Rezension: Städtische Transformationsprozesse in Mittel- und Osteuropa. Stadtentwicklung zwischen Wachstum und Schrumpfung am Beispiel von Łódź und Gdańsk [DE]

Anja Erdmann: Städtische Transformationsprozesse in Mittel- und Osteuropa. Stadtentwicklung zwischen Wachstum und Schrumpfung am Beispiel von Lódz und Gdańsk. Wiesbaden 2014

Rezensiert für Pol-Int von Dr. Paul Srodecki, Redakteurin Dr. Agnieszka Zagańczyk-Neufeld

Blick auf die Unterstadt von Gdańsk (www.wikipedia.org, Author: Leineabstiegsschleuse)

Blick auf die Unterstadt von Gdańsk (www.wikipedia.org, Author: Leineabstiegsschleuse)

Der nicht zuletzt von den Geographen David Harvey, Doreen Massey oder Steve Pile im ausgehenden 20. Jahrhundert initiierte sogenannte „spatial turn" führte in den letzten Jahren zu zahlreichen innovativen Arbeiten in den Sozial- und Geisteswissenschaften, allem voran in der Anthropogeographie und der sozialwissenschaftlichen Raumforschung. So rückten der Raum bzw. das gesellschaftliche Raumverständnis und seine Untersuchung auf einer Mikro- und Mesoebene in den Fokus des Interesses. Urbane Räume bieten hierbei reiche Untersuchungsfelder, sind Städte doch per se sich ständig verändernde Gebilde, die tiefgreifenden sozialen und räumlichen Veränderungen unterzogen werden.

Im Fokus der vorliegenden, von Anja Erdmann verfassten Studie stehen die urbanen Transformationsprozesse im östlichen Mitteleuropa am Beispiel der polnischen Städte Łódź und Gdańsk. Die Verfasserin unterstreicht eingangs, dass es sich bei dem Vorhaben um eine interdisziplinäre Untersuchung handelt, deren „Schwerpunkt zwar auf geographischen Forschungsansätzen liegt" andererseits „aber auch Fragestellungen, theoretische Ansätze und Methoden der Sozial- und Politikwissenschaften" mit einbezieht (S. 20). Erdmann orientiert sich hierbei allem voran an den von Heinz Fassmann, Jörg Stadelbauer und Rolf Reißig entworfenen Ansätzen der regionalen Transformationsforschung, die zur Untersuchung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umbrüche in den Staaten des ehemaligen Ostblocks und ihrer Auswirkungen auf das dortige Städtesystem Methoden der Wirtschaftsgeographie, Politischen Geographie, Stadtgeographie und Sozialgeographie kombinieren.

Als Hauptziel der Arbeit beschreibt Erdmann „die Identifizierung und Analyse der Rahmenbedingungen […], unter denen sich die Städte in Mittel- und Osteuropa gegenwärtig entwickeln" (S. 20). Um die Wachstums- und Schrumpfungsprozesse in den jeweiligen Stadtpolitiken und Stadtplanungen messen zu können, bedient sich die Verfasserin in allererster Linie demographischer Paramater. Durch die Auswertung dieser verspricht sich die Autorin eine Überprüfung der in den letzten Jahren im Hinblick auf Polen bzw. Ostmitteleuropa entwickelten Annahmen, Modelle und Hypothesen der tatsächlichen Veränderungen innerhalb der Stadtstrukturen.

Die Arbeit gliedert sich in sechs Kapitel. Einer recht knapp gehaltenen, sechs Seiten kurzen Einleitung folgt ein ausgedehnterer Abschnitt zu den theoretisch-konzeptionellen, für die vorliegende Untersuchung forschungsleitenden Grundlagen. Hier findet sich auch ein allgemeiner Überblick zu den allgemeinen Rahmenbedingungen der Transformationsprozesse in Ostmitteleuropa. Die Autorin skizziert in diesem Zusammenhang mittels der geographischen Transformationsforschung „insbesondere die Ausgangsbedingungen, die transformationsbedingten Aufgaben und Pfade und die regionalen Auswirkungen" (S. 21-22). Daran anschließend zeichnet Erdmann den bisherigen Forschungsstand nach, wobei sie sich auf die in den letzten Jahren erschienenen Beiträge zur sozialistischen und postsozialistischen Stadt und der Stadtentwicklungsprozesse im östlichen Mitteleuropa konzentriert und die mannigfaltigen Erklärungsmodelle zum Verlauf der urbanen Transformation sowie das der Wirtschaftsgeschichte entliehene Konzept der Pfadabhängigkeit beleuchtet. Diese theoretischen Vorüberlegungen wendet die Autorin im dritten Kapitel auf Polen an. An dieser Stelle geht Erdmann den Fragen nach dem Transformationsverlauf in Polen, den Rahmenbedingungen für die Entwicklung polnischer Städte sowie den Problemen und Barrieren innerhalb der urbanen Transformationsprozesse nach 1989/1990 nach.

Den zentralen Teil des Studie bilden die Kapitel 5-6, die sich dezidiert den Fallbeispielen Gdańsk und Łódź widmen. Hier stellt Erdmann detailliert die aktuellen Stadtentwicklungsprozesse der beiden Städte dar und vergleicht diese miteinander, um im abschließenden sechsten Abschnitt ein Fazit mit einer „qualitative[n] Bewertung und Diskussion der Ergebnisse im Hinblick auf die stadtpolitischen Akteure und Entscheidungsprozesse" (S. 22) zu ziehen.

