Tagungsbericht der Studienreise „Grüne Revolution im Kleinen?“

Vom 9. bis 10. März trafen sich ForscherInnen im niederschlesischen Wałbrzych im Rahmen des wissenschaftlichen Austauschs über Klima- und Umweltpolitik in Polen. Ziel der von Pol-Int organisierten Studienreise waren Treffen mit der polnischen Bürgerbewegung „Alarm Smogowy" und mit VertreterInnen der Bezirksverwaltungen in Wałbrzych und Bielawa. Die Reise fand im Rahmen des hauseigenen Salons und Wissenschaftsblogs zum Thema „Interdisziplinäre Dimensionen von Energie und Umwelt" statt, welcher seit April 2016 auf Pol-Int u.a. über den neusten Stand der Klimaforschung in Polen berichtet.

"Stara Kopalnia" in Wałbrzych, Foto: Oliver Wiebe

"Stara Kopalnia" in Wałbrzych, Foto: Oliver Wiebe

Früh am Tage war es, als wir die Züge bzw. Busse gen Wrocław bestiegen, wo die Auftaktveranstaltung unserer Studienreise stattfand. So bedeckt wie der Himmel am dämmernden Morgen war, blieb es auch im weiteren Verlauf unserer Tour. Denn Polen hat ein großes Problem mit Smog und Luftverschmutzung. Aktuelle Messungen der polnischen Bürgerbewegung „Alarm Smogowy", dessen Name im Deutschen mit „Smog-Alarm" übersetzt werden kann, unterfüttern die beunruhigenden Medienberichte aus den zurückliegenden Wintermonaten. [1]

Polens Luftverschmutzung übertrifft die bisher bekannten Werte aus klassischen Smog-Städten wie etwa Peking oder Delhi um ein Vielfaches. Die Erhebungen der Bürgerbewegung zeigen, dass ein Großteil der Luftverschmutzung durch private Haushalte und deren illegale Müllverbrennungen zu Stande kommen. Die Folgen sind zahlreiche gesundheitliche Beschwerden und sogar Todesfälle durch Erkrankungen der Atemwege. Die AktivistInnen aus den Umweltschutzbewegungen in Polen engagieren sich deswegen für ein schärferes Umweltbewusstsein bei den BürgerInnen.

„Alarm Smogowy“ in Wrocław und Niederschlesien

Vor diesem Hintergrund trafen wir am ersten Tag der Studienreise einen der führenden Köpfe der NGO „Eko-Unia", die in der überregionalen Bewegung „Smog Alarm" in Wrocław bzw. Niederschlesien organisiert ist. [2] In seinem Vortrag „Tätigkeit und Wirksamkeit einer lokalen NGO bei der Planung und Umsetzung einer Niedrigemissionsstrategie in Zusammenarbeit mit Stadt und Wojewodschaft" berichtete Radosław Lesisz über die Struktur der 2014 in Niederschlesien gegründeten Initiative. Er betonte die strukturellen Unterschiede in der Auseinandersetzung mit Klima-Themen in Polen: „Die Regierung agiert stets mit zentral gesteuerten Kampagnen, während wir auf der lokalen Ebene Missstände anprangern und versuchen, Lösungsvorschläge zu formulieren." Hierbei hob er vor allem die vielen bottom-up-Projekte hervor, die die polnische Bevölkerung für Klima- und Umweltschutz sensibilisieren sollen und deswegen an der Basis ansetzen: „Wir legen großen Wert auf schulische Bildung, Ausstellungen, aber auch auf plakative Aktionsformen, wie Flash Mobs und Demonstrationen zu Umweltschutz in Polen. Die sozialen Netzwerke wie etwa Facebook sorgen dafür, dass bisher unbekannte Themen wie Smog und Umweltverschmutzung von den Menschen überhaupt erst einmal wahrgenommen werden", referierte Lesisz. In Zusammenarbeit mit dem Ordnungsamt seien auch Konzepte zur Überwachung der Luftbelastung entwickelt wurden. Hanna Schudy, ebenfalls aktiv in der Klimaschutzbewegung, berichtete über die noch junge Tradition des Umweltschutzes in Polen. Sie betonte, dass das gesammelte Wissen der UmweltschützerInnen aus den NGOs bei Expertengesprächen und in der Gutachter-Tätigkeit oftmals sehr geschätzt wird. Die Bürgerbewegung arbeite laut Lesisz von Projekt zu Projekt, wobei die AktivistInnen als Ehrenamtliche noch einem normalen Beruf nachgehen würden und sich die Arbeit selbst beigebracht hätten. In der Gründungsphase konnte die Bürgerbewegung dabei auf vorhandene Strukturen von etablierten, selbstorganisierten Gruppen in Wrocław zurückgreifen. Durch die stetige Weitergabe des Wissens versucht „Smog-Alarm", einen Wissenstransfer in bisher von Umweltschutzbewegungen unbefleckte Regionen wie Szczcecin und Westpommern zu ermöglichen.

