Naturschutz in Polen seit der Frühen Neuzeit. Das Beispiel des Białowieża-Urwalds [DE]

Markus Krzoska, Berlin

Dieser Artikel erschien zuerst im Jahrbuch Polen "Umwelt" (2015) des Deutschen Polen-Instituts.

Wisent im Białowieża-Nationalpark (Foto: Alexxx1979, Creative Commons)

Wisent im Białowieża-Nationalpark (Foto: Alexxx1979, Creative Commons)

Der Białowieża-Urwald liegt etwa 80 km südöstlich von Białystok im äußersten Osten des heutigen Polen sowie im Nordwesten der Republik Belarus. Sein in verschiedene Schutzzonen unterteiltes Gelände umfasst etwa 1.250 km². Hauptorte sind die aus mehreren Dörfern zusammengesetzte Gemeinde Białowieża auf polnischer und Kamjenjuki auf belarussischer Seite. Wie viele andere Teile der ehemaligen polnischen Ostgebiete ist Białowieża, das historisch betrachtet den kresy zuzuordnen ist, mythenbeladen und den meisten Polen aus ihrer Schulzeit, Urlaubsreisen oder der Bier- und Wodkawerbung wohlbekannt. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Region steckt zumindest außerhalb Polens noch in den Kinderschuhen, dabei ist sie eng mit der Entwicklung der Umwelt- und Kulturgeschichte Ostmitteleuropas verbunden.

« Wer kennt wohl Litwa's bodenlose Wälderweiten? Wer kann zur Mitte hin, zum Kern des Dickichts schreiten? Wie Fischer kaum am Meeresrand zum Boden streifen So Jäger um die Waldeslager Litwa's schweifen, Kaum oberflächlich kennend die Gestalt, die Wangen, Denn nie zu ihren Herzensräthseln sie gelangen.[1] »

Selbst wenn man sich heute im Sommer oder Frühherbst auf der unendlich scheinenden Asphaltstraße von Hajnówka her annähert, ist man beeindruckt von der Majestät der dicht stehenden hochgewachsenen Laubbäume, die im Wind rauschen. Außer ihnen ist kaum ein Laut zu hören. Es grenzt an ein Wunder, dass dieses grüne Paradies zumindest in seinem Kerngebiet weitgehend von Menschenhand unberührt geblieben ist. Von einer planmäßigen Entwicklung kann man jedenfalls nicht sprechen, auch wenn der Gedanke des Umweltschutzes älter ist als wir heute vermuten. Selbstverständlich haben polnische Romantik und kresy-Mythen in Wahrnehmung und Instrumentalisierung des heute durch die EU-Außengrenze getrennten Terrains am kleinen Flüsschen Narewka ihre Spuren hinterlassen. Dem Naturerlebnis, das dank umfassender Schutzmaßnahmen noch nicht so stark kommerzialisiert ist wie anderswo, tut dies freilich keinen Abbruch.

Im Folgenden soll kurz dargestellt werden, wie es dazu kam, dass dieser Urwald, der immer in seiner neueren Geschichte Ressource und Reservat zugleich war, in das 21. Jahrhundert gerettet wurde und bei dieser Gelegenheit einer seiner wichtigsten Bewohner, der Wisent als das größte europäische Landsäugetier, kurz vor ultimo doch noch vor dem Aussterben bewahrt werden konnte.[2]

Zeit der Könige

Die Erinnerung an Białowieża reicht weit zurück ins Mittelalter. Die undurchdringlichen Urwälder Masowiens, Podlachiens und Polesiens dienten als Rückzugsorte und Versorgungsbasis. Białowieża – der Name leitet sich volksetymologisch von einem weißen Turm ab, der an verschiedenen Orten lokalisiert wird – war die Gegend, in der sich nach den Worten des Chronisten Jan Długosz im Jahre 1409 König Władysław Jagiełło auf den Krieg gegen den Deutschen Orden vorbereitete.[3] Der Schutz der dortigen Tiere und Pflanzen vor übermäßiger Nutzung durch die einheimische Bevölkerung war selbstverständlich nicht von ökologischen Motiven diktiert, sondern vom Willen der polnischen Könige als unmittelbare Besitzer, die Gebiete als exklusives Jagdrevier, später ähnlich wie seit jeher die Salzminen Mittel- und Südpolens auch als Einnahmequelle, zu nutzen, hier durch den Holzverkauf. Schon 1541 hatte König Zygmunt August im erneuerten Masowischen Statut für die gesamte Rzeczpospolita das Erlegen von Wisenten unter Todesstrafe verboten, was freilich weder durchgesetzt noch angewandt wurde.[4]

Die nicht sehr zahlreichen Bewohner der Region, die meist bei den unregelmäßig stattfindenden königlichen Jagden eingesetzt wurden, nutzten mit Erlaubnis der Herrscher das Heu der flussnahen Wiesen für ihr Vieh, züchteten Waldbienen, arbeiteten als Teerbrenner und Köhler. Die Schutzmaßnahmen stellten sicher, dass bis zum Ende der polnisch-litauischen Staatlichkeit Ende des 18. Jahrhunderts noch etwa 60 % des ursprünglichen Waldbestands vorhanden waren. Dabei gingen die größten Verluste auf die wirtschaftlichen Maßnahmen Jan Sobieskis zurück, der die durch die Kriege der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts verheerte Region wiederaufbauen wollte.[5] Während die beiden Sachsenkönige August II. und August III. den Schutz des Urwalds in den Vordergrund stellten, orientierten sich der letzte polnische König Stanisław August Poniatowski und seine Beamten stark an merkantilistischen Prinzipien der Ressourcennutzung.[6]

Die Vorstellung, es habe sich um einen kontinuierlichen royalen Jagdtourismus mit massenhafter Tötung von Tieren gehandelt, ist eher nicht zutreffend. Die überlieferten Berichte zeugen jedoch von einem genauen Zeremoniell der Treibjagden auf Bär, Elch und Wisent, bei denen dennoch nicht immer alle Treiber unverletzt blieben. Die großen höfischen Feste mit Hunderten von Teilnehmern und rauschenden Festen dauerten mehrere Tage, sei es unter Zygmunt August im Januar 1546 oder unter Stanisław August 1784. Abseits dieser seltenen Höhepunkte blieb es weitgehend ruhig im Urwald, die Verwalter im Namen des Königs sorgten dafür, dass die lokale Bevölkerung den königlichen Besitz unangetastet ließ. Wilderer wurden streng bestraft. Diese jahrhundertealten Traditionen nahmen ein Ende, als drei Jahre nach der Dritten Teilung Polen-Litauens 1798 die Russen den Urwald endgültig übernahmen.

Die Russen kommen

Die ersten Jahre unter russischer Herrschaft waren eine Katastrophe für den Urwald. Katharina II. setzte verdiente Adlige als neue Besitzer bzw. Verwalter der Ländereien ein, die das Gelände und die dort lebenden Menschen erbarmungslos ausbeuteten. Die Lanskoj, Suvorov, Zubov oder Rumiantsev konnten relativ ungestört Schneisen in den Wald schlagen, bis die Staatliche Forstverwaltung allmählich größeren Einfluss gewann. Immerhin wurde der grundsätzliche Status quo des Urwalds durch Dekrete Zar Alexanders I. von 1802 und 1803 gesichert. Einzelinitiativen zweier polnischstämmiger Forstbeamter war es zu verdanken, dass zudem die Wisentjagd verboten wurde. Dies hinderte im Laufe des 19. Jahrhundert die zarische Verwaltung allerdings nicht daran, immer intensiver eine wirtschaftliche Nutzung der Holzbestände zu betreiben. Dabei operierte sie weitgehend mit Unterstützung der einheimischen, überwiegend orthodoxen und russlandfreundlichen Bevölkerung. Das Fällen und der Export hochwertigen Nutzholzes wurden teilweise mit Unterstützung britischer Gesellschaften betrieben. Von einer großflächigen Ausbeutung war man freilich noch weit entfernt. So verwundert der Reisebericht des großen polnischen Ethnographen Oskar Kolberg nicht, der in dem „ewigen Wald" besonders die „grauenhafte Stille" wahrnahm.[7]

Parallel dazu wurden jedoch durchaus auch Kriterien der sich damals rasant entwickelnden modernen Forstwissenschaft angewandt, die seit 1803 weltweit erstmalig in Carskoe Selo studiert werden konnte .[8] Im komplizierten deutsch-polnisch-russischen Beziehungsgeflecht vor dem Novemberaufstand von 1830 agierte der aus dem Herzogtum Braunschweig stammende Generalforstmeister des autonomen „Königreichs Polen" Julius von den Brincken äußerst effektiv .[9] Ihm verdanken wir auch die erste ausführliche Beschreibung des Białowieża-Urwalds, die sich bis heute mit Gewinn liest.[10]

