Ökologie und Gerechtigkeit: ein schwieriges Verhältnis [PL/DE]

[ Polski ]

Michał Olszewski, Krakau

Dieser Artikel erschien zuerst im Jahrbuch Polen "Umwelt" (2015) des Deutschen Polen-Instituts.

Aus dem Polnischen von Jan Conrad

Der gordische Knoten aus Gerechtigkeit, Ökonomie und Umweltschutz

Im Herbst 2013 hatte ich die Gelegenheit, dem jährlichen Treff en der Weltbank-Gruppe als Beobachter beizuwohnen. Seit einigen Jahren geht ihm eine einwöchige Tagung von NGOs aus der ganzen Welt voraus. Jenes Treffen war allerdings außergewöhnlich: Die Weltbank gab offiziell bekannt, neue Kriterien für die Unterstützung von Entwicklungsländern einführen zu wollen. Eines dieser Kriterien ist die Vereinbarkeit der jeweiligen Investition mit der Klimapolitik. Mit anderen Worten: Die Chancen, dass geplante Kohlekraftwerke oder Bergwerke Subventionen erhalten, sind minimal. Weltbank und Internationaler Währungsfonds wollen keine schmutzigen Technologien mehr fördern. Der durchschnittliche Europäer, der sich um die Zukunft des Planeten Sorgen macht, sich der katastrophalen Folgen der globalen Erwärmung bewusst und davon überzeugt ist, dass die einzig mögliche Entwicklung eine nachhaltige Entwicklung ist, kann solchen Entscheidungen nur Beifall klatschen. In Washington zeigte sich jedoch, dass nicht allen nach Klatschen zumute ist. Was sollen Länder wie Indien, Indonesien oder Mosambik dazu sagen, die ihre Zukunft gerade in der Kohle sehen? Was ist mit Ländern, die im Eiltempo abgelegene Provinzen elektrifizieren wollen und auf möglichst billige Energiegewinnung aus sind? In Indien warten dreihundert Millionen Menschen auf einen Zugang zu Elektrizität, im subsaharischen Afrika ca. sechshundert Millionen. Was sagen Regierungen, die kein Interesse an der Auflistung externer Kosten haben, weil sie sich ganz auf kurzfristige Herausforderungen konzentrieren? Wie die Diskussion über Ökologie zwischen dem reichen Norden und den Ländern des Südens, die einen wenigstens bescheidenen Wohlstand anstreben, in der Praxis aussieht, zeigte sich beim Treff en von NGOs mit den Vertretern mehrerer afrikanischer Regierungen. Die NGOs in Washington versuchen die Weltbank dazu zu bewegen, große hydrotechnische Projekte für umweltschädlich zu erklären und ihnen somit die Kredite zu streichen. Das versetzt die Regierungsbeamten der afrikanischen Länder in Rage. Sonnenkollektoren, Windmühlen? Zu teuer, zu unsicher. Sie wollen Energie – sofort, jetzt, noch heute. Sie wollen große Staudämme bauen und Rohstoff e fördern. Sie werfen uns, den Vertretern des reichen Nordens, vor, dass wir wieder einmal darüber entscheiden, auf welche Art und Weise sie sich entwickeln sollen. Auf den vorsichtigen Hinweis, dass sich das nördliche Entwicklungsmodell als außerordentlich kostenträchtig erwiesen habe, reagieren sie mit Gelächter: Ihr hier, in euren bequemen, klimatisierten Bürogebäuden, weit weg von echtem Elend und echten Grenzsituationen, habt eure Macht auf Kohle und Erdöl gebaut – aber anderen wollt ihr das verbieten. Das ist der Eindruck, den Afrika hat, zumindest was seine offiziellen Vertreter betrifft. Ich spreche von Washington, weil mich diese Bilder selbst Monate später noch verfolgen: das monumentale, dezent graue Gebäude der Weltbank, der Vatikan der Finanzwelt – und auf allen Stockwerken in den Korridoren Menschenmassen aus dem Süden, die auf die nächsten Panels, Debatten und Vorschläge warten. Sie sind aus dem Jemen, aus Palästina, Indien oder Mosambik angereist und wollen Gerechtigkeit und Geld. Sie sollen den Beamten dabei helfen, den gordischen Knoten aus Gerechtigkeit, Ökonomie und Umweltschutz zu durchschlagen. Die Spannung zwischen diesen Sphären ist mit Händen zu greifen und, ehrlich gesagt, schockierend; denn schließlich sollte die Ökologie ein Instrument zur Lösung gesellschaftlicher Probleme sein. Stattdessen verlässt man Washington mit dem Gefühl, dass es beunruhigend oft zu Situationen kommt, in denen es dort, wo sich diese Sphären berühren, zu funken beginnt.

Aufholende Modernisierung versus Ökologie

Gewiss lässt sich leicht aufzeigen, dass der soeben skizzierte Konflikt ein Scheinkonflikt ist und der Sieg des Modells eines schnellen Wachstums längerfristig überaus hohe Folgekosten nach sich zieht. Das Problem besteht nur darin, dass die Diskussion um den Bau neuer Kohlebergwerke oder Talsperren den Kern der Ökologie berührt: Afrika, Asien und Südamerika möchten, Entschuldigung: sie haben bereits den Weg einer radikalen Modernisierung eingeschlagen, die sich nicht um externe Kosten oder langfristige Auswirkungen bekümmert. Der Süden fühlt sich (übrigens zu Recht) in keiner Weise für die Folgen der globalen Erwärmung verantwortlich – im Gegenteil: Er ist es, der ihr in erster Linie zum Opfer fällt. Der Süden möchte mit Handys telefonieren, Auto fahren, in Einfamilienhäusern wohnen, Straßen asphaltieren und Seltene Erden fördern, mit aller Gewalt die Regenwälder abholzen, vom Land in die Städte ziehen, Huhn statt Reis essen und schnell und ohne Rücksicht auf die langfristigen Konsequenzen Kapital akkumulieren. Mit anderen Worten: Der Süden möchte bewusst jenes Entwicklungsmodell kopieren, auf das Europa und die Vereinigten Staaten ihre Macht gebaut haben. Schelte oder auch nur sorgenvolle Ermