Rezension: "Umweltgeschichte(n): Ostmitteleuropa von der Industrialisierung bis zum Postsozialismus" [DE]

Förster, Horst und Julia Herzberg und Martin Zückert (Hrsg.), Umweltgeschichte(n): Ostmitteleuropa von der Industrialisierung bis zum Postsozialismus (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2013), S.352, 50,00€.

Rezensiert von Peter Wegenschimmel, Regensburg.

Auswirkungen des sauren Regens im Isergebirge (Creative Commons)

Auswirkungen des sauren Regens im Isergebirge (Creative Commons)

Der geographische und geschichtswissenschaftliche Tagungsband nimmt das Narrativ des „staatssozialistischen Ökozids" zum Anlass einer Analyse der Geschichte und Entwicklung der environmentalism-Ideologie und der Umweltbewegung in den zentraleuropäischen Staaten. Bisher wurden „Verschmutzungsgeschichten" oft als Vehikel betrachtet, Kritik am Staatssozialismus zu üben. Laut Mitherausgeberin Julia Herzberg hat der Band sich vorgenommen, dieses und ähnlich tradierte Narrative fallenzulassen, um „neue Fragen und neue Narrative zu entwickeln". (S. 29) Landschaftsökologische Rekursionen bieten der Umweltgeschichte eine Perspektive, mit deren Hilfe es gelingt, das „Narrativ vom einheitlichen Ostblock zu hinterfragen und Ostmitteleuropa als kulturell eigenständigen Raum sichtbar zu machen". (S. 29) Ostmitteleuropa stellt sich für die Autorin als „Paradebeispiel einer transnationalen Umweltgeschichte" (S. 28) dar: Flüsse wie die Oder oder Gebirge wie die Tatra trennen und verbinden die politischen Einheiten gleichermaßen. Der Fokus der transnationalen Studien dieses Bandes liegt somit auf der Geschichtsregion Ostmitteleuropa und deren umweltgeschichtlicher Situation in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ostmitteleuropa wird hierbei zugleich als Naturraum, der von in sich stark differenzierten Tieflandzonen geprägt ist, und als Kulturraum mit gemeinsamen strukturellen und kulturellen Eigenschaften gefasst.

Der zweite Herausgeber, Martin Zückert, verweist auf ein weiteres Narrativ, das er in seinem Aufsatz historisiert und so auf die Zeitgebundenheit von Umweltvorstellungen hinweist: Es handelt sich um Interpretationen, die Ostmitteleuropa zur Peripherie erklären und damit implizieren, seine „Rückständigkeit" hätte einen „geringeren Grad an Umweltzerstörung" (S. 49) zur Folge als im westlichen Europa. In seinem Beitrag diskutiert der Geschäftsführer des Collegium Carolinum Infrastrukturprojekte, insbesondere das Wasserleitungssystem der Industriestadt Ústí nad Labem in Nordböhmen.

Unverständlich bleibt, weshalb sich unter den siebzehn Autoren kein einziger polnischer befindet. Es ist wohl der Herausgeberschaft des Collegium Carolinum geschuldet, dass sich die meisten Autoren ihr Ostmitteleuropa um Nordböhmen konstruieren. So untersucht neben einer Studie zur Prager urbanen Umwelt und einer vergleichenden Studie zu Parks der Donaumonarchie der dritte Herausgeber, Horst Förster, die Umweltveränderungen im nordböhmischen Braunkohlerevier. Dazu steckt er sich einen zeitlichen Rahmen vom Anfang der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts bis heute. Zu den Auswirkungen des strukturellen Umbaus nach dem Zweiten Weltkrieg auf diese Region erläutert er, „dass in der Raumwirtschaftspoltik dem sektoralen Prinzip stets der Vorrang vor dem territorialen Prinzip eingeräumt wurde, d.h. Territorialplanung funktionierte lediglich als eine in den Raum projizierte Volkswirtschaftsplanung. Für die zentrale Beckenzone Nordböhmens hatten diese Prozesse eine beträchtliche Steigerung der industriellen Produktion zur Folge, konkret einen Ausbau der Braunkohleförderung, einen erheblichen Anstieg der Energieerzeugung und eine wachsende Unterstützung der chemischen und petrochemischen Industrie." (S. 91) Die negativen Folgen für die Umwelt seien z.B. der saure Regen des nach der Braunkohle benannten „Schwarzen Dreiecks" (Bogatynia, Cottbus, Ústí nad Labem) und die Schädigung der Nadelwaldbestände des Erzgebirges und der anderen Mittelgebirge durch Rauchgase. Dabei stellt das teuerste und umweltschädlichste Raumordnungsprojekt wohl die Erschließung des Großtagebaus „Most" dar, für den die mehr als 700 Jahre alte gleichnamige Stadt nach Süden verschoben werden musste. (S. 92 ff.) Förster erwähnt zwar ein staatliches Umweltprogramm von 1985, das generell den Gesundheits- und Naturschutz normierte, betont allerdings zugleich die Ineffizienz der Überwachungs- und Regulierungsinstrumente im Autoevaluationsprinzip der Betriebe. (S. 98)

