Als Deutsche in Polen. Eine zweite Heimat? [DE]

Als Deutsche in Polen. Eine zweite Heimat?

Polen ist kein Einwanderungsland. Offiziell jedenfalls, und wenn man den polnischen Politikern glaubt. Sowohl Präsident Andrzej Duda[1] als auch Premier Beata Szydło[2] betonen gerne auch im Ausland, dass die vielen Ukrainer im Lande fast ausschließlich „Flüchtlinge" seien, nicht etwa ganz normale Arbeitsmigranten mit Visum und Arbeitserlaubnis. Die Zahlen, die die Ausländerbehörde, das Hauptamt für Statistik in Warschau und nun auch das Ministerium für Familie, Arbeit und Soziales veröffentlichen, sprechen eine ganz andere Sprache. Demnach stellten im Jahr 2016 polnische Firmen 1,3 Millionen Anträge auf Arbeitserlaubnis für Migranten aus dem Osten. Neben Saisonarbeitern suchen polnische Unternehmer vor allem Fachkräfte für Büro und Technik. Die konservative Tageszeitung Rzeczpospolita spricht sogar von einem „Rekord der Arbeitsimmigration" im Jahr 2016.[3]

Deutsche kommen in den polnischen Statistiken zur Arbeitsmigration nicht vor. Anders als Nicht-EU-Bürger brauchen sie keine Arbeitsgenehmigung. Statistisch erfasst werden sie wie alle EU-Migranten also nur, wenn sie sich an ihrem neuen Wohnort anmelden, Kinder in die Schule schicken, an einer polnischen Universität studieren, die „Bescheinigung für den registrierten Aufenthalt eines EU-Bürgers in der Republik Polen" beantragen usw. Dennoch zählt Polen den deutschen Statistiken zufolge zu den Top-Ten-Auswanderer-Zielen. 2009 stieg Polen mit 12.049 sogar zu den drei beliebtesten Zielländern auf ‒ nach der Schweiz mit 24.624 deutschen Immigranten und den USA mit 13.445[4]. Inzwischen sind viele wieder zurückgekommen. Polen ist auf der Auswanderer-Beliebtheitsskala von der Türkei, Spanien, Frankreich und anderen Ländern überholt worden, ist aber immer noch unter den Top-Ten.[5]

Ich selbst wanderte zweimal nach Polen aus ‒ 1985/86 studierte ich ein Jahr lang an der Jagiellonen-Universität in Krakau, ging dann zurück, schloss mein Studium ab, publizierte das Buch „Leben als ob. Die Untergrunduniversität Krakau im Zweiten Weltkrieg" und wurde Assistentin am Seminar für Osteuropäische Geschichte in Köln. Zehn Jahre später und nach einem längeren Aufenthalt in Israel, den USA und Großbritannien wanderte ich erneut nach Polen aus. Seit 1995 lebe und arbeite ich als Auslandskorrespondentin der taz und anderer deutschsprachiger Zeitungen in Warschau, pendle aber regelmäßig zwischen Deutschland und Polen hin und her.

Warum Polen?

1985 war es Abenteuerlust. Ich hatte schon 1980 meine Heimatstadt Frankfurt am Main verlassen, um an der Kölner Journalistenschule und dann auch der Kölner Uni zu studieren. Köln war damals die heimliche Hauptstadt der osteuropäischen Dissidenten, zudem begann in Polen der sogenannte „Karneval der Solidarność" bis General Jaruzelski im Dezember 1981 das Kriegsrecht ausrief. Ich habe damals in meiner Mini-Zweizimmer-Wohnung ein offenes Haus geführt und für meine osteuropäischen Gäste gekocht, die mir dann erzählten, wie es gerade in Polen aussieht, in Ungarn, Russland und in der Tschechoslowakei. Nach der Zwischenprüfung gab es kein Halten mehr: Mit einem DAAD-Stipendium fuhr ich nach Krakau.

1995 war es die Aussicht auf eine spannende Arbeit. Als Auslands-Korrespondentin wollte ich den Transformationsprozess in Polen kritisch-wohlwollend begleiten.

