Warschau als polnische Metropole [PL/DE]

[ Polski ]

Dieser Artikel erschien zuerst in den Polen-Analysen 13 (15.05.2007).

Bohdan Jałowiecki, Warschau

Aus dem Polnischen von Jutta Conrad.

Warschau als Polens Metropole des 21. Jahrhunderts stellt alle anderen polnischen Großstädte in Hinblick auf die Konzentration von Macht, Kapital und Prestige in den Schatten und kann mit anderen Metropolen Europas mithalten. Die Veränderung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse nach 1989 brachte für die polnische Hauptstadt einen deutlichen Wandel in den Berufs- und Gesellschaftsstrukturen als Folge der zunehmenden Stärkung des Dienstleistungssektors. Mit dem Wandel ist auch die räumliche Umgestaltung der Stadt verbunden, die zum großen Teil dem Zustrom des ausländischen Kapitals zu verdanken ist: Die Entstehung der Hochhaus-Skyline im Zentrum der Stadt, die große Anzahl von Gewerbeparks, Logistikzentren, Einkaufs- und Unterhaltungspassagen. Parallel dazu bildet sich eine „Metropolenschicht" aus jungen, gut ausgebildeten „Trägern des Kompetenzkapitals": Managern, Finanzfachleuten, Unternehmensberatern, Juristen, Journalisten. Ihren Trends, Gewohnheiten und ihrem Lebensstil folgen private wie öff entliche Stadt-Räume: geschützte Shopping-Malls, Apartmenthäuser und so genannte „gated communities" als Inseln des Wohlstands im weiten Mosaik von Durchschnitt und Hässlichkeit.

Die Warschauer Downtown (Creative Commons)

Die Warschauer Downtown (Creative Commons)

Die polnischen Städte erleben derzeit eine Phase tief greifender Veränderungen: Ihre Berufs- und Gesellschaftsstrukturen wandeln sich, das Dienstleistungsgewerbe spielt eine immer größere Rolle, unübersehbar sind eine sich verstärkende soziale und räumliche Polarisierung ebenso wie Prozesse der Suburbanisierung und der Bildung von Residenz-Siedlungen innerhalb der Metropolen. Infolge von ausländischen Investitionen verändert sich mit der Entstehung gewaltiger Büro- und Wohntürme und durch die Hotels der internationalen Ketten das Gesicht der Stadtzentren. Etliche touristisch interessante Gegenden werden wieder belebt. Die immer intensiver werdende Präsenz ausländischer Firmen in Warschau, die im Bereich von Firmen- und Finanzdienstleistungen tätig sind, hat dazu geführt, dass die Stadt in das Netz der europäischen Metropolen aufgenommen wurde. Dort belegt sie gemäß der Klassifi kation der Forschungsgruppe „Globalization and World Cities – Study Group & Network" bereits jetzt einen Platz unter den zehn führenden europäischen Städten und rangiert noch vor Lissabon, Budapest, Berlin, Rom, Athen, Oslo, Helsinki und Bukarest. Die übrigen polnischen Großstädte fallen im Verhältnis zu Warschau deutlich zurück. Hinsichtlich der wirtschaftlichen Lage steht Warschau auf Platz eins vor Posen und Breslau. Die folgenden Plätze unter den potentiellen Metropolen nehmen Krakau und Danzig ein, während Lodz das Schlusslicht bildet. Warschau nimmt unter den polnischen Großstädten jedoch eine Sonderrolle ein. In der Hauptstadt haben viele der 500 größten polnischen Unternehmen ihren Hauptsitz. In raschem Tempo entwickelt sich dort die Unternehmensberatungs-Branche. Die Zahl der Consultingfi rmen ist innerhalb der letzten zehn Jahre von neun auf 432 gestiegen. Ebenso rasch nimmt die Zahl der Notariate und Anwaltskanzleien zu. Die gewandelten Beschäftigungsstrukturen bewirken eine Umgestaltung der Sozial- und Raumstruktur der Stadt: Die Beschäftigten im höheren Regierungsdienst verfügen über ein höheres Bildungsniveau, erzielen hohe Gehälter, erwerben oder mieten Wohnungen mit gehobenem Standard und geben verhältnismäßig viel Geld für Genuss- und Verbrauchsgüter aus, wodurch sie für die Einkaufszentren eine attraktive Zielgruppe darstellen.

