Veranstaltungsbericht „Die Zukunft des polnischen Energiesektors“ (Przyszłość energetyczna Polski), 20.10.2016, Universität Łódź [PL/DE]

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Falk Flade, Frankfurt (Oder)

Der polnische Energiesektor steht vor großen Herausforderungen. Einheimische Stein- und Braunkohle, die über viele Jahrzehnte die Energieversorgung sicherte, kann diese aus ökonomischen und politischen Gründen zukünftig immer weniger zu gewährleisten. Potentielle Alternativen wie Atomkraft, Erdgas oder erneuerbare Energien können die Kohlenutzung nur schrittweise ablösen und sind mit hohen Kosten sowie neuen Unsicherheiten verbunden. Andererseits sehen staatliche Prognosen aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung einen weiteren Anstieg des Energiebedarfs voraus. Vor diesem Hintergrund stehen tiefgreifende Entscheidungen an, um den polnischen Energiesektor auf gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen vorzubereiten. Diese Entscheidungen sollten auch von der Bevölkerung mitgetragen und verstanden werden. Deshalb ist Dialog von entscheidender Bedeutung.

Die Diskussionsveranstaltung „Die Zukunft des polnischen Energiesektors" wurde von Dorothea Traupe (Europa-Universität Viadrina) mit einer kurzen Präsentation der Internetplattform Pol-Int sowie des Wissenschaftsblogs „Salon" eröffnet. Dr. Maciej Paszyn (Universität Łódź) führte die anwesenden Gäste, überwiegend Studierende der örtlichen Universität, als Moderator durch die Veranstaltung.

EU-Energiepolitik als Impulsgeber

Zu Beginn seines Vortrags wies Michał Ćwil (PIGEOR, Warschau) auf die entscheidende Bedeutung politischer Rahmensetzung für die zukünftige Entwicklung des polnischen Energiesektors hin. Dabei habe die europäische und globale Energie- und Klimapolitik einen bedeutenden Einfluss, da diese langfristige und ambitionierte Reduktionsziele bei Treibhausgasen sowie den verstärkten Ausbau erneuerbarer Energien vorgeben. Allerdings betonte er, dass die Erhöhung der europäischen Energiesicherheit sowie die Steigerung der Energieeffizienz keineswegs hinter dem Klimaschutz als politischem Ziel zurückstünden. Insbesondere die veränderte Sicherheitslage im Zuge der Ukraine-Krise habe dies nochmals deutlich gemacht. Ungeachtet externer Zielvorgaben werde die polnische Energiepolitik weiterhin vom „Kohledogma" dominiert, das von fachlich weniger versierteren Politikern nach wie vor aufrechterhalten werde, so Michał Ćwil. Allerdings würde diese Zögerlichkeit die notwendigen Umstrukturierungsprozesse weiter verteuern und im Ergebnis zu einer Minderung der Konkurrenzfähigkeit der polnischen Wirtschaft führen. Obwohl die Ratifizierung des Pariser Klimaabkommens auch durch große Kohlekonsumenten wie die USA oder China eine globale Abkehr von der forcierten Kohlenutzung andeuten würde, setze die polnische Regierung die eingegangenen internationalen Verpflichtungen nur halbherzig um und sorge darüber hinaus für rechtliche Unsicherheiten, die die benötigten Investitionen in den heimischen Energiesektor erschweren würden.

Dabei ist für Michał Ćwil klar, dass die Förderung der einheimischen Steinkohle und perspektivisch auch der einheimischen Braunkohle immer weniger konkurrenzfähig sein werden und der steigende Modernisierungsbedarf sich negativ auf die Bilanzen der polnischen Energiekonzerne auswirken wird. Dieser Kosten- und Preisanstieg werde wiederum erneuerbare Energien attraktiver machen und potentielle Prosumenten anziehen, die als Energiekonsumenten auch Elektrizität durch Photovoltaikanlagen selbst produzieren könnten. Insgesamt hält er folgende Maßnahmen für notwendig: kein weiterer Ausbau des Kohlesektors; kein Atomeinstieg, da ein solcher die bestehende zentralisierte Energieversorgung auf Jahrzehnte zementieren würde; Ausbau dezentraler Energieerzeugung durch Prosumenten.