Wałbrzych und die „Stara Kopalnia“

Führung durch das ehemalige Bergwerk "Julia", Foto: Oliver Wiebe

Führung durch das ehemalige Bergwerk "Julia", Foto: Oliver Wiebe

Im Anschluss folgte die Weiterreise nach Wałbrzych, wo am Abend das ehemalige Bergwerk „Julia" besichtigt wurde. Der einstige Arbeitsplatz von etwa 20.000 ArbeiterInnen entstand bereits im 17. Jahrhundert. Zu Hochzeiten förderte das Bergwerk zwischen 650.000 und 800.000 Tonnen Kohle im Jahr. 1996 schloss die Grube, ehe die zentralen Gebäude des Bergwerks 2014 zu einem modernen Kultur- und Wissenschaftszentrum unter dem Namen „Stara Kopalnia" umgebaut wurden. Auf dem Gelände finden heutzutage neben Workshops und Konferenzen auch Freilichtveranstaltungen und Märkte statt. Es gibt Ausstellungsflächen zur Technikgeschichte des Bergbaus sowie ein hauseigenes Café mit Herberge für Übernachtungsgäste. Die Geländeführung durch den ehemaligen Bergmann Stanisław Zubalski sowie der anschließende Austausch in einer Gaststätte im benachbarten Kurort Szczawno-Zdrój verdeutlichten, dass Klima- und Energiepolitik in Polen nicht ohne die Berücksichtigung ehemaliger und aktueller Transformationsprozesse auf lokaler Ebene betrachtet werden können. Langfristige Projekte zur Verringerung der Luftverschmutzung müssen gerade in den vom Bergbau geprägten Regionen individuell entwickelt werden. Trotz der umweltschädlichen Folgen des Bergbaus haben die ehemaligen Hauptarbeitgeber der Region, die Bergbauunternehmen, wie die Kohle als solche immer noch einen sehr guten Ruf innerhalb der Gesellschaft. So bietet die „Stara Kopalnia" nicht nur symbolisch einen sehr geeigneten Ort, um über Polens Klimapolitik zu diskutieren.

Diskussion mit VertreterInnen der Stadtverwaltungen von Wałbrzych und Bielawa

Am zweiten Tag der Studienreise wurde dann das Gespräch mit VertreterInnen der Stadtverwaltungen von Wałbrzych und Bielawa gesucht, um zu erfahren, inwieweit Umwelt- und Klimaschutz sowie auch die Arbeit der genannten NGOs und Bürgerbewegungen Einzug in die Lokalpolitik finden. Wiesław Sójka, Abteilungsleiter für Umweltschutz aus der Stadtverwaltung von Wałbrzych, referierte über „Wałbrzych – vom schwarzen Schaf zum Musterschüler. Postindustrielle Metamorphose einer Bergbaustadt: lokale Bedingungen, Chancen und Herausforderungen im Zusammenhang mit einer Niedrigemissionsstrategie." Die Stadtverwaltung hat ein eigenes Förderprogramm namens „Zielony Wałbrzych 2020" (Grünes Wałbrzych 2020) entwickelt. Darin sind städtebauliche Veränderungen wie der Neubau von Radwegen, die Erneuerung der Straßenbeleuchtung oder auch park and ride-Systeme für PendlerInnen enthalten. Neben Sanierungsmaßnahmen städtischer Infrastrukturen soll u.a. auch die CO2-Emissionsrate um 346 Tonnen verringert werden. Dazu habe die Stadt im Jahr 2017 33 Millionen zł eingeplant. Ein Großteil der Gelder zum Umbau der Stadt stammt aus EU-Fonds.

Anna Nowak aus Bielawa referierte über „Pioniere auf lokaler Ebene bei der Implementierung von Niedrigemissionsstrategien. Was kann man aus der internationalen Zusammenarbeit lernen?" Sie betonte die grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Bielawa und der deutschen Stadt Lingen, in deren Rahmen das Modell der ökologischen Stadt für Bielawa entwickelt wurde. So wurde 1999 etwa der erste Ökologie-Kindergarten eingerichtet. Auch in der schulischen Bildung haben Ökologie und Umweltschutz Einzug in die Fächer erhalten, so Nowak. 2015 wurde im Herzen der vormals von der Textilindustrie geprägten Kleinstadt ein Park sowie eine Waldschule eingerichtet, die ökologische Themen für BürgerInnen sichtbar machen sollen.

Revolution im Kleinen versus städtebauliche Aufwertungen

Foto: Oliver Wiebe

Foto: Oliver Wiebe

Die Abschlussdiskussion dieser Studienreise thematisierte den Umgang mit Projekten zu Umwelt- und Klimaschutz in Polen. Dabei wurde deutlich, dass sich die Handlungsansätze der NGOs zum Teil erheblich von den Maßnahmen der Städte- und Kommunalverwaltungen unterscheiden. Einerseits findet ein gesellschaftlicher Wandel statt, sodass Klimaschutz nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht, sondern vielmehr als Mittel zur Verbesserung der Gesundheit und Steigerung der Lebensqualität der BürgerInnen betrachtet wird. Im Gegensatz zu den bisweilen umfangreich vernetzten ehrenamtlichen Klimaschutzinitiativen wurde im Gespräch mit den VertreterInnen der städtischen Verwaltungen andererseits deutlich, dass Umweltschutz in Polen vor allem als Chance für städtebauliche Veränderungen gesehen wird. Ein wirklicher Paradigmenwechsel hin zu langfristigen Maßnahmen zur Verbesserung des Umweltschutzes ist jedoch noch längst nicht vollzogen. Statt die Wissensvorsprünge der Initiativen auf lokaler Ebene stärker zu nutzen, werden ExpertInnen aus den Großstädten angeworben, um in der Provinz Umweltpolitik zu praktizieren und lokale Herausforderungen zum Klimaschutz zentralistisch zu lösen.

Die Studienreise offenbarte, wie sehr Themen zum Klima- und Umweltschutz in Polen mehr und mehr an Aufmerksamkeit und auf regionaler sowie nationaler Ebene an politischer Relevanz gewinnen. So bleibt zu hoffen, dass drängende Probleme wie etwa die Luftverschmutzung durch Kohle- und Müllverbrennungen in den kommenden Jahren gelöst werden können.

[1] https://www.nzz.ch/panorama/alarmierende-luftverschmutzung-smog-alarm-in-polen-ld.139106

[2] http://dolnoslaskialarmsmogowy.pl/