Räumliche Umgestaltung

Das Stadtbild von Warschau und anderen polnischen Städten wird in erster Linie durch direkte Auslandsinvestitionen verändert, die ihnen einen kosmopolitischen amerikanisierten Zuschnitt geben. Derlei Umgestaltungen haben nachhaltige Veränderungen in den Beziehungen zwischen Wohnen, Arbeiten und Dienstleistungen zur Folge. Die geringer werdende Bedeutung der Industrie und der Niedergang eines Großteils der Fabriken im westlichen und südlichen Teil von Warschau reduzierten den Berufsverkehr in diese Richtungen. Die beträchtliche Zunahme an Büro-Arbeitsplätzen lenkte die Verkehrsströme dafür in Richtung Stadtmitte. Von Veränderungen waren auch die Verkehrsmittel betroff en: Relativ gesehen ging die Zahl der Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück, die Nutzung des eigenen Pkws hingegen nahm zu, und zwar insbesondere bei höheren Angestellten und Freiberuflern. Seit Beginn der 1990er Jahre wurden in Warschau über hundert Büro-Hochhäuser errichtet. Der größte Teil – ca. 60 – wurde direkt im Zentrum und im Innenstadtbereich gebaut, die übrigen in den an die Innenstadt angrenzenden Stadtteilen und in den Außenbezirken. Fast alle diese Gebäude gehören zur Kategorie mit dem höchsten Standard, zur sogenannten „A"-Klasse. Die Errichtung einiger Einkaufspassagen im Stil einer „Mall" außerhalb der Stadtmitte („Promenada" rechts der Weichsel, „Galeria Mokotów" im Süden, „Blue City" im Westen und „Arkadia" im Norden) führte zur Streuung des Verkehrs und minderte die Anziehungskraft des Stadtzentrums als Handels-, Dienstleistungs- und Erholungszone beträchtlich. So ist wiederum das direkt neben dem Zentralbahnhof gelegene riesige Einkaufszentrum, das gewissermaßen eine Art Enklave ist, nach den Plänen seiner Erbauer unter anderem für die per Zug anreisenden Bewohner der Außenbezirke gedacht. Dagegen lenkten die jenseits der administrativen Stadtgrenze gelegenen Einkaufszentren in Janki, Marki und Piaseczno den Verkehr aus dem Zentrum in Richtung Außenbezirke; damit ist vor allem der Autoverkehr gemeint, daneben jedoch auch ein Sammeltransport, der häufig unentgeltlich von den ansässigen Handelsunternehmen angeboten wird. Entsprechend wird der Konsumraum der Stadt Warschau – und in etwas geringerem Maße auch der von Posen und der Dreistadt