Rezension: Qualitativ-narrative Szenarios für die langfristige Entwicklung des polnischen Energiesektors. Eine energiegeographische Untersuchung [PL/DE]

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Johannes Venjakob: Qualitativ-narrative Szenarios für die langfristige Entwicklung des polnischen Energiesektors. Eine energiegeographische Untersuchung. Stuttgart 2012

Rezensiert von Falk Flade, Frankfurt (Oder)

Ein Blick in die Zukunft der erneuerbaren Energien (Foto: Mathias Appel, Creative Commons)

Ein Blick in die Zukunft der erneuerbaren Energien (Foto: Mathias Appel, Creative Commons)

Johannes Venjakob analysiert in seiner Doktorarbeit die Entwicklung des polnischen Energiesektors mit einem Zeithorizont bis 2050. Besondere Berücksichtigung finden dabei erneuerbare Energien. Der Autor nutzt Ansätze aus Geographie, Zukunftsforschung und den Wirtschaftswissenschaften. Mit seinem interdisziplinären Vorgehen möchte der Autor darüber hinaus einen Beitrag zur methodischen Weiterentwicklung der geographischen Energieforschung leisten. Venjakob kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass der Ausbau erneuerbarer Energien in Polen durch ein inflexibles Energiesystem gehemmt wird. Diese Hemmnisse stellen möglicherweise sogar das Erreichen der europäischen Klimaschutzziele bis 2020 in Frage. Die Ursachen sind nach Meinung des Autors eher auf technologischer, denn auf institutioneller oder akteursbezogener Ebene zu suchen.

Der Hauptteil des Buches gliedert sich in vier Teile. In einer sehr ausführlichen theoretischen Einordnung bespricht der Autor insbesondere das Konzept der Pfadabhängigkeit und erläutert den Nutzen narrativer Zukunftsszenarios für die Untersuchung. Hier werden auch eine ganze Reihe von Forschungsfragen aufgeworfen, unter anderem: Kann es in Zukunft zu einer Umgestaltung des polnischen Energiesektors zugunsten erneuerbarer Energien kommen? Lassen sich pfadabhängige Aspekte in der Entwicklung des Energiesystems identifizieren? Befindet oder befand sich der polnische Energiesektor in einer Lock-in-Situation? Eröffnet der EU-Beitritt ein Handlungsfenster um eine mögliche Lock-in-Situation aufzulösen? Anschließend stellt der Autor grundlegende Informationen zu Raumstruktur und Energiesektor Polens bereit. Unter anderem betont Venjakob die strukturellen Unterschiede im Agrarsektor zwischen West- und Ostpolen, die sich aufgrund der nicht vollzogenen Verstaatlichung auch über die kommunistische Periode hinaus gehalten haben. Nach einer Darstellung des Ist-Zustandes des polnischen Energiesektors diskutiert und bewertet er die „Energiestrategie 2030" des polnischen Wirtschaftsministeriums. Nun folgt das eigentliche Herzstück der Arbeit: die Auswertung der Befragung polnischer Energieexperten sowie die Darstellung der beiden Szenarios zur Entwicklung des polnischen Energiesektors. Das TREND-Szenario orientiert sich im Wesentlichen an den offiziellen Prognosen zur Weiterentwicklung des Energiesektors und an den Befragungsergebnissen. Das ALTERNATIV-Szenario setzt hingegen auf eine deutlich ambitionierte Nutzung erneuerbarer Energiequellen. Im Schlussteil gibt der Autor dann Antworten auf seine Forschungsfragen und leitet Hypothesen für die weitere Forschungsarbeit ab. Es folgt ein umfangreicher Appendix, der vor allem Daten- und Informationsmaterial zu den durchgeführten Befragungen beinhaltet.

Ein Schwerpunkt der Dissertation waren Befragungen polnischer Energieexperten aus Politik, Behörden, der Wirtschaft und Forschung mit Hilfe eines elektronischen Fragebogens, die der Autor von Mitte Juli bis Mitte September 2009 durchführte. Dabei standen Fragen zur zukünftigen Entwicklung des Primärenergiebedarfs, der Energieintensität, der Importquote von Energieträgern und der Effizienz der Strom- und Wärmeerzeugung im Mittelpunkt. Bezüglich der Importquote von Energieträgern prognostizieren die polnischen Experten einen kurz- und mittelfristigen Anstieg. Langfristig wird eine Stabilisierung erwartet, die mit dem geplanten Einstieg Polens in die Atomkraft zusammenhängt. Allerdings merkt der Autor an, dass Polen nach jetzigem Kenntnisstand keine eigenen Uranvorkommen besitzt. Darüber hinaus könnte sich eine zuverlässige und preiswerte Uranversorgung auf dem Weltmarkt als Trugschluss erweisen, da die Uranpreise aufgrund einer ebenfalls steigenden Nachfrage in China und den USA langfristig steigen könnten. Auch nach einer Prognose für den polnischen Energiemix in den Jahren 2020, 2035 sowie 2050 wurden die Experten befragt. Demnach wird der gegenwärtig bedeutende Anteil der Braun- und Steinkohle, aber auch des Öls sukzessive abnehmen, während Erdgas seine Anteile an der Primärenergieversorgung relativ konstant halten kann. Der Kernenergie und insbesondere den erneuerbaren Energien wird durch die Befragten das größte Wachstumspotential zugeschrieben. Allerdings erkennt der Autor im Anstieg der erneuerbaren Energien bis 2050 um lediglich 16 Prozentpunkte keine ambitionierte Nutzungsausweitung. Darüber hinaus wird auch die Bedeutung zentraler Akteure des polnischen Energiesektors für die Ausweitung erneuerbarer Energienutzung abgefragt. Damit sind unter anderem die Europäische Union, das polnischen Wirtschafts- und Umweltministerium, Regulierungsbehörde, polnische und internationale Energieunternehmen und Umweltorganisationen gemeint. Ein echtes Hindernis für ihren ambitionierten Ausbau sehen die befragten Experten im Fehlen einer vernetzten politischen Strategie, in infrastrukturellen Defiziten zur Systemintegration sowie in ihrer immer noch eingeschränkten Wettbewerbsfähigkeit.