Aus Julia Herzbergs sowohl global- als auch regionalgeschichtlich orientiertem Beitrag lassen sich wesentliche Parallelen der ostmitteleuropäischen als auch der sowjetischen Umweltkonzepte ableiten: 1. die schwerindustrielle Ausrichtung, 2. die freie Verfügbarkeit der „vergesellschafteten Güter", die oftmals zum sorglosen Umgang mit ihnen führte, 3. die Planwirtschaft, die nicht zu „Qualität und Effizient" anhielt, sondern „Aufwand und Ressourcenverbrauch" belohnte. (S. 18) Zum letzten Punkt gilt: „Maßnahmen zum Umweltschutz lohnten sich betriebswirtschaftlich nicht, auch wenn Wirtschaftsplaner, die die gesamte Volkswirtschaft im Blick hatten, ihre Notwendigkeit erkannten." (S.18 f.) Die dahinterstehende umweltpolitische Grundprämisse führt Bianca Hoenig in ihrem Beitrag zum Nationalpark Tatra aus: Nur durch die Eliminierung von Konkurrenzwirtschaft und durch planmäßige Aufsicht könnten die Interessen der Natur gewahrt werden. (S. 309)

Allen Beiträgen gemein ist die Suche nach einem umweltgeschichtlichen Sonderweg Ostmitteleuropas. Bianca Hoenig sieht diesen in einem Wechselspiel von Einflüssen, das dem Nationalpark Tatra seine Form gab – russische Schutzgebiete, die „zapovedniki", einerseits und amerikanische Nationalparks andererseits. (S. 316) Julia Herzberg deutet einen Versuch an, Ostmitteleuropa als von der Sowjetunion getrennte Risikolandschaft zu konstruieren. Als Anhaltspunkte gelten ihr die stilgebende Vorsicht gegenüber landwirtschaftlichen Großprojekten, die Nichtanwendung des die Sowjetunion beherrschenden „Plans zur Umgestaltung der Natur" und das kritische Verhältnis zu Trofim Lysenkos pseudowissenschaftlicher Genetiklehre in Ostmitteleuropa. (S. 22)

Die Suche nach Beschreibungsmodi für einen ostmitteleuropäischen Sonderweg kennzeichnet auch den ersten Beitrag des Themenblocks „Umweltbewegungen", nämlich „Environmentalism, Eastern European Style". Darin kommentiert Frank Uekötter das Missverständnis, demzufolge der Osten umweltschutztechnisch „unmusikalisch" gewesen sei. Der Autor weist darauf hin, dass die DDR schon 1954, also 22 Jahre vor der BRD, ein Umweltgesetz verabschiedete (S. 245) und folgert: „Our common conceptions of environmentalism never worked east of the Iron Curtain anyway." (S. 242) In Ostmitteleuropa hatten sich eigene Umweltorganisationen in Form von anerkannten Verbänden gegründet. Deren Geschichte zeichnet Hermann Behrens im letzten Beitrag für die DDR nach. Er unterscheidet zwischen den Natur- und Heimatfreunden im Kulturbund bzw. der „Gesellschaft für Natur und Umwelt" im Kulturbund auf der einen Seite und der unabhängigen, systemkritischen oder oppositionellen Umweltbewegung andererseits. Letztgenannte habe den Naturschutz als Vorlage für Staatskritik überhaupt genutzt. (S. 332)

In den letzten Artikeln deutet der Tagungsband an, dass es neben der oppositionellen, mitunter kirchlichen Umweltbewegung in den ostmitteleuropäischen Staaten auch eine legitimierte „Umweltbewegung" gab, die Umweltthemen zum Anlass nahm, um bestimmte Anliegen systemintern zu formulieren. Nach 1990 rasch zerfallen, litt diese, wie im Falle der „Gesellschaft für Natur und Umwelt", an Identifikationsproblemen mit der bundesdeutschen Umweltpolitik. So gelang es ihnen nicht, ihren breiten Organisationsgrad während der Restrukturierung nach 1990 in Organisationsmacht zu konvertieren. Nicht nur das Beispiel der Umweltbewegungen in der DDR zeigt, dass die Missachtung von Akteurszusammenhängen und eine politisierende Argumentation zu simplifizierten Einschätzungen in den umweltgeschichtlichen Narrativen um Ostmitteleuropa geführt haben. Die wesentliche Leistung dieses Tagungsbandes besteht wohl darin, zu Zeiten des Kalten Krieges geprägte Narrative, also Umweltgeschichten, zu ordnen, zu historisieren bzw. neue Narrativmöglichkeiten aufzuzeigen.

Über den Autor

Peter Wegenschimmel studierte Slawische Sprachen/Literaturen und Philosophie in Berlin und Krakau. Aktiv in der polnischen Gewerkschaft Inicjatywa Pracownicza. Postgraduelles Studium des Arbeits- und Sozialrechts an der Universität Breslau (2015/16). Seit 2016 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter des IOS Regensburg im Projekt „Transformations from Below: Shipyards and Labour Relations in the Uljanik (Croatia) and Gdynia (Poland) Shipyards since the 1980s".