Danzig-Zoppot-Gdingen – von Einkaufszentren beherrscht, unter denen multifunktionale Objekte dominieren: Diese konzentrieren in einem Komplex Dienstleistungen, Einkaufs- und Unterhaltungsmöglichkeiten, aber auch Büros und Hotels. Ende 2005 gab es in Warschau über 30 Einkaufszentren, darunter sechs Malls. Im Februar 2007 wurde ein weiteres eingeweiht, das größte Zentrum dieser Art in Europa. Die Fläche der „Goldenen Terrassen" („Złote Tarasy") beträgt 225.000 m², wobei sich über eine Fläche von 65.000 m² eine Einkaufsgalerie sowie ein Kino und ein Unterhaltungszentrum erstrecken. In Posen ist die Zahl der Einkaufszentren kleiner, sie liegt bei neun, und in der Dreistadt befi nden sich acht Einkaufszentren. Charakteristisch für Warschau, aber auch für die anderen polnischen Großstädte sind die starken Kontraste zwischen einer modernen Büround Wohnbebauung und Luxus-Einkaufszentren auf der einen Seite – und riesigen sozialistischen Wohnkomplexen und heruntergewirtschafteten öffentlichen Gebäuden auf der anderen Seite. Das Fehlen eines Raum-Bewirtschaftungsplans sorgt im Gebiet der Stadtmitte für Chaos. Neue Gebäude werden häufi g auf zufällig freie Flächen gebaut, ohne Anbindung an die Umgebung. Sie bilden keine geschlossenen Einheiten, sondern Enklaven der Moderne in einer nicht dem Standard entsprechenden, häufig verwahrlosten Umgebung. Da die Reprivatisierung ausbleibt und die öff entlichen Gelder fehlen, um Land aus der Hand von Eigentümern mit dem Ziel aufzukaufen, es an Investoren weiterzuverkaufen, wird die Realisierung groß angelegter urbaner Eingriff e nach dem Muster des Potsdamer Platzes in Berlin verhindert. Die Schwierigkeiten, vernünftig zu investieren, ergeben sich nicht nur aus dem Fehlen öff entlicher Gelder zur Erschließung eines Geländes, sondern auch aus Aktionen von NIMBY-Initiativen (not in my backyard). So gibt es zum Beispiel Vereinigungen, die unter der Flagge der „Ökologie" gegen eine Investition protestieren und dann, sobald sie vom Investor eine entsprechende „Entschädigung" bekommen haben, ihren Protest zurückziehen. Als Investitionsbremse wirkt auch die Arbeit der Denkmalschutz-Vereine, die sich selbst bei solchen Gebäuden gegen eine Beeinträchtigung des ursprünglichen Zustandes wehren, die heruntergekommen und nur von geringem künstlerischem Wert sind.

