Blog: Die vergessene Grenze wiederentdecken (2) [DE]

In diesem Blog berichten die Studierenden, die an der Exkursion „Die vergessene Grenze wieder entdecken. Spurensuche von Danzig bis Oberschlesien" teilnehmen, vom 19. bis zum 26. Mai 2018 täglich von den jeweils absolvierten Etappen – angefangen in Katowice und endend in Gdynia. Dem Thema entsprechend erscheinen alle Blog-Einträge in deutscher und in polnischer Sprache.

[Polski]

Den zweiten Tag unserer Studienreise entlang der deutsch-polnischen Grenze der Zwischenkriegszeit begannen wir mit einem Besuch im Schlesischen Museum, dessen neues Gebäude 2016 auf dem Gelände der ehemligen Grube „Katowice" eröffnet wurde und an die reiche Geschichte der Region anknüpft. Allein die Geschichte des Museums ist so interessant wie seine Architektur: So sollte das Museum im Frühjahr 1940 eingeweiht werden – in einem Bau, der seinerzeit zu einem der modernsten in Europa gehörte. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und der Einnahme Ost-Oberschlesiens durch Deutschland wurde das Gebäude auf Befehl des Gauleiters von Oberschlesien, Fritz Bracht, auseinandergenommen, womit letzterer sich den Vorwurf der Unwirtschaftlichkeit einbrachte. Eine erneute Eröffnung des Museums konnte erst Mitte der 1980er Jahre erfolgen.

Visualisierung der neuen Grenze nach der Volksabstimmung in Oberschlesien in der Ausstellung „Licht der Geschichte. Oberschlesien im Laufe der Geschichte“. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

Visualisierung der neuen Grenze nach der Volksabstimmung in Oberschlesien in der Ausstellung „Licht der Geschichte. Oberschlesien im Laufe der Geschichte“. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

Die erste Dauerausstellung, die wir besuchten, war die Galerie der Amateurplastik, in deren Mittelpunkt das Schaffen solcher Bergleute wie Paweł Wróbel, Erwin Sówka, Franciszek Kureja oder Bronisław Krawczuk stand, die sich nach der Arbeit in den städtischen Kulturhäusern künstlerisch betätigten. Die Gemälde und Skulpturen bringen die drei wichtigsten Aspekte im Leben eines Schlesiers zum Ausdruck – die Familie, Arbeit und die Spiritualität.

Danach wurden wir durch die Dauerausstellung zur Geschichte Oberschlesiens von seinen Anfängen bis zu den Ereignissen von 1989 geführt. Wir beobachteten, wie sich die Präsenz der Grenze auf die Entwicklung der Region auswirkte und vor welche Herausforderungen sie ihre Einwohner stellte. Die Ereignisse der Zwischenkriegszeit und die Art und Weise, wie nach dem Ersten Weltkrieg die Grenze in Oberschlesien bestimmt wurde, wirken bis heute nach.

Führung mit Dawid Smolorz, hier vor dem Gebäude des Oberschlesischen Museums in Bytom. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

Führung mit Dawid Smolorz, hier vor dem Gebäude des Oberschlesischen Museums in Bytom. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

Am Nachmittag begaben wir uns mit unserer Spurensuche nach der alten Grenze auch „ins Feld". Der schlesische Journalist, Historiker und Germanist Dawid Smolorz zeigte uns noch stehende Zollhäuser und Streifenwege, anhand derer ehemalige Grenzübergänge zu erkennen sind. Auch in den Städten lässt sich der Grenzverlauf anhand der ihrer spezifischen Architektur nachvollziehen: So hat Bytom eine für die Weimarer Republik typische Bebauung, während Katowice den polnischen Modernismus der 1920er Jahre repräsentiert.

Mit dem Überqueren der Grenzen in der Zwischenzeit verhielt es sich unterschiedlich. In Rudzka Kuźnica verlaufen die Straßenbahngleise und die Hauptstraße von Zabrze nach Bytom heute einige hundert Meter entfernt von der kleinen Häusersiedlung. Um zwischen diesen beiden – damals deutschen – Städten nicht polnisches Territorium durchqueren zu müssen, bauten die Deutschen eine neue Straße und verlegten neue Straßenbahngleise. Verkehrskarten fungierten als Reisepässe und ermöglichten ein regelmäßiges Passieren der Grenze, was für die Bewohner der Region zum Alltag gehörte. Es ist bemerkenswert, dass die Zollbeamten nicht jeden kontrollierten, der die deutsch-polnische Grenze überquerte, geschweige denn Kinder, die im Grunde genommen ohne Einschränkungen von einer auf die andere Seite laufen konnten. Kontrolliert wurde nur dann, wenn der Verdacht auf Schmuggel bestand.

Oberschlesien zeigt sich als Region mit einer schwierigen und außergewöhnlichen Geschichte, in der die Spuren der ehemaligen Grenze immer noch im öffentlichen Raum sichtbar sind.

Die Teilnehmer_innen der Studienreise in der Mitte der ehemaligen Grenze zwischen der Zweiten Polnischen Republik und dem Deutschen Reich. Im Hintergrund rechts das polnische Zollhaus, links sein deutsches Pendant. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

Die Teilnehmer_innen der Studienreise in der Mitte der ehemaligen Grenze zwischen der Zweiten Polnischen Republik und dem Deutschen Reich. Im Hintergrund rechts das polnische Zollhaus, links sein deutsches Pendant. Foto: Ondřej Cinkajzl | oc-photo.com

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