Nach dem gescheiterten Januaraufstand von 1863 kam der polnische Einfluss in der Region weitgehend zum Erliegen und für die Jahre bis 1914 erschien Białowieża vorwiegend als kaiserliches Jagdrevier, das vor allem Zar Alexander II. intensiv nutzte. Nun entstand auch die teilweise bis zum heutigen Tage sichtbare Infrastruktur. Dessen ungeachtet begannen sich Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend Naturwissenschaftler für den Urwald zu interessieren. Den Vorarbeiten des Franzosen Jean-Emmanuel Gilibert und des Deutschbalten Karl Eduard von Eichwald folgend untersuchten vor allem polnische und russische Gelehrte die Pflanzen- und Tierwelt von Białowieża. Sie erkannten die besondere Bedeutung des Baumbestands und des europäischen Bisons. Die Wildzahlen nahmen vor dem Ersten Weltkrieg zu. Aus der Perspektive des Naturschutzes war das nicht unproblematisch, zumal die übermäßigen Fütterungen dazu führten, dass zum Beispiel die Wisente die Scheu vor Menschen komplett verloren, was ihnen in den Wirren nach Ende des Ersten Weltkriegs zum Verhängnis werden sollte .[11]

Erster Weltkrieg, Nationalpark und Wisentschutz

Der Erste Weltkrieg war im Osten von Seiten der Mittelmächte ein kolonialer Krieg. Die deutschen Offiziere waren von der Fremdheit der Landschaft und der Menschen irritiert und versuchten vor allem zu Kriegsbeginn durch radikale Maßnahmen Sicherheit zu gewinnen .[12] Die deutschen Einheiten erreichten Białowieża im August 1915.[13] Sie errichteten eine Militärforstverwaltung mit einem Hauptmann an der Spitze, der über Afrikaerfahrung verfügte. Obwohl der Abschuss von Wisenten rasch verboten wurde, verringerte sich ihre Zahl von 1914 bis 1917 von 727 auf 121.[14] Parallel dazu begann in großem Maße unter Zuhilfenahme von bis zu 3.000 Kriegsgefangenen als Zwangsarbeiter die forstwirtschaftliche Erschließung und Ausbeutung des Urwalds, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann und von der nur erwähnt werden soll, dass insgesamt 6.000 ha Wald komplett gefällt wurden. Von 32,6 Mio. Kubikmeter Holz insgesamt wurden in drei Jahren 5 Mio. Kubikmeter gefällt, teilweise in riesigen Sägewerken vor Ort weiterverarbeitet oder direkt nach Westen geschafft .[15] Gleichzeitig wurden jedoch auch die wissenschaftlichen Anstrengungen intensiviert, die Tier- und Pflanzenwelt Białowieżas zu sichten und zu schützen. Mit Unterstützung polnischer und russischer Kollegen versuchte der renommierte Danziger Umweltschützer Hugo Conwentz in den Jahren 1916/17 letztlich vergebens, Teile des Urwalds zu einem Naturpark erklären zu lassen.[16] Das von ihm in Augenschein genommene Gebiet westlich des Jagdschlosses von Białowieża zwischen den Flüssen Narewka und Hwoźna stellt jedoch heute mehr oder weniger genau die Kernzone des Nationalparks dar.[17]

Als der wiederentstandene polnische Staat die Region im Laufe des Jahres 1919 in Besitz nahm, fand er überall Chaos vor. Zwei entsandte Förster- bzw. Naturwissenschaftlergruppen konnten kaum noch Spuren von den Wisenten finden. Marodierende Soldaten und einheimische Wilderer hatten ihnen vollständig den Garaus gemacht .[18] Dennoch oder gerade deswegen entwickelte sich Białowieża in der Zeit zwischen den Weltkriegen neben der Tatra-Region zum Herz des polnischen Naturschutzes. Zwar war das staatliche Interesse an dieser Frage nicht besonders ausgeprägt, aber immerhin gab es mit dem Provisorischen Staatlichen Komitee für Naturschutz (ab 1925: Staatlicher Rat für Naturschutz) unter dem unermüdlichen Botaniker Władysław Szafer (1886-1970) eine zentrale Einrichtung, die dem Ministerium für religiöse Bekenntnisse und öffentliche Bildung zugeordnet war.[19] Dieser Rat entwarf unter anderem seit 1928 das erste polnische Naturschutzgesetz, das schließlich 1934 verabschiedet wurde.[20]