Erdmann sieht „als wichtigstes Kennzeichen der transformationsbedingten Stadtentwicklung [...] die Ausprägung eines Dualismus, der sich auf der einen Seite in einer gewissen Stabilität hinsichtlich der vorhandenen baulichen Strukturen und in einer wachstumsorientierten Stadtentwicklung zeigt, auf der anderen Seite dagegen zunehmende Verfalls- und Niedergangserscheinungen aufweist." (S. 330) Städte seien „somit durch Wandel und Dynamik in Form von stetigem Wachstum geprägt, zeigen zugleich aber auch [...] persistente gebaute Strukturen sowie den verstärkten Einfluss von Schrumpfungstendenzen und Fragmentierungsprozessen" (S. 330). Zu den stärksten urbanen Wachstumsfaktoren zählt Erdmann hierbei konkludierend die Suburbanisierung, „welche als Prozess auch die bisher sichtbarsten Folgen des Dualismus in Form eines unkontrollierten Flächenwachstums auf der grünen Wiese bei gleichzeitigem Verfall innerstädtischer Bereiche aufweist" (S. 330).

Verglichen mit Westeuropa habe aber die Suburbanisierung in Polen wie auch im übrigen östlichen Mitteleuropa erst später eingesetzt. Zudem lasse sich eine unterschiedliche, länderabhängige Dynamik der Suburbanisierungsprozesse erkennen. So könne etwa „bei den sog. ‚Gewinnerstädten' der Transformation eine höhere Dynamik festgestellt werden, die sich darin zeigt, dass sowohl Kernstadt als auch städtisches Umland an Bevölkerung hinzugewinnen, während bei den sog. ‚Verliererstädten' sowohl Kernstadt als auch Umland kontinuierlich an Bevölkerung verlieren" (S. 330-331). Zumindest die letzte These kann hinsichtlich ihrer von der Verfasserin postulierten ostmitteleuropäischen Singularität stark angezweifelt werden, lassen sich doch gleiche oder zumindest ähnliche Entwicklungen auch für andere sich im wirtschaftlichen Abstieg befindende, strukturschwache Regionen außerhalb Ostmitteleuropas feststellen.

Zwar räumt Erdmann resümierend ein, „dass sich städtische Transformation nicht anhand einiger allgemeingültiger Schlüsselfaktoren beschreiben lässt", sich nur „Prozesse und Wirkungen benennen" lassen, „die übergreifend feststellbar sind", und dass aufgrund der differenzierten Entwicklungen in den ostmitteleuropäischen Ländern nach 1989 „verbindliche und allgemeingültige Aussagen" (S. 344) erschwert seien. Im Großen und Ganzen stellt die Studie aber einen wichtigen Beitrag zu der städtischen Transformationsforschung dar und beleuchtet ein wichtiges zeithistorisches Kapitel polnischer Stadtgeschichte. Ob ihrer einfachen Lesbarkeit bietet das Werk zugleich einen einfachen Einstieg für Laien, die sich für die städtischen Transformationsprozesse in Polen nach 1989 interessieren.

Eine wichtige Erkenntnis ihrer Arbeit ist aber die Herausstellung der mosaikartigen Mustern ähnelnden, hybriden Strukturen innerhalb der Transformationsprozesse der Fallbeispiele Gdańsk und Łódź. Hier lassen sich konträre Stadtentwicklungsprozesse in Form von Wachstum und Schrumpfung feststellen, „die zeitlich und räumlich parallel auftreten und sich dadurch überlagern" (S. 332). In Gdańsk etwa sind diese Muster „aufgrund von Wachstumsprozessen" entstanden, „die eher großräumig in verschiedenen Stadtteilen und stärker als Schrumpfungstendenzen wirken". In Łódź hingegen sind diese Wachstumsprozesse „überwiegend nur kleinräumig zu erkennen, während Schrumpfungsprozesse sich zunehmend im gesamten städtischen Gebiet verstärken" (S. 333). Ein konkretes, auch auf andere ostmitteleuropäische Städte anwendbares Schema eines „neuen Stadttypus" kann zwar von den räumlich beschränkten Untersuchungsergebnissen nicht hergeleitet werden. Die Untersuchung wie auch die von Erdmann geschickt kombinierten Ansätze der komparatistischen Städteforschung können aber als Grundlage für weiterführende vertiefende Forschungsarbeiten dienen, die die aktuellen Stadtentwicklungsprozesse und die mögliche Entwicklungsrichtung der Städte aufgreifen.

Über den Autor

Dr. Paul Srodecki ist seit 06/2015 Stellvertretender Projektleiter des EU-geförderten Projektes

„Collective Identity in Social Networks in East Central Europe" an der

Universität Ostrava, Tschechien sowie freier Dozent an den Lehrstühlen für Osteuropäische Geschichte,

Mittelalterliche Geschichte und Landesgeschichte der

Justus-Liebig-Universität Gießen. Er forscht u.a. zu Historiographie- und Rezeptionsgeschichte, Erinnerung und Traditionsbildung sowie Städtegeschichte (Schwerpunkt: Spätmittelalter und Frühe Neuzeit.