Suburbanisierung

Warschau lässt sich, wie in vielen anderen europäischen Metropolen auch, eine zentrifugale Migration vom Zentrum zur Peripherie hin beobachten. Personen, die über beträchtliche Geldmittel verfügen, bauen exklusive Residenzen im Einzugsgebiet der Stadt, oder aber sie erwerben Häuser in geschlossenen Siedlungen. Aus detaillierteren Analysen kann gefolgert werden, dass die Gemeinden in der unmittelbaren Nachbarschaft Warschaus eine positive Migrationsbilanz haben. Dabei ist eine deutliche Unterteilung in Gemeinden im Südwesten und solche im Nordosten der Stadt zu verzeichnen: Bei ersteren reicht der Bevölkerungszuzug aus Warschau bis zu 40 Kilometer über die Stadtgrenze hinaus, bei letzteren sind nur die Gemeinden betroff en, die sich in direkter Nachbarschaft zu Warschau befi nden, d.h. nicht weiter als in fünf bis zehn Kilometern Entfernung. Die südwestliche Entwicklungsrichtung des Metropolengebiets ist sowohl aus natürlichen als auch aus Gründen der Raumbewirtschaftung sehr viel attraktiver. Das gilt insbesondere für Gemeinden wie Konstancin-Jeziorna oder die Ortschaften im Süden der Stadt entlang der noch vor dem Zweiten Weltkrieg in Betrieb genommenen Bahnlinie, die die Vorstadtsiedlungen anbindet. Schon in der Zwischenkriegszeit lebten die wohlhabenden Warschauer Gesellschaftsschichten in diesen Gebieten. Unter den Vorstadtsiedlungen ist vor allem die Ortschaft Konstancin zu nennen, die vor dem Krieg noch eine Residenzfunktion hatte. In der Zeit der Volksrepublik Polen verfi el Konstancin, und erst nach 1990 begann man, der Siedlung ihren ehemaligen Glanz zurückzugeben. Von der Presse als das polnische „Beverly Hills" bezeichnet, wurde sie zum ständigen oder vorübergehenden Domizil der „neuen Bourgeoisie" und der Metropolenschicht, von Leuten also, die man aus den Medien kennt. Die soziale Diff erenzierung Kennzeichnend für die Gesellschaft im real existierenden Sozialismus war ihre stark abgefl achte Sozialstruktur. Diese resultierte aus einem egalitären, nicht an Leistungen orientierten System von Prämien in einer nationalisierten Wirtschaft und in verstaatlichten Institutionen, während die vorhandenen sozialen Unterschiede sich hauptsächlich aus dem ungleichen Zugang zu bestimmten Gütern ergaben, die nach Gutsherrenart durch die Machthaber verteilt wurden. Seit den letzten zehn bis zwanzig Jahren leben in Polen die Mittel- und die Oberschicht wieder auf. Ausgangspunkt für die Wiedergeburt der Mittelschicht war die in der Zeit des Kommunismus geduldete sogenannte »Privatinitiative« (Kleinbetriebe in privater Hand), von der ein Teil ein gewisses Finanzkapital ansammeln konnte, das ihm eine gute ökonomische Ausgangsposition unter den neuen Bedingungen ermöglichte. Zur Mittelschicht stießen rasch auch ehemalige Partei- und Staatsfunktionäre, die sich nach 1989 ehemaliges Staatsvermögen angeeignet hatten. Die dritte Kategorie von Personen, die die Mittelschicht erstarken ließen, waren hochqualifizierte Spezialisten, die vor allem in den privaten, aber auch in den staatlichen Betrieben sehr hohe Gehälter erzielten. Einige Vertreter der Mittelschicht häuften ein derart großes Finanzkapital an, dass man sie schon zur Oberschicht rechnen kann. Im Unterschied zur traditionellen Bourgeoisie in Westeuropa stamen die polnischen Reichen viel häufi ger aus einfachen Verhältnissen; sie besitzen kein ausgeprägtes Kulturkapital, und es ist nicht immer ganz durchsichtig, woher das Vermögen stammt. Die Herkunft des Vermögens ist in diesem Fall insofern wichtig, als es noch verhältnismäßig jung ist, im Gegensatz zu Vermögen, das zwar auch aus undurchsichtigen