Im Vordergrund der Überlegungen standen zwei Themen: die Schaffung von Nationalparks auch in Polen sowie die Rettung des Wisents. Die Idee, ein „Waldreservat" Białowieża zu schaffen, wurde bereits 1920 wiederaufgegriffen .[21] Erst zwölf Jahre später waren allerdings die Voraussetzungen geschaffen, um unter der Oberhoheit der Staatlichen Forstverwaltung einen de facto-Nationalpark zu errichten.[22] De facto deshalb, weil es in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg nicht gelang, die rechtlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen. Hierin wird zum einen ein weiteres Mal der geringe Stellenwert des Naturschutzes deutlich. Zum anderen erwies es sich als Nachteil, dass das eigentliche Zentrum der Umweltschutzbestrebungen seit den Zeiten des österreichischen Kronlandes Galizien das weit entfernte Krakau war, wo man sich eher für den Schutz der Bergwälder der Tatra oder das Pieniny-Gebirge interessierte. Dennoch nahm in den 1930er Jahren das Interesse an Białowieża zu, auch die Zahl der Besucher stieg stetig und verdoppelte sich zwischen 1933 und 1937 auf über 26.000 im Jahr .[23] Die Grenzen der Möglichkeiten waren jedoch auch früh deutlich geworden und betrafen in erster Linie erneut den Baumbestand. Weil der polnische Staat die Holzindustrie zunächst nicht entsprechend organisieren konnte und er besonders auf Devisen aus dem Holzverkauf ins Ausland erpicht war, beauftragte er zwischen 1924 und 1929 die britisch-lettische Holding „Century" mit dieser Aufgabe. Trotz der Kritik von Experten, u.a. von Forstwissenschaftlern, wurde in jenen Jahren wahllos abgeholzt. Der Holzvorrat des Urwaldes reduzierte sich von fast 400 Festmetern auf etwas über 200 Festmeter pro Hektar Holzboden.[24] Die extensive Forstwirtschaft erfolgte im Grunde auch nach der Kündigung der Verträge weiterhin, wurde nun aber weniger offen thematisiert, weil jetzt vom polnischen Staat betrieben. Immerhin war die Schutzzone nicht betroffen, die später zum Nationalpark werden sollte.

Für den Status Polens waren in den Jahren nach 1919 internationale Kontakte besonders wichtig. Es überrascht daher nicht, dass dies auch und gerade für den Naturschutz galt. An den ersten großen Konferenzen (Paris 1923, Brüssel 1925, Paris 1926, Genf 1927) war es prominent beteiligt .[25] Hier wurden auch die Weichen für den intensiven Wisentschutz gestellt. Es waren gemeinsame deutsche, polnische und amerikanische Initiativen, die eine Gesellschaft zur Rettung des Wisents ins Leben riefen, um in koordinierten Zucht- und Unterbringungsbemühungen die bedrohte Art zu bewahren, von der weltweit in Freigehegen und Zoologischen Gärten nicht mehr als einige Dutzend Exemplare existierten.[26] Obwohl in Polen zunächst eher Warschau und Posen die Zentren dieser Aktivitäten waren, geriet auf Wunsch von Experten und staatlichen Stellen gegen Ende der 1920er Jahre auch Białowieża wieder in den Blick. Hierhin wurden am 19. September 1929 sieben frisch erworbene Tiere erstmals nach ihrer Ausrottung wieder in einem größeren Gehege ausgesetzt und bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs weitergezüchtet. Durch eine Verordnung vom 12. Oktober 1938 wurde der Wisent dann auch in Polen endlich unter konkreten staatlichen Schutz gestellt.[27]

Neben der konkreten naturwissenschaftlichen sollte hier auch die symbolische Komponente bedacht werden, gab es doch immer wieder nicht völlig humoristisch gemeinte Stimmen, das am besten geeignete Wappentier Polens sei nicht der Adler, sondern der Wisent .[28] Die internationale Kooperation in Sachen Naturschutz war freilich seit Mitte der 1930er Jahre weitgehend ins Stocken geraten. Im Bereich der Tierzucht begannen in Mitteleuropa diejenigen Wissenschaftler zu dominieren, die diese für ideologische Vorstellungen missbrauchten. Zoologen wie die deutschen Brüder Lutz und Heinz Heck träumten von der Wiederherstellung einer „germanischen" Tierwelt, in der neben Wisent und Steinadler auch der seit Jahrhunderten ausgestorbene Auerochse seinen Platz haben sollte, den man über eine auf den Phänotyp ausgerichtete Rückzüchtung neu schaffen wollte .[29] Die polnischen Kollegen hatten an diesen Phantasien verständlicherweise nur wenig Interesse. Neben den Tiergärten, die allmählich in „deutsche Zoos" umgewandelt werden sollten, geriet schon damals Białowieża als potenzieller Testort ins Visier der Ideologen. Die involvierten Tierzüchter und Förster fanden in Reichsjägermeister Hermann Göring einen begeisterten Fürsprecher, der die Region von mehreren Jagdbesuchen gut kannte und sich gleich nach Ausbruch des Deutsch-Sowjetischen Krieges 1941 an die Umsetzung seiner Pläne machte.