Ein zweiter Schwerpunkt der Dissertation liegt auf den beiden narrativen Szenarios TREND und ALTERNATIV. Diese quasi-literarischen Kurztexte sollen einen Eindruck über die mögliche zukünftige Entwicklung in Form von erzählten Geschichten vermitteln. Dabei weist der Autor darauf hin, dass dieser auf den ersten Blick ungewöhnliche Forschungsansatz aus der Energiewirtschaft selbst kommt. Von den Ölkrisen der 1970er Jahre betroffene Unternehmen wie Shell entwickelten systematische Ansätze einschließlich von Szenario-Techniken, um langfristig abgesicherte Planungen zu erstellen. Dabei müssen die produzierten Ergebnisse entsprechend als hypothetischer Entwurf möglicher Zukunftsbilder eingeordnet werden. Um einen Eindruck zu bekommen, werden zwei Auszüge aus den beiden Szenarien angeführt. Im TREND-Szenario unterhält sich die Abteilungsleiterin im deutschen Energieministerium Anna mit Jakub, einem Mitarbeiter im polnischen Resourcenministerium bei einem Spaziergang in Warschau des Jahres 2050: „Die Polen haben einfach Zeit gebraucht in der Europäischen Union anzukommen - auch energiepolitisch", fügt [Jakub] erklärend hinzu. „Wir haben in den Jahren nach dem Beitritt sehr schnell enorme Effizienzgewinne erzielt und auch für die Nutzung erneuerbarer Energien war das Jahr 2004 entscheidend. Wenn ich daran denke, dass erneuerbare Energien vor dem Beitritt zur EU kaum eine Rolle gespielt haben, waren die Veränderungen nicht unerheblich. Es hat nur einfach eine Weile gedauert, bis sich die Wirkung dieses Ereignisses entfalten konnte." „Das leuchtet mir schon ein", erwidert Anna. „Ich frage mich halt nur, wieso dieser Prozess so schleppend angelaufen ist? Eigentlich hat der EU-Beitritt doch in vielen Bereichen zu erheblichen und auch schnellen Umbrüchen geführt. Im Energiebereich gelingt das nicht." „Das hat damit zu tun", antwortet Jakub nach kurzer Pause, „dass ein derartig inflexibles System wie die Energieerzeugung nicht schnell mal eben so umgebaut werden kann. Denk doch nur mal an die Lebensdauer der technischen Anlagen. Und du musst dir auch vergegenwärtigen, dass zu Zeiten des EU-Beitritts unser Energiesystem noch durch Strukturen aus kommunistischen Zeiten geprägt war" (S. 293).

Im ALTERNATIV-Szenario besucht der Wissenschaftsjournalist Christian Baumann zusammen mit Karolina Lewandowska aus dem Lubliner Ministerium für Energie und Landwirtschaft eine Energie-Kooperative: „Die 2020-Ziele konnten, wenn auch nur knapp, erreicht werden. Vor allem in den Folgejahren hat die neu ausgerichtete Strategie dann durchschlagenden Erfolg gezeigt. Wenn ich mich recht erinnere, hatten wir schon um 2030 herum einen Anteil erneuerbarer Energie von rund dreißig Prozent. Inzwischen sind wir mit über siebzig Prozent Spitze in der Europäischen Union", fügt sie stolz hinzu. „Wobei man natürlich betonen muss, dass die erneuerbaren Energien nur einen Teil unseres modernen Energiesystems ausmachen. Es war mindestens genauso wichtig, dass wir bei den Effizienzsteigerungen nicht nachgelassen haben. Bis 2040 haben wir die Energieintensität jedes Jahr deutlich gesenkt" (S. 313).

Tatsächlich bilden die beiden narrativen Szenarien durch ihre Kreativität und Anschaulichkeit ein erfrischendes Instrument zur Zusammenfassung der zusammengetragenen Informationen. Auch die Anwendung des anschaulich erklärten Konzeptes der Pfadabhängigkeit macht bei einer so langfristigen Untersuchung, auch wenn das Konzept selbst einige definitorische Unklarheiten aufweist, auf die der Autor selbst hinweist. Die methodischen Ausführungen zur geographischen Energieforschung wirken dagegen gelegentlich trivial, was gerade die ersten Seiten der Lektüre etwas trocken macht. Dies mag auch daran liegen, dass der Autor hier methodisches Neuland zum Nutzen seiner Disziplin betreten hat. Bedauerlich ist, dass von 473 kontaktierten polnischen Energieexperten lediglich 52 an der Befragung teilnahmen. Insgesamt ist Johannes Venjakob eine schlüssige und informative Dissertation gelungen, die möglicherweise zur Steigerung der Akzeptanz erneuerbarer Energien auch in Polen beitragen wird.