt Memel wurde zunächst Teil des von Deutschland abgetretenen Memelgebiets, das von 1923 bis 1939 zu Litauen kam. Danzig wurde zu einer Freien Stadt unter Völkerbundmandat erklärt. Lediglich Königsberg blieb bei Preußen bzw. Deutschland als Teil der nur noch als Exklave bestehenden Provinz Ostpreußen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wiederum kamen die Städte unter sowjetischen Einfluss: Klaipėda als Teil der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik, das in Kaliningrad umbenannte Königsberg als Teil der Russischen Föderativen Sowjetrepublik und Gdańsk als Teil der Volksrepublik Polen.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam es in allen drei Städten zu einem fast vollständigen Bevölkerungsaustausch. Während das vorhandene (materielle) Kulturerbe in der Sowjetzeit weitgehend negiert oder im Zuge eines meist staatlich verordneten Aneignungsprozesses uminterpretiert wurde, kam es vor allem nach dem Ende der Sowjetherrschaft in allen drei Städten zu einer großen Welle der „Entdeckung" des vorhandenen Kulturerbes. Die Prozesse der Aneignung und Interpretation dieses nunmehr gemeinsamen deutsch-polnischen, deutsch-russischen und deutsch-litauischen Kulturerbes dauern nach wie vor an und spiegeln sich in aktuellen Stadtentwicklungsprozessen wider. Dabei wird das Kulturerbe teilweise in sehr unterschiedlicher Art und Weise interpretiert. Entsprechend verschieden ist auch der jeweilige Umgang mit dem materiellen Kulturerbe, was in der Art und Weise der Wiederherstellung, Nutzung, Bedeutungszuschreibung und Interpretation von Gebäuden, Denkmälern und Stadträumen besonders offensichtlich wird.
Die Sommerschule ist als eine wandernde Sommerschule konzipiert, die den bisherigen und aktuellen Aushandlungsprozessen um die Interpretation des gemeinsamen Kulturerbes in einer früher kulturell
zusammenhängenden Region (Ost-/ Westpreußen) anhand von drei Fallbeispielen nachgehen will. Im Mittelpunkt steht dabei die Auseinandersetzung mit dem baulichen Erbe (Gebäude, Denkmäler, Stadtanlagen und Stadtstrukturen). Dabei sollen die folgenden Inhalte angesprochen werden:

  • Materielles Kulturerbe: Konzepte, Konventionen, theoretische Grundlagen
  • Konzept des shared heritage
  • Historische Stadtstrukturen am Beispiel von Klaipeda, Kaliningrad, Gdansk
  • Aktuelle Stadtentwicklungsprozesse in Klaipeda, Kaliningrad, Gdansk
  • Prozesse der Interpretation und Aneignung von materiellem Kulturerbe anhand von Beispielen
  • Möglichkeiten der Inwertsetzung materiellen Kulturerbes für die Stadtentwicklung in den Beispielstädten
  • Chancen und Grenzen grenzüberschreitender Identifikation mit dem gemeinsamen Kulturerbe der Region

Programm der Sommerschule
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bereiten jeweils eine Impulspräsentation vor. Hierzu wird nach der Auswahl der Teilnehmenden ein Themenportfolio bereitgestellt, aus dem sie ein Thema wählen können. Die Inputs werden jeweils am ersten Tag gehalten, der auch der Einführung in grundlegende Konzepte durch Dozenten dienen wird. Der zweite Tag soll jeweils dazu dienen, dass sich die Teilnehmenden mit der jeweiligen Stadt im Rahmen einer Stadtexkursion vertraut machen. Die Stadtexkursion wird angereichert durch Treffen mit Experten vor Ort (z.B. Historiker, Denkmalpfleger, Vereine). Einen bedeutenden Teil der Sommerschule nehmen eigenständige Explorationsarbeiten ein, die von den Dozenten begleitet werden und jeweils am dritten Tag stattfinden werden. In diesem Rahmen sollen sich die Teilnehmenden eigene Fragestellungen überlegen, die sie an einem Tag durch eigene empirische Arbeiten in der jeweiligen Stadt zu ergründen versuchen. Der vierte Tag dient dann jeweils der Auswertung der Explorationen und der Ergebnisdiskussion bzw. auch der Formulierung von Handlungsempfehlungen. Mit einer alle Themen und Fragen der jeweils vergangenen vier Tage zusammenfassenden Systematisierung schließt das Sommerschulprogramm zu der jeweiligen Stadt ab.


Zielgruppe und Organisatoren
Die Sommerschule verfolgt einen interdisziplinären Ansatz. Sie wird zwar maßgeblich von Humangeographen organisiert. Die Dozenten und Teilnehmer kommen aber auch aus allen relevanten Nachbardisziplinen der Geographie, insbesondere den Kulturwissenschaften, der Stadtplanung und den Geschichtswissenschaften. Maximal 12 Plätze sind für Studierende deutscher Hochschulen reserviert, weitere 8 Studierende kommen aus Litauen, Russland bzw. Polen. Teilnehmen können Bachelorstudierende (ab dem 4. Semester) ebenso wie Masterstudierende. Die Sommerschule wird federführend von der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Klaipeda (Prof. Dr. Eduards Spiriajevas, Professur für Sozialgeographie) organisiert. An der Organisation sind darüber hinaus beteiligt:

  • Prof. Dr. Sebastian Kinder (Professur für Wirtschaftsgeographie, Universität Tübingen)
  • Prof. Dr. Mariusz Czepczynski (Professur für Kulturgeographie, Universität Gdansk)
  • Dr. Andrey Levchenkov (Lehrstuhl für Städtebau, Landnutzung und Design, Universität Kaliningrad).

Kosten und Bewerbung
Die Teilnahmegebühr beträgt 950 € für Studierende an deutschen Hochschulen und 150 € für Studierende an ausländischen Hochschulen. In der Teilnahmegebühr enthalten sind Unterkunft, Transfers während des Sommerschule, Eintrittsgelder, Tagungsmaterialien, Snacks während des Programms.
Studierende deutscher Hochschulen können sich für ein GoEast-Stipendium des DAAD bewerben. Es enthält neben einem Zuschuss zur Teilnahmegebühr (650 €) auch eine Reisekostenerstattung und ein Stipendium.
Interessenten richten ihre englischsprachige Bewerbung bitte mit Motivationsschreiben, Transcript of records sowie Bachelorzeugnis (bei Masterstudierenden) an sebastian.kinder@uni-tuebingen.de
Die Bewerbung um ein GoEast-Stipendium des DAAD erfolgt separat über den folgenden Link: https://www.daad.de/ausland/prg/goeast/de/67757-au...
Bewerbungsschluss (DAAD und Summer School): Montag, der 27.Mai 2019.
Kontakt für Nachfragen: sebastian.kinder@uni-tuebingen.de
Mehr Informationen im Internet unter https://www.shared-heritage-summer-school.com/

Contact

Prof. Dr. Sebastian Kinder
Universität Tübingen - Wirtschaftsgeographie, Rümelinstr. 19-23, 72070 Tübingen