Blog: Die vergessene Grenze wiederentdecken (5) [DE]

In diesem Blog berichten die Studierenden, die an der Exkursion „Die vergessene Grenze wieder entdecken. Spurensuche von Danzig bis Oberschlesien" teilnehmen, vom 19. bis zum 26. Mai 2018 täglich von den jeweils absolvierten Etappen – angefangen in Katowice und endend in Gdynia. Dem Thema entsprechend erscheinen alle Blog-Einträge in deutscher und in polnischer Sprache.

Auf gut Glück: Das erfolgreiche Ende der Suche nach dem Grenzverlauf von 1918. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

Auf gut Glück: Das erfolgreiche Ende der Suche nach dem Grenzverlauf von 1918. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

[Polski]

Die Suche nach Überresten der alten Grenze begann für einen Teil der Gruppe heute bereits in den frühen Morgenstunden. Noch vor dem Frühstück begaben sich einige unserer Teilnehmer in die Wälder rund um Zbąszyń, um dort nach alten Grenzsteinen zu suchen. Die Suche stellte sich als schwierig heraus, denn der genaue ehemalige Grenzverlauf ist kaum noch zu erkennen. Am Ende kamen wir trotzdem nicht mit leeren Händen zurück: Auf der Landstraße zwischen Zbąszyń und Dąbrówka Wielkopolska (ehemals Groß Dammer) fanden wir tatsächlich einen Grenzstein, versteckt zwischen Unkraut und Bäumen. Einige hundert Meter weiter erinnert man sich dagegen an die (eben nicht vollends) vergessene Grenze: Eine Ausstellung zeigt die lokalen Folgen der Grenzverschiebung von 1918, wie etwa der Austausch von deutschen und polnischen Spionen an diesem Ort.

Später ging es für uns mit dem Bus weiter Richtung Nietoperek, einem Dorf der Gemeinde Międzyrzecz . Auf diesem ehemals deutschen Teil des Grenzgebietes bauten die Nationalsozialisten seit 1934 an der Festungsfront Oder-Warthe-Bogen. Diese Verteidigungslinie sollte das Deutsche Reich vor Angriffen aus dem Osten schützen. Dafür wurde ein rund 32 km langes System errichtet, welches die vielen Bunker miteinander verband. Auf unserer Führung durch die bis zu 40 m tief liegenden Tunnel konnten wir nachvollziehen, wie akribisch die Nationalsozialisten ihre Vorkriegsplanungen vorantrieben. Heute sind die Bunker eine Touristenattraktion und Lebensraum für über 35.000 Fledermäuse. Zum Abschluss tauschten wir unseren Reisebus für ein paar Minuten gegen ein sowjetisches Panzerfahrzeug, bevor es weiter in den Grenzort Pszczew ging.

Spurensuche auf 23 Metern „Tiefe“. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

Spurensuche auf 23 Metern „Tiefe“. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

Dort trafen wir die 84-jährige Wanda Stróżczyńska, die uns die bewegte Lebensgeschichte ihres Vaters, des Kaufmanns Franciszek Golz, erzählte. Dieser betrieb einen Kolonialwarenladen im damals deutschen Betsche und setze sich nach 1918 dafür ein, dass sein Heimatort zu Polen gehörte. Auch wenn seine Versuche erfolglos blieben, konnte er in der Weimarer Republik ein verhältnismäßig gutes Leben führen. Dies änderte sich mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten, als sein Laden aufgrund seiner propolnischen Haltung boykottiert wurde. Der Kaufmann verlor seine Existenzgrundlage und verließ seine Heimat, um in Neustrelitz Arbeit zu finden. Nach dem Krieg kehrte er ins nun polnische Pszczew zurück. Wanda Stróżczyńska, die sich sowohl in der deutschen als auch in der polnischen Sprache beheimatet fühlt, verriet uns am Ende des Gespräches: „Alle, die hier geboren wurden, tragen zwei Seelen und zwei Herzen für Polen und Deutsche in sich."

Zu Gast bei Wanda Stróżczyńska in ihrem Haus in Pszczew, wo sie uns von ihrer Familiengeschichte an der ehemaligen deutsch-polnischen Grenze erzählt. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

Zu Gast bei Wanda Stróżczyńska in ihrem Haus in Pszczew, wo sie uns von ihrer Familiengeschichte an der ehemaligen deutsch-polnischen Grenze erzählt. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

Zum Abschluss unseres Gesprächs fasste Wanda Stróżczyńska auf bewegende Weise - zuerst in polnischer, dann in deutscher Sprache - zusammen, was für sie die deutsch-polnische Erfahrung ihrer Lebensgeschichte bedeutet.

Nach dem eindrucksvollen Gespräch machten wir uns über Międzychód, wo wir im Rahmen einer Stadtführung durch Artur Paczesny mit der Geschichte des ehemaligen Birnbaums bekannt gemacht wurden, auf nach Piła, dem Ende unserer heutigen Etappe..

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