Jagd, Vernichtung und Umweltschutz

Was Göring und seine Getreuen störte, sollte sich bald zeigen. Białowieża wurde von allen Faktoren gesäubert, die einem „naturbelassenen Urwald" im Wege standen, nämlich von den dort lebenden Menschen. Die Juden der Region wurden gleich ermordet oder in Vernichtungslager deportiert, große Teile der einheimischen Bevölkerung vertrieben, Dörfer in Brand gesteckt .[30] Dennoch blieb der mächtige Wald für die NS-Besatzer, die nicht umsonst mit den Märchen der Gebrüder Grimm aufgewachsen waren, reizvoll und verdächtig zugleich, bot er doch ein schier unkontrollierbares Rückzugsgebiet für Partisanen jeglicher Couleur. Schon bald war die Rede davon, dass man der Jagd nur noch unter strenger Bewachung von Soldaten frönen könne.[31] Den Tieren ging es besser als den Menschen. Nicht umsonst hatten die NS-Ideologen schon in den 1930er Jahren strenge Tierschutzbestimmungen erlassen, nach denen etwa für bestimmte Arten von wissenschaftlichen Tierversuchen die Einweisung ins KZ drohte.[32] Gerade in Bezug auf die Wisente wurden nun die verschiedenen Zuchtmaßnahmen stärker koordiniert. Forstorgane Ostpreußens, besonders aus der Rominter Heide, waren nun auch für Białowieża zuständig. Menschenjagd und Naturschutz wurden von denselben Akteuren betrieben, etwa dem rührigen Oberforstmeister Walter Frevert.[33]

Lange sollte diese Phase freilich nicht andauern und als angesichts der näher rückenden Front die Deutschen die Region verließen, zündeten ihre ungarischen Hilfstruppen noch rasch das alteZarenschloss von Białowieża an. Die Wisente überließ man ihrem Schicksal. Anders als am Ende des Ersten Weltkriegs hatten sie nun aber Glück. Zunächst schützten sowjetische Partisanen aus der Umgebung die Freigehege, anschließend kümmerte sich ein sogenanntes Waldaufsichtskommando unterstützt von Erlassen der Militärbefehlshaber um die Tiere, von denen 17 in den Krieg überlebten.[34]

Volkspolen

Mit dem Kriegsende fand sich Białowieża plötzlich mitten in der großen Politik wieder. In den polnisch-sowjetischen Grenzverhandlungen in Moskau Ende Juli 1944 erreichte die polnische Seite überraschenderweise Zugeständnisse von Seiten Stalins, so dass der Urwald letztlich geteilt wurde. Das größere Stück verblieb jedoch in den Grenzen der UdSSR. Obwohl der Kampf gegen nicht-kommunistische Partisanen in der Region noch einige Jahre andauern sollte, standen der Natur- und damit auch der Wisentschutz bereits früh wieder auf der Tagesordnung. Im November 1945 verabschiedete der Gemeindenationalrat von Białowieża eine Resolution, derzufolge der Nationalpark besonders vor lokalen Holzfällern und Wilderern geschützt werden sollte .[35] In der Praxis erwies sich die Umsetzung jedoch als schwierig, vor allem weil geeignetes Überwachungspersonal fehlte. Immerhin war der Wisentbestand nicht akut gefährdet, so dass es sogar möglich war, dem sowjetischen „Brudervolk" immer wieder einzelne Tiere zu schenken, die diese zum Aufbau einer eigenen Zuchtlinie nutzen konnte, die ersten bereits 1946. Der wissenschaftliche Austausch kam somit langsam in Fahrt und fand in den 1960er Jahren in mehreren Konferenzen seine Höhepunkte.

Die neue kommunistische Führung schien dem Naturschutz einen etwas höheren Stellenwert beizumessen als ihre Vorgänger. Symbolisch standen hierfür zunächst zwei Maßnahmen. Mit Wirkung vom 21. November 1947 wurden endlich die Grundlagen dafür geschaffen, dass der Nationalpark Białowieża auch juristisch existierte ,[36] und seit dem 7. April 1949 galt ein neues Umweltschutzgesetz, dessen Wirkung durch die Verfassung von 1952 verstärkt werden sollte, die u.a. Mineralablagerungen, Gewässer und Wälder unter besondere staatliche Obhut stellte.[37] In der sozialistischen Realität sah dies angesichts des Raubbaus an Ressourcen freilich ganz anders aus. Der verstärkte Holzeinschlag und die halbindustrielle Weiterverarbeitung des Rohmaterials erreichten auch den Białowieża-Urwald. Anders als in anderen Gegenden Polens bedrohte die nachholende Industrialisierung die Naturschutzregionen Podlachiens allerdings nicht so stark. Während sich seit den 1960er Jahren lebhafte Debatten über den weiterreichenden Schutz der Tatra, besonders aber über von der oberschlesischen und kleinpolnischen Schwerindustrie besonders gefährdete Gebiete entwickelten, standen in Bezug auf Białowieża eher Fragen der zoo- und biologischen Forschung sowie der touristischen Entwicklung im Vordergrund. Dem Wisent kam hierbei eine Schlüsselrolle zu, etwa in den Arbeiten des 1954 gegründeten heutigen Instituts für Säugetierforschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Während der Schwerpunkt zunächst noch auf dem auch für Besucher geöffneten Schaugehege lag, wurde mit den Jahren das Schicksal der seit 1952 teilweise wieder frei lebenden Wisente immer wichtiger. Es zeigte sich, dass die Konflikte zwischen Forstbehörden und Umweltschützern nicht mehr so massiv waren wie noch vor dem Krieg. Einzelne Vorfälle von Wilderei oder Vergiftungsversuchen gab es aber weiterhin, ein neues Problem waren Krankheiten wie die Maul- und Klauenseuche, die den Bestand bedrohten. Seit den 1970er Jahren wurden auch Tiere weltweit exportiert oder gegen harte Devisen zum Abschuss freigegeben. Dennoch wuchs die Zahl der freilebenden Wisente stetig auf heute etwa 500 Exemplare im polnischen Teil. Seit 1979 zählt Białowieża zum Weltnaturerbe der UNESCO.