Quellen stammt, dessen Tradition aber hundert und mehr Jahre zurückreicht, das also durch die verstrichene Zeit geadelt wurde. Der Besitz von Kapital verbindet die polnischen Reichen mit der echten Bourgeoisie, der Mangel an Tradition jedoch trennt sie von ihr. Zur Tradition gehören in diesem Falle mehrere Generationen umfassende, international Bindungen sowie besondere Sitten und Gebräuche. Diejenigen Vertreter der Mittelschicht, die hohe Einkommen erzielen, aber im Allgemeinen kein Vermögen besitzen, werden, indem sie einen ganz speziellen Lebensstil annehmen, zur Metropolenschicht. Die Hauptkennzeichen dieses Lebensstils sind das Streben nach Karriere, der Workaholismus, lockere Sexualbeziehungen, das Verschieben der Familiengründung und vor allem des Kinderkriegens auf einen späteren Zeitpunkt, der Konsum von Luxusgütern, verhältnismäßig breite international Kontakte, eine beträchtliche lokale Entwurzelung und eine eindeutige kosmopolitische Identifi kation. Im Unterschied zur traditionellen Bourgeoisie basiert die Position der Metropolenschicht hauptsächlich auf dem Kompetenzkapital, ohne das die heutige Gesellschaft nicht funktionieren könnte. (Der Begriff der Metropolenschicht bzw. Metropolenklasse ist an das Konzept der „kreativen Klasse" von Richard Florida angelehnt.) Am anderen Ende der Skala befindet sich die städtische „Zwischenschicht", d.h. Arbeitnehmer im Dienstleistungssektor, Büroangestellte und Arbeiter. Vertreter dieser Kategorie besitzen bestenfalls eine mittlere Bildung, in manchen Fällen auch eine höhere, und sie verfügen über ein kleines oder vermindertes Kulturkapital. Sie wohnen in großen Wohnblocks, seltener in den Vorstädten in Einfamilienhäusern mit niedrigerem Standard. Diese Kategorie wird zudem durch lokale Verwurzelung und eine starke nationale Identifikation charakterisiert. Ein Anzeichen für die Veränderungen nach 1989 war die wachsende Bedeutung von Bildung. Zu einem hoch geschätzten Gut wurde sie nicht nur, wie in der Vergangenheit, bei Leuten mit ohnehin höherem Bildungsabschluss, sondern fast in der ganzen Gesellschaft. Im Erlangen von Bildung sah man nun den Hauptfaktor für einen sozialen Aufstieg. Dieser Faktor begann auch, anders als im so genannten real existierenden Sozialismus, eine größere Rolle bei der Gewährung sozialer Zuwendungen zu spielen. In dieser neuen Situation stellte sich das Bedürfnis nach qualifizierter Bildung ein, das die öff entlichen Schulen aus verschiedenen Gründen nicht befriedigen konnten. Es entstand also ein Markt für Bildungsdienst leistungen, angefangen beim Kindergarten bis zu den höheren Schulen. Die privaten Grundschulen und Gymnasien suchen in der Regel einen Standort, der ihnen die Tür zu zahlungskräftigen Klienten öff net, somit gibt es einen Zusammenhang zwischen wohlhabenden Wohngegenden und der Ansiedlung privater Schulen. Eine besondere Form von Privatschulen sind die etwa zehn so genannten Internationalen Schulen, die von den Kindern der fi nanziellen Elite besucht werden und auch in den „besseren Stadtvierteln" angesiedelt sind. Ein Beispiel dafür ist die zwischen Warschau und Konstancin gelegene American School of Warsaw, die renommierteste internationale Schule in Polen. Außer einer Grundschule und einer Oberschule beherbergt sie auch einen Kindergarten. Sie bietet eigene Tennisplätze, einen Theatersaal mit 350 Sitzplätzen und Computer-Arbeitsplätze in allen Klassenräumen. Allerdings muss ein sehr hohes Schulgeld entrichtet werden: je nach Klassenstufe zwischen 5.000 und 10.000 Euro jährlich. Die Herausbildung dieser polnischen Metropolenschicht und ihr spezifi sches Verhalten