Heute – über 30 Jahre nach meinem Studium in Krakau ‒ fühle ich mich wie eine Botschafterin beider Länder. Den Deutschen erkläre ich das aktuelle Geschehen in Polen vor allem durch meine Artikel, während die Polen mich vor allem aus dem Fernsehen kennen. Ich kommentiere durchschnittlich drei bis vier Mal in der Woche im polnischen Radio und Fernsehen das aktuelle Geschehen in Deutschland, oft auch die deutsch-polnische Geschichte oder die internationale Politik mit Bezug auf Deutschland und Polen. Ein sehr wichtiges Thema ist immer wieder auch der Zweite Weltkrieg und die Schoa.

[1] Vor seinem Besuch in Berlin im August 2015 gab der vier Monate zuvor gewählte Präsident Andrzej Duda der Bild-Zeitung ein Vorabinterview, das unter dem Titel erschien: Warum Polen kaum Flüchtlinge vom Balkan oder aus Syrien aufnehmen will. Interview mit Andrzej Duda, Teil II. Hier erklärte er: „[…] was Flüchtlinge angeht, haben wir ein besonderes Problem wegen des Konflikts in der Ukraine. […] Schon jetzt gibt es Hinweise, dass mehrere Hunderttausend Ukrainer zu uns flüchten wollen. Andere Staaten Europas sollten das berücksichtigen, wenn wir über Hilfsbereitschaft sprechen.", in: Bild, 27.08.2015 (Das Interview führten Kai Diekmann, Hans-Jörg Vehlewald und Daniel Biskup): http://www.bild.de/politik/ausland/andrzej-duda/interview-warum-polen-kaum-fluechtlinge-aufnehmen-will-42340036.bild.html. Kritisch zu den Zahlen u.a. in: Der Deutschenversteher. Polens neuer Präsident Andrzej Duda will eine regionale Führungsrolle, aber keine Flüchtlinge übernehmen. Am Freitag ist er in Berlin, von: Gabriele Lesser, in: taz, 28.08.2015: http://www.taz.de/!5223666/

[2] Vor dem Europäischen Parlament in Straßburg erklärte Polens Premier Beata Szydło, dass Polen bereits eine Million Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen hätte und die EU dies bei ihren Solidaritätsforderungen an die Adresse Polens berücksichtigen solle. In Wirklichkeit waren es im Jahre 2015 gerade mal zwei anerkannte Flüchtlinge aus der Ukraine. Zuhause überprüften Medien die Zahlen: Siehe etwa http://kamilkaminski.natemat.pl/168799,polska-przyjela-okolo-miliona-uchodzcow-z-ukrainy oder http://wyborcza.pl/1,75968,19505087,premier-szydlo-mowila-w-pe-o-milionie-uchodzcow-z-ukrainy.html. Der Botschafter der Ukraine erklärte, dass es sich keineswegs um Flüchtlinge, sondern um Arbeitsmigranten aus der Ukraine handle. http://www.tvn24.pl/wiadomosci-z-kraju,3/szydlo-w-pe-o-uchodzcach-z-ukrainy-komentarz-ambasadora-deszczycy,612314.html

[3] Anita Błaszczak: Rekord imigracji zarobkowej, in: Rzeczpospolita, 24.01.2017: http://www.rp.pl/Rynek-pracy/301239893-Rekord-imigracji-zarobkowej.html

[4] Auswanderung: Wohin es Deutsche zieht, in: Das Handelsblatt, 29.08.2010: http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/auswanderung-wohin-es-deutsche-zieht/3526030.html?p=1&a=false&slp=false

[5] Top 20 Auswanderung 2015 – Wohin die Deutschen bevorzugt auswanderten https://auswandern-info.com/top-20.html und Migrationsbericht 2015 des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Auftrag der Bundesregierung, Nürnberg 2016, siehe Kap. 4.2 Abwanderung von Deutschen, S. 175-185 http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Migrationsberichte/migrationsbericht-2015.pdf?__blob=publicationFile

Über die Autorin:

Gabriele Lesser - seit 1995 als Polen-Korrespondentin der taz, des Standard, des Luxemburger Wort und anderer Medien, lebt und arbeitet in Warschau und Berlin. Sie ist von Hause aus Osteuropa-historikerin, hat mehrere Bücher publiziert, und ist seit einigen Jahren auch begeisterte Varsavianistin, die ihre Gäste auf spannende Zeit- und Themenreisen durch Polens Hauptstadt mitnimmt.