Blog: Die vergessene Grenze wiederentdecken (3) [DE]

In diesem Blog berichten die Studierenden, die an der Exkursion „Die vergessene Grenze wieder entdecken. Spurensuche von Danzig bis Oberschlesien" teilnehmen, vom 19. bis zum 26. Mai 2018 täglich von den jeweils absolvierten Etappen – angefangen in Katowice und endend in Gdynia. Dem Thema entsprechend erscheinen alle Blog-Einträge in deutscher und in polnischer Sprache.

[Polski]

Auf unserer Suche nach Erinnerungsorten der alten Grenze verließen wir heute Katowice und brachen in Richtung Wrocław auf. Von Dawid Smolorz hatten wir gestern von einigen anderen bedeutsamen (Grenz-)Orten entlang unserer Route erfahren, weshalb der Tagesplan spontan um weitere Halte erweitert wurde.

So machten wir uns auf den Weg in das 15 Kilometer entfernte Piekary Śląskie. Der Pilgerort beherbergt eine Wallfahrtsbasilika, die ab 1921 an erheblicher Bedeutung für die örtliche Bevölkerung gewann, nachdem der Großteil der Einwohner im nahegelegenen St. Annaberg, das bis dahin die zentrale Pilgerstätte der Region für Deutsche wie für Polen gewesen war, für den Verbleib bei Deutschland gestimmt hatte. Nach dem Besuch dieses Marienwallfahrtsorts und einem kurzen Zwischenhalt in Zabrze machten wir uns auf den Weg zum eigentlichen Tagesziel, dem oben erwähnten Annaberg. Auf holprigen Landstraßen konnten wir einen Eindruck vom dörflichen Oberschlesien gewinnen. Hier sind viele Ortsschilder noch zweisprachig und vereinzelte deutsche Namenszüge an Häuserwänden liefern Hinweise auf die deutsche Vergangenheit der Region.

Impulsvortrag von Stephan Felsberg am lebendigen Gedenk- und Erinnerungsort Annaberg. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

Impulsvortrag von Stephan Felsberg am lebendigen Gedenk- und Erinnerungsort Annaberg. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

St. Annaberg ist nicht nur aufgrund seiner Funktion als Wallfahrtsort für Deutsche wie für Polen von Bedeutung. Im Zuge der Volksabstimmung 1921 wurde er zu einem wichtigen Symbol der Aufstände in Oberschlesien. Die deutliche Mehrheit der Gemeinde hatte für den Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland gestimmt, doch die Ergebnisse aus dem übergeordneten Wahlkreis forderten den Anschluss der Region an Polen: Gebietsansprüche beider Seiten wurden geltend gemacht. Im Zuge des dritten schlesischen Aufstands wurde der Annaberg von polnischen Kämpfern besetzt, die wenig später von den Deutschen zum Rückzug gezwungen wurden, woraufhin der Annaberg zu deutschem Gebiet erklärt wurde. Fortan fungierte der Wallfahrtsort neben seiner religiösen Funktion im polnischen wie im deutschen Gedenken auch als Erinnerungsort an die blutigen Kämpfe von 1921. 1936 wurde schließlich der Grundstein für ein Reichsehrenmal der Freikorpskämpfer mit Mausoleum gelegt, in dem die gefallenen deutschen Kämpfer von 1921 bestattet wurden. Nachdem die Region nach Ende des Zweiten Weltkriegs an Polen fiel, wurde das Mausoleum zerstört und 1955 ein Aufständischen-Denkmal als neuer Gedenkort errichtet, welches wiederum den ewigen Kampf Polens gegen Deutschland symbolisieren sollte.

Lucjan Dzumla über das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

Lucjan Dzumla über das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

Der thematische Abschluss des Tages fand im 25 Kilometer entfernten Opole statt, wo wir zu Besuch im Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit waren. Direktor Lucjan Dzumla erzählte uns über seine Arbeit, die sich die Verständigung der in der Region lebenden deutschen Minderheit und polnischen Mehrheitsgesellschaft zum Ziel gesetzt hat. Den Tag schlossen wir im wunderschönen Wasserschloss Zamek Wojnowice ab, in welchem wir vom Vizepräsidenten der seit 2014 bestehenden Jan Nowak-Jeziorański-Stiftung „Kollegium Östliches Europa", Laurynas Vaičiūnas, herrschaftlich willkommen geheißen wurden.

Der Morgen danach vor dem Wasserschloss in Wojnowice. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

Der Morgen danach vor dem Wasserschloss in Wojnowice. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

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