schlagen sich in der Umgebung nieder. Ein beträchtlicher Teil der Betroff enen wohnt in Apartmenthäusern und in „geschlossenen Wohnanlagen" (gated communities) am Stadtrand. Auf der Basis meiner Forschungen lassen sich folgende charakteristischen Merkmale der Warschauer Metropolenschicht bestimmen: Von den Apartmentbewohnern sind fast zwei Drittel in Warschau geboren – das ist ein deutlich höherer Anteil als der in der Gesamtbevölkerung der Stadt. Sie verfügen mehrheitlich (fast zwei Drittel) über eine höhere Bildung, zu einem großen Teil sind es höhere Angestellte und Freiberufl er, und sie zeichnen sich – gemessen an der höheren Bildung der Väter – durch ein verhältnismäßig großes Kulturkapital aus. Zwei Drittel von ihnen sind abhängig Beschäftigte, die übrigen arbeiten auf eigene Rechnung. Ihre Haushalte zählen verhältnismäßig wenige Personen: Jeder zehnte ist ein Einpersonen- und beinahe jeder dritte ein Zweipersonenhaushalt. In der Regel arbeiten beide Ehepartner. Die Einkommen dieser Haushalte sind verhältnismäßig hoch. Jede dritte Familie erzielt ein Einkommen, das 4.000 Euro monatlich übersteigt, bei einem weiteren Drittel der Familien liegt das Monatseinkommen zwischen 3.000 und 4.000 Euro. (Das Durchschnittsgehalt liegt bei ca. 500 Euro im Monat.) Fast drei Viertel der Personen besitzen ein Auto, und zwar einen Mittelklasse- oder Luxuswagen, wobei es sich überwiegend um Neuwagen handelt (mehr als die Hälfte sind jünger als drei Jahre). Zwei Drittel der Haushalte verfügen über einen Computer, und fast die Hälfte hat einen Internetzugang in der Wohnung. Über drei Viertel der untersuchten Population verreist im Urlaub, wobei annähernd die Hälfte der Befragten angab, den Urlaub in ausländischen Ferienorten zu verbringen und verschiedene Länder zu bereisen. Jeder zweite Befragte fährt zweimal pro Jahr in Urlaub und jeder fünfte dreimal pro Jahr. In der Metropolenschicht bilden sich neue, vom Westen übernommene Urlaubsmuster heraus. „Bis vor kurzem", so konnte man in der polnischen Ausgabe der Zeitschrift Newsweek le sen, „waren bei den jungen wohlhabenden Großstädtern Reisen auf tropische Inseln angesagt. Neuerdings ist es in, eine einsame Streiftour durch Grönland zu machen oder in Jugendherbergen im Fernen Osten zu übernachten." Innerhalb der Gesamtheit der Wohnungs bauvorhaben stellen die Apartments jedoch nur einen kleinen Randbereich dar. Die Zahl der Gebäude diesen Typs liegt in Warschau nicht über 200, und die Zahl der Wohnungen kann man auf ca. 10.000 schätzen. Kennzeichnend für sie sind ein hoher Standard: In einem Teil der Objekte befinden sich sogar Erholungseinrichtungen wie Fitness-Studio, Schwimmbad oder abgeschlossene Grünanlage. Zum Prestige dieser Apartmentanlagen gehören Bezeichnungen, die ihnen eine symbolische Bedeutung verleihen wie „Siedlung Zeus", „Residenz am Strom", „Park-Brise", „Arkadia", „Residenz Symphonie" oder „Villa Monaco". Bei etwa fünf Prozent der Luxuswohnungen kostet der Quadratmeter mehr als 2.000 Euro. Es handelt sich zwar vorerst um ein relative begrenztes Phänomen, seine gesellschaftliche Bedeutung wird jedoch deutlich zunehmen, denn die Mehrheit der Apartmentbewohner gehört zur Metropolenschicht. Obwohl es kompakte Gebiete mit einer relative einheitlichen Sozialstruktur gibt, hat die Sozial- und Raumstruktur von Warschau, anders als in den westeuropäischen Städten, nicht den Charakter von Zonen, das Stadtbild ähnelt einem Mosaik. Die Apartmenthäuser können dieses Netz kaum verändern, sie verstärken allerdings die gegenwärtige Sozial- und Raumstruktur der Stadt und verschärfen die bereits bestehenden Unterschiede.