Naturschutz heute

Der eigentliche Lackmustext sollte sich aber erst nach dem Ende des sozialistischen Systems im Jahre 1989 ergeben. Nun prallten die Meinungen von Dorfbewohnern, Förstern und Umweltschützern im Spannungsfeld von ökonomischen und ökologischen Interessen weitgehend ungeschützt aufeinander .[38] Nicht nur die Unterteilung in Gebiete unterschiedlichen Schutzes war umstritten, sondern vor allem die allmähliche Ausweitung der am strengsten geschützten Kernzone. Der Nationalpark umfasst heute etwas über 10.000 ha, was lediglich ein Sechstel des polnischen Urwaldanteils darstellt. Davon wiederum beläuft sich die streng geschützte Zone nicht einmal auf die Hälfte (5725 ha).[39] Obwohl es in den letzten 25 Jahren immer wieder Umschichtungen und Erweiterungen gab und die Zusammenarbeit mit den belarussischen Partnern nach den Worten des Direktors Mirosław Stepaniuk gut funktioniert,[40] bleiben dennoch einige Fragen offen, die freilich so oder ähnlich auch in anderen Nationalparks gestellt werden. Dabei geht es zum einen um Fragen der wirtschaftlichen Nutzung (insbesondere des Holzes), der Entschädigung von Bauern, dem Umgang mit Insektenbefall und umgestürzten Bäumen, zum anderen aber um weiterreichende Fragen von Umweltschutz und Renaturierung, sanften Tourismus oder das Zusammenleben von polnischen und belarussischen Bewohnern der polnischen Grenzregion.

Für letztere war Białowieża immer ein identitätsstiftender Ort, vor allem in kultureller Hinsicht. Der Wisent stand dabei idealtypisch für eine Mischung aus Kraft und Gemütlichkeit, ähnlich wie man es auch in der Wahrnehmung der Menschen in anderen Ländern beobachten kann. Während die Zuchtprogramme und naturwissenschaftlichen Forschungen fortgesetzt werden, tut sich Polen mit einer entschiedenen Förderung von Ökologie und Nachhaltigkeit weiterhin schwer. Umweltschutz stößt wie die heftigen landesweiten Diskussionen um eine Schnellstraße durch das Rospuda-Tal in den Jahren 2007/2008 gezeigt haben, nach wie vor auf vielfältige Probleme. Mitunter kann man den Eindruck haben, dass Polen die eigenen Chancen für eine nachhaltige Entwicklung noch gar nicht erkannt hat. Dabei wäre doch der Wisent die ideale Symbolfigur hierfür, dessen legendäre Geschichte in Polen-Litauen bis ins Mittelalter zurückreicht und dessen Widerstandskraft und schiere Größe der litauisch-ruthenische Dichter und Diplomat Nicolaus Hussovianus bereits im frühen 16. Jahrhundert in schönstem Neulatein rühmte.[41] Białowieża ist und bleibt in jedem Fall ein Platz mythischer Projektionen, zugleich aber ein Ort der dort lebenden und arbeitenden Menschen sowie der vielen Touristen, die im Laufe eines Jahres dorthin fahren. Die Bedürfnisse aller müssen in Zukunft berücksichtigt werden. Dies wird nur durch die Anwendung einer Technik funktionieren, die in Polen nicht allzu viele Freunde hat: der Kunst des Kompromisses.

Anmerkungen

[1] Adam Mickiewicz, Herr Thaddäus oder Der letzte Sajazd in Lithauen. Aus dem Polnischen von Richard Otto Spazier, Leipzig 1836, Vierter Gesang, S. 187.

