Geschichte im Stadion: Choreografien polnischer Fußballfans zwischen Subkultur und Mainstream

Historische Bilder im Stadion

Am 2. August 2017 fand das Champions League-Spiel zwischen dem polnischen Fußballverein Legia Warschau und dem FC Astana statt. Zu Spielbeginn wurde im Warschauer Fanblock eine Blockfahne aufgezogen. Hunderte Fans präsentierten eine Inszenierung, die über die Grenzen Polens hinweg für Aufsehen sorgen sollte. Auf der Fahne war der Oberkörper eines Soldaten zu sehen, in dessen Hand sich eine Waffe befand, die auf den Kopf eines Kindes gerichtet war. Auf dem Bild trug der Soldat ein Adler-Symbol, wie es von Uniformen der deutschen Wehrmacht bekannt ist. Das blutverschmierte Kind trug an seiner Mütze einen weiß-roten Anstecker, der darauf hindeutet, dass das Kind sich der polnischer Bevölkerung zugehörig erweist. Hinterlegt wurde diese aufwendige Blockfahne mit Papptafeln, die die umstehenden Fans hochhielten. Sie ergaben die Zahlenkombination „1944" auf weiß-rotem Grund, die einen Zusammenhang zum am 1. August 1944 begonnen Warschauer Aufstand herstellte. Dazu zeigten die Fans ein Spruchband mit dem Schriftzug „During the Warsaw Uprising Germans killed 160.000 people. Thousands of them were children." Die Fans nahmen mit diesem Bild nicht nur Bezug auf die in diesem Zeitraum stattfindenden Gedenkveranstaltungen, sondern bezeichneten auch Wehrmachtssoldaten als Mörder polnischer Kinder.

Mit dieser Art von inszenierter Geschichte im öffentlichen Raum werden polnische Fußballfans – gewollt oder ungewollt – immer wieder Teil einer gesellschaftlichen Diskussion um das historische Selbstbild der polnischen Nation. Wobei Reaktionen auf die Choreografien der Fans zwischen subversiven und staatstragenden Rezeptionen polarisieren. Dieses Bild ist nur ein Beispiel für das für Ultras und Hooligans typische Element der Choreografien, die gerade in Polen zunehmend historische Ereignisse, wie etwa die Solidarność-Bewegung, den Tod des polnischen Papstes Johannes Paul II., den Warschauer Aufstand oder den Posener Aufstand 1956 inszenieren. Historische Inhalte mit nationalistischem Bezug häufen sich. Zunehmend fallen die Choreografien mit öffentlichen Debatten, wie etwa bei der genannten Choreografie und der Diskussion um deutsche Reparationszahlungen an Polen, zusammen. Die bisher vor allem in den polnischen Medien als verrohte Gewalttäter und Abschaum der Gesellschaft charakterisierten Fans gelangen so in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Debatten. Unter Vertreter*innen der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość, PiS), der katholischen Kirche und weiteren politischen Gruppen werben sie für ihre Anliegen. Durch die Teilnahme an staatlichen Gedenkfeiern oder auch gemeinsamen Pilgerfahrten erhalten sie einen offenen Zugang zu den Fanszenen. Die Fans scheinen diese Angebote sehr wohlwollend anzunehmen, steigt doch die Anzahl der Zusammenkünfte zwischen einzelnen Fanszenen und genannten Vertreter*innen in den letzten Jahren enorm an.

Fragestellung und Ziele

In dieser Arbeit gilt der Blick den polnischen Hooligans und Ultras, also den Fans, die mit Fahnen und Gesängen ihre Mannschaft bzw. ihren Verein unterstützen, gar mit gewalttätigen Übergriffe auf andere Fans oder Polizist*innen zu verteidigen suchen. Mit ihren oftmals aufwendig hergestellten, bemalten und über mehrere Stadionblöcke ausgebreitete Choreografien aus zusammengeklebten Folienbahnen oder auch Spruchbändern bringen sie Geschichte „in Bewegung" und erzeugen eine eigene Narration.Die Choreografien sind Zeugnisse des Aushandlungsprozesses zwischen der Subkultur und der Kultur der Eltern. Subkulturen prägen sich durch gemeinsame Bedeutungen, Werte und Ideen, verkörpert durch materielle Dinge, Glaubenssystemen, Sitten, Bräuche und auch Institutionen sowie Orte, die sie von der dominanten Kultur unterscheiden. Die dominierenden Elemente des Mainstreams in der Darstellung von Geschichte in der polnischen Öffentlichkeit lassen sich hierbei etwa an Hand der aktuellen Geschichtspolitik ablesen. Aushandlungsprozesse und Einflüsse von Geschichtspolitik werden beispielsweise an Hand von öffentlichen Gedenktagen, Zeitungsartikeln oder auch wissenschaftlichen Auseinandersetzungen sichtbar.

Die zentrale Frage dieser Arbeit lautet: Wie wandeln sich Choreografie subkultureller Fußballfans zu einem Teil der populären Geschichtsdebatte? Dabei muss im ersten Abschnitt der Arbeit nach den verschiedenen Choreografien mit historischem Bezug gefragt werden. Der zweite Abschnitt der Arbeit gilt dann folgender Frage: Wie können die Choreografien mit historischem Bezug als Teil einer Geschichtskultur begriffen werden?

Die von 2003 bis 2016 stattgefundenen Choreografien mit historischem Bezug stellen hierbei den Gegenstand der Analyse dar. Nach der Erfassung der Motive erfolgt eine Analyse vor dem Hintergrund der aktuellen Geschichtspolitik in Polen. Ziel der Arbeit ist, zu erörtern, welche Einfluss Choreografien mit historischem Bezug auf die Geschichtsdebatte der zurückliegenden Jahre hatte. Die Arbeit soll einen Beitrag dazu leisten, die Ursprünge und Dimensionen national-konservativer Tendenzen innerhalb der polnischen Bevölkerung nachzuzeichnen.

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Oliver Wiebe