Gated Communities

Das Risiko in der postmodernen Welt ist in vielen Bereichen eng mit der Globalisierung verbunden, was seinen Niederschlag im Alltag von Milliarden von Menschen findet: Da sie sich nicht nur mit globalen, sondern auch mit lokalen Bedrohungen auseinandersetzen müssen, begleitet sie häufi g eine ständige Angst. Da es schwierig ist, das Risiko der Globalisierung einzuschränken, kann man vorerst nur versuchen, sich im lokalen Rahmen zu schützen. Einen solchen Versuch stellt die Abschottung in „geschlossenen" Wohnanlagen dar, die die Illusion von Sicherheit und Schutz vor einer angeblich feindlichen Umgebung erzeugen. Somit entstehen neue städtische Gemeinschaften, deren vorrangiger – wenn nicht gar einziger – Kitt die Angst ist. Das Phänomen der „geschlossenen Wohnanlagen" entwickelte sich zuerst in den USA und in Lateinamerika, doch es gelangte bald nach Europa und so auch nach Polen, wo es insbesondere in Warschau spektakuläre Ausmaße annahm. In Westeuropa ist dieses Phänomen bedeutend weniger ausgeprägt. In Frankreich beispielsweise gab es nach Schätzungen von G. Billard im Jahre 2002 183 bewachte Wohnsiedlungen, von denen nur 72 umzäunt waren, die übrigen wurden per Videokamera oder Gegensprechanlage überwacht, und in 14 Fällen war ein Wachtposten vor Ort. Ein vergleichbares Phänomen ist in Deutschland vorerst nicht verbreitet; in Berlin zum Beispiel gibt es im Grenzbereich zu Potsdam nur eine solche Siedlung mit dem Namen „Arkadien". Warschau, wo es nach Angaben des deutschen Soziologen Henrik Werth mehr als 200 geschlossene Wohnanlagen gibt, erreicht nicht nur die Zahlen amerikanischer Statistiken, sondern übertrifft diese sogar relativ gesehen. Dieses Phänomen erregt sowohl unter den Anhängern als auch unter den Gegnern dieser Wohnform die Gemüter und weckt Interesse bei Soziologen und Journalisten. Entsprechend gibt es immer mehr Untersuchungen zu diesem Thema sowie Berichte in der Presse. Die Sicherheitsobsession erscheint als Hauptmotiv bei der Wahl einer Wohnung in den „geschlossenen Wohnanlagen", und sie nimmt gelegentlich Formen einer Paranoia an. Hinter dem Gefühl der Bedrohung verbergen sich jedoch auch andere Motive, die die Befragten nur ungern offen legen. Es ist die Verachtung für Menschen, die ärmer sind als sie, die kein Glück hatten, die sich keine Luxuswohnung, keine privaten Schulen und Auslandsreisen leisten können. Das sind charakteristische Haltungen von Emporkömmlingen und Neureichen, denen eine Wohnung in einer geschlossenen Siedlung das Gefühl von Überlegenheit gibt und Prestige garantiert. Betrachtet man die Umgestaltung der potentiellen Metropolen in Polen in den vergangenen fünfzehn Jahren, so kann man einige vorsichtige Schlussfolgerungen ziehen. Warschau ist – wie auch andere Großstädte – Schauplatz von Prozessen, die charakteristisch für die Metropolen Westeuropas sind. Während man sie dort allerdings schon vor mehr als zehn Jahren beobachten konnte, befinden sie sich hier vorerst noch im Anfangsstadium. Neben positiven Erscheinungen wie dem Import von moderner Architektur und Technologie im Bereich von Büro-, Hotel- und Handelsgebäuden fehlt es an einer Koordination der Investitionen, was das Raum- Chaos in der Stadt verstärkt. In Westeuropa beinahe unbekannt, beobachtet man hier das Phänomen der gated communities und eine starke sozial-räumliche Differenzierung. Da es überhaupt an größeren Investitionen in die Infrastruktur mangelt, droht das Verkehrssystem der Stadt lahmgelegt zu werden. Nach wie vor ungelöst ist auch das Problem der Abwasserreinigung und der Müllkippen. Es bleibt die Hoffnung, dass wenigstens ein paar der hier genannten Probleme in den kommenden Jahren gelöst werden.

Über den Autor

Bohdan Jałowiecki ist Professor fur Soziologie an der Warschauer Hochschule für Sozialpsychologie und Leiter des UNESCO-Lehrstuhls am Zentrum fur Europäische Regional- und Lokalstudien der Universität Warschau. Er schrieb mehr als 300 wissenschaftliche Beiträge zur Soziologie der Stadt, der lokalen und regionalen Entwicklung und zur Wissenschaftsgeschichte. Er lehrte an der Pariser Sorbonne und der Universität in Montpellier.