[2] Der Białowieża-Urwald und seine Geschichte ist Thema eines DFG-Forschungsprojekts an der Justus-Liebig-Universität Gießen, an dem der Verfasser mitarbeitet.

[3] Jan Długosz, Roczniki, czyli kroniki słynnego Królestwa Polskiego. Bd. 7, Bücher 10/11 (1406-1412), Kraków 1982.

[4] Zbigniew Woliński, Ochrona gatunkowa żubra Bison bonasus, jej przebieg, wyniki i problemy, in: Chrońmy Przyrodę Ojczystą 44 (1988), Nr. 2, S. 35-43, hier S. 36.

[5] Tomasz Samojlik, Antropogenne przemiany środowiska Puszcza Białowieskiej do końca XVIII wieku, Białowieża; Kraków 2007, S. 7 und passim. Allgemein zur Geschichte Białowieżas vor den Teilungen immer noch Otton Hedemann, Dzieje Puszczy Białowieskiej w Polsce przedrozbiorowej, Warszawa 1939.

[6] Stanisław Kościałkowski, Antoni Tyzenhauz. Podskarbni nadworny litewski. 2 Bde., Londyn 1970-1971.

[7] Oskar Kolberg, Puszcza Białowieska, in: Przyjaciel Ludu 1836, Nr. 47, S. 369-370.

[8] Siehe dazu: Neue Organisation der Forstverwaltung, in: Heinrich Friedrich von Storch (Hrsg.), Russland unter Alexander dem Ersten. Eine historische Zeitschrift. Bd. 2. Sankt Petersburg; Leipzig 1804, S. 426-439; Melechov, Ivan Stepanovič, Očerk razvitija nauki o lese v Rossii, Moskva 1957.

[9] Józef Władysław Kobylański, Juliusz baron Brincken, naczelny nadleśny Królestwa Polskiego (1818-1833), Warszawa 1937 (Sonderdruck). Dieser Beitrag konzentriert sich leider mehr auf Konflikte und Intrigen als auf das Werk Brinckens. Einen wunderbaren Eindruck von Brinckens Zwiespalt zwischen Effektivität des Forstwissenschaftlers und romantischer Begeisterung des Waldbesuchers vermittelt Simon Schama, Der Traum von der Wildnis, München 1996, S. 61-66.

[10] Julius von den Brincken, Mémoire descriptif sur la forêt impériale de Białowieża, en Lithuanie, Varsovie 1826.

[11] Siehe dazu den Bericht eines Hauptmanns Gruber, Die Eroberung des Urwaldes, in: Bialowies unter deutscher Verwaltung, Heft 1, Berlin 1917, S. 1-8, hier S. 6.

[12] Liulevicius, Vejas Gabriel, War land on the Eastern Front. Culture, national identity and German occupation in World War I, Cambridge 2000.

[13] Einen stimmungsvollen Bericht hierüber liefert der im deutschen Heer dienende polnische Publizist Wilhelm Feldman(n), Mit der Heeresgruppe des Prinzen Leopold von Bayern nach Weißrußland hinein, München 1916, S. 90-103.

[14] Vermutlich resultieren die hohen Verluste aber vor allem aus der Zeit vor Beginn der deutschen Besatzung, denn schon Theodor Ahrens bezifferte die Stückzahl 1921 für das Jahr 1915 auf „kaum 160". Vgl. Theodor G. Ahrens, The Present Status of the European Bison or Wisent, in: Journal of Mammalogy 2 (1921), Nr. 2, S. 58-62, hier S. 60.

[15] Simona Kossak, The Białowieża Forest Saga, Warsaw 2001, S. 393. Zu den massenhaften Abholzungen in Litauen siehe Gerd Linde, Die deutsche Politik in Litauen im Ersten Weltkrieg, Wiesbaden 1965, S. 60/61.

[16] Bruchstückhafte Informationen zum Białowieża-Besuch von Conwentz finden sich in: Staatsbibliothek zu Berlin, Handschriftenabteilung, Nachlass Hugo Conwentz, Reisenotizbuch (Aufschrift: Hildesheim, Nov. 1915).

[17] Eine Karte über die Zonen des heutigen Parks findet sich unter http://bpn.com.pl/index.php?option=com_content&tas... (18.8.2014).

[18] Władysław Szafer, Wspomnienia przyrodnika, Wrocław (u.a.) 1973, S. 145-163; Czesław Okołów, Kiedy padł ostatni żubr w Puszczy Białowieskiej?, in: Chrońmy Przyrodę Ojczystą 22 (1966), Nr. 6, S. 28-30.

[19] Władysław Szafer, Jak powstała Państwowa Rada Ochrony Przyrody [1969], in: Chrońmy Przyrodę Ojczystą 45 (1989), Nr. 5/6, S. 14-17.

[20] Ustawa z dnia 10 marca 1934 r. o ochronie przyrody, in: Dziennik Ustaw (1934), Nr. 31, Pos. 274, unter: http://dziennikustaw.gov.pl/du/1934/s/31/274/D1934... (19.08.2014).

[21] Władysław Szafer, Plan utworzenia rezerwatu leśnego w Puszczy Białowieskiej, in: Sylwan 38 (1920), S. 97-117.

[22] Jan Jerzy Karpiński, Park Narodowy Białowieski, jego znaczenie naukowe i turystyczne, in: Las Polski 12 (1932), Nr. 7, S. 221-235.

[23] Jan Jerzy Karpiński, Park Narodowy w Białowieży, in: Ochrona Przyrody 17 (1937), S. 310-313.

[24] Waleri Rippberger / Wjatscheslaw Semakow, Der Traum vom Urwald, Tessin 2009, S. 218.

[25] Tadeusz Szczęsny, Na szlakach współpracy międzynarodowej, in: Chrońmy Przyrodę Ojczystą 36 (1980), Nr. 1/2, S. 9-20.

[26] Schilderung aus der Sicht eines der maßgeblichen Retter: Jan Sztolcman, Akcja ratownicza, in: Ders. Żubr. Jego przeszłość i przyszłość, Warszawa 1927, S. 87-91.

[27] Rozporządzenie Ministra Wyznań Religijnych i Oświecenia Publicznego z dnia 12 października 1938 r. wydane w porozumieniu z Ministrem Rolnictwa i Reform Rolnych o uznaniu żubra za gatunek chroniony, in: Dziennik Ustaw (im Folgenden: Dz. U.) (1938), Nr. 84, Pos. 568.

[28] Jan Krupa, Moje przygody z żubrami, in: Moje spotkanie z żubrami, hrsg. v. Elżbieta Jabłonska, Białowieża 2004, S. 221-251, hier S. 222.

[29] Cis van Vuure, Retracing the Aurochs. History, Morphology and Ecology of an Extinct Wild Ox. Sofia, Moscow 2005.

[30] Einen Überblick aus nationalkommunistischer Sicht, in der Juden praktisch nicht vorkommen, bietet Waldemar Monkiewicz, Białowieża w cieniu swastyki, Białystok 1984.

[31] Otto Bernhardi, Unvergessenes aus meinem forstlichen Werdegang und der Zeit als Revierassistent im Forstamt Nassawen, in: Wald-, Jagd- und Kriegserinnerungen ostpreußischer Forstleute 1925-1945, hrsg. v. Andreas Gautschi/Wolfgang Rothe, Melsungen 2012, S. 331-400, hier S. 390.

[32] Stefan Dirscherl, Tier- und Naturschutz im Nationalsozialismus. Gesetzgebung, Ideologie und Praxis, Göttingen 2012, S. 43-162.

[33] Andreas Gautschi, Walter Frevert. Eines Weidmanns Wechsel und Wege. Melsungen 2005.

[34] Ripperger, S. 330; Kossak, S. 468.

[35] Archiwum Państwowe w Białymstoku, zas. 503: Wydział Powiatowy w Bielsku Podlaskim 1944-1947, nr. 32: Protokoły posiedzeń Gminnej Rady Narodowej w Białowieży, 1.2.1945-3.9.1946. Protokuł (sic!) jedenastego kolejnego posiedzenia Gminnej Rady Narodowej w Białowieży z dnia 9 listopada 1945 r., Bl. 58/59.

[36] Rozporządzenie Rady Ministrów z dnia 21 listopada 1947 r. o utworzeniu Białowieskiego Parku Narodowego, Dz.U. (1947) Nr. 74, Pos. 469.

[37] Ustawa z dnia 7 kwietnia 1949 r. o ochronie przyrody, Dz. U. (1949) Nr. 25, Pos.180, S. 551-554; Konstytucja Polskiej Rzeczypospolitej Ludowej uchwalona przez Sejm Ustawodawczy w dniu 22 lipca 1952 r., Dz. U. (1952), Nr. 33, Pos. 232, S. 344-371, hier Art. 8 (S. 349).

[38] Aus anthropologischer Sicht Eunice Blavascunas, Reversing Orders. Foresters and the Local in Poland's Bialowieza Forest, Washington 2012.

[39] Nach http://bpn.com.pl/index.php?option=com_content&tas... (31.10.2014).

[40] Im Gespräch mit dem Verfasser am 12.6.2014 in Białowieża.

[41] Carmen Nicolai Hussoviani de statura, feritate ac venatione Bisontis, Cracovia 1523.

Über den Autor

Markus Krzoska ist Historiker, Übersetzer und Privatdozent an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Vorsitzender der Kommission für die Geschichte der Deutschen in Polen e.V.