Auch Dr. Joanna Maćkowiak-Pandera (Forum Analiz Energetycznych, Warschau) unterstrich die starken Einflüsse der europäischen Energiepolitik, des Klimapakets sowie globaler Trends. Allerdings liege die Gestaltung des nationalen Energiemixes nach wie vor in den Händen der einzelnen Regierungen. Richtig sei, dass sich auch der polnische Energiesektor, angeregt durch Initiativen auf EU-Ebene, seit Jahren grundlegend verändere. Dabei bestehe Konsens, dass die Emissionen beschränkt werden müssten. Darüber hinaus seien erneuerbare Energien trotz hoher Investitionskosten grundsätzlich attraktiv, da diese auf praktisch unerschöpflichen Quellen beruhten. Diese Besonderheiten, aber auch die hohen finanziellen Zuschüsse für erneuerbare Energien in anderen Ländern, nährten in Polen Befürchtungen, von billigem Strom aus dem Ausland überflutet zu werden. Dagegen sei Kohle als Hauptpfeiler der Energieversorgung durchaus riskant. Erstens wird dieser Energieträger in Polen selbst mittelfristig erschöpft sein. Zweitens verursache die Kohleverstromung bedeutende Gesundheitsschäden. Und drittens sei der polnische Kraftwerkspark aufgrund fehlender Modernisierungen im europäischen Vergleich völlig veraltet. Trotzdem zögere die polnische Regierung, die erforderlichen wichtigen Entscheidungen zu fällen, weshalb sich der gesamte polnische Energiesektor in einem Schwebezustand befände. Gerade deshalb seien Prognosen derzeit schwierig.

Klimaschutz vs. …

Auf die Rückwirkungen europäischer und globaler Energie- und Klimapolitik für den polnischen Energiesektor ging auch Aleksander Śniegocki (WiseEuropa, Warschau) ein. Da die polnische Regierung das Pariser Klimaschutzabkommen im Oktober 2016 ratifiziert hat, habe auch sie sich dem langfristigen Ziel der klimaneutralen Energieerzeugung verschrieben, auch wenn das Abkommen keine detaillierten Vorgaben bezüglich der Emissionsreduktion mache. Allerdings erfordere eine solche klimaneutrale Energieerzeugung ein komplexes Vorgehen und beinhalte neben der Steigerung der Energieeffizienz bestehender Strukturen auch die flächendeckende Einführung erneuerbarer Energien. Dabei sei es wichtig, dass über lange Sicht der Schwerpunkt auf nichtemittierende Energiequellen liege, obwohl kurz- und mittelfristig auch im Bereich des Kohlesektors durch Modernisierungen Effektivitätssteigerungen zu erreichen sind. Allerdings sei hier nach anfänglich preiswerten Emissionssenkungen das langfristige Ziel der Emissionsneutralität nur unter massivem Mitteleinsatz zu erreichen. Ein Fokus auf stark emittierende Energiequellen wie Kohle würde daher eine nicht zukunftsfähige Erzeugungsstruktur konservieren. Deshalb sollte die polnische Regierung nach Meinung von Aleksander Śniegocki folgende Maßnahmen ergreifen: Erstens sollten eindeutig festgelegte Reduktionsziele formuliert werden und keine Investitionsmittel in kurzfristige Effizienzsteigerungen im Hochemissionsbereich geleitet werden. Zweitens sollte Polen von der Möglichkeit des Verkaufs von Emissionsrechten auf EU-Ebene vollen Gebrauch machen. Auf diese Weise könnten zusätzliche Investitionsmittel von 70 bis 160 Milliarden PLN zwischen 2021 und 2030 eingenommen werden. Und drittens sollte die polnische Regierung eine klare und begründete Kommunikationsstrategie gegenüber den BürgerInnen verfolgen. Die notwendigen Ausgaben sollten nicht als Belastung, sondern als Investition in eine wirtschaftliche Modernisierung sowie die Steigerung des Lebensstandards formuliert werden, die im Einklang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen stehe. Insgesamt ist für Aleksander Śniegocki eine ambitionierte Klimapolitik auch in Polen möglich. Allerdings seien dafür mutige politische Entscheidungen notwendig.

Versorgungssicherheit

Dr. Mariusz Ruszel (Politechnika Rzeszów) ging in seinem Vortrag auf einen weiteren zentralen Faktor der polnischen Energiepolitik ein. Vor dem Hintergrund noch immer hoher Importabhängigkeit im Bereich Öl und Gas ist das Thema Versorgungssicherheit von zentraler Bedeutung. Nicht zuletzt die einheimische Kohle sichere Polen im europäischen Vergleich ein relativ hohes Niveau an Energiesicherheit. Dabei werde dieser Energieträger auch perspektivisch mit Abstand am wichtigsten bleiben. Das große Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit des polnischen Kohlesektors zeigten auch umfangreiche Investitionen ausländischer Firmen. Um bestehenden internationalen Verpflichtungen im Bereich der Emissionsreduktion trotzdem nachzukommen, sollte Polen eigene Technologien wie Carbon Capture and Storage (CCS) weiter entwickeln und exportieren. Andererseits sollte auch bereits verfügbares technisches Wissen im Bereich Power-to-Gas genutzt werden. Darüber hinaus zeige sich, dass Polen gerade im Vergleich zu Deutschland weit weniger Kohle verbrauche und damit auch weniger CO2 emittiere. So wurden 2014 in Deutschland 9,8 Tonnen Kohlenstoffdioxid pro Person ausgestoßen, während dieser Wert in Polen bei lediglich 8,2 Tonnen lag. Abgesehen von einheimischer Kohle, sollte die Versorgungssicherheit aber auch durch eine weitere Diversifizierung der Öl-und Gasimporte gesichert werden. Durch den Bau strategisch bedeutsamer Infrastruktur wie dem LNG-Terminal in Swinemünde oder einer geplanten Importleitung aus Norwegen (Baltic Pipe) könne die Versorgungssicherheit in der gesamten Region Ostmitteleuropa erhöht werden. Darüber hinaus könne sich Polen zu einem regional bedeutsamen Gas- und Ölhub entwickeln.

Auch nach Meinung von Prof. Dr. Władysław Mielczarski (Politechnika Łódź) wird der polnische Energiesektor auf lange Sicht weiter auf einheimischer oder importierter Kohle basieren. Dafür sprächen auch die Probleme, die die Attraktivität erneuerbarer Energien deutlich einschränken würden. Erstens produzierten Windräder oder Solaranlagen nur sehr unregelmäßig Strom, was sich in einem Nutzungsgrad von lediglich 25 Prozent bei Windrädern bzw. 10 bis 12 Prozent bei Solaranlagen ausdrücken würde. Darüber hinaus zeige gerade das Beispiel Deutschlands, welche regulatorischen Graubereiche sich bezüglich des Ausbaus erneuerbarer Energien ergeben können. Auch die Geschichte habe gezeigt, dass die Verfügbarkeit neuer Technologien keineswegs gleichbedeutend mit deren Verbreitung sei (Beispiel Concorde-Flugzeug). Darüber hinaus sei der wissenschaftlich-technische Fortschritt deutlich langsamer, als gemeinhin angenommen. Auch im Bereich konventioneller Kraftwerke sei der Wirkungsgrad seit 1960 im Durchschnitt um lediglich 10 Prozent von 30 auf 40 Prozent angestiegen. Eine grundsätzlich andere Entwicklung dürfe auch nicht im Bereich der erneuerbaren Energien erwartet werden. Auch im Bereich transnationaler Elektrizitätsversorgung warnte Władysław Mielczarski nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen auf EU-Ebene vor übertriebenen Erwartungen. Die Probleme mit unkontrollierten Stromflüssen von Norddeutschland über das polnische und tschechische Netz nach Süddeutschland ( loop flows) hätten gezeigt, dass die grenzüberschreitende Verbindung nationaler Stromnetze kritisch zu betrachten sei. Im Ergebnis seien keine Revolutionen auf dem auch in Zukunft kohlebasierten polnischen Energiesektor zu erwarten.

Wichtige Fragen offen

Das Fazit der Diskussionsveranstaltung fällt geteilt aus. Während einige Vertreter dringenden Reformbedarf im polnischen Energiesektor sehen, erwarten andere wenige Neuerungen. Fakt scheint zu sein, dass die polnische Energieversorgung auch mittelfristig überwiegend auf der Verbrennung fossiler Brennstoffe, allen voran heimischer Kohle basieren wird. Vermutlich werden aber bereits die kommenden zwei bis drei Jahre mehr Klarheit bringen, in welche Richtung sich der polnische Energiesektor entwickeln wird. Um die Diskussion der verschiedenen Themenbereiche fortzuführen, können die von den ExpertInnen vorgelegten Thesenpapiere im Pol-Int Salon weiter diskutiert werden können.

Sie finden die Texte unter folgenden Links:

Keynote Tomasz Podgajniak (vertreten durch Michał Ćwil, beide PIGEOR)

Aleksander Śniegocki (WiseEuropa, Warschau)

Dr. Mariusz Ruszel (Politechnika Rzeszów)

Prof. Dr. Władysław Mielczarski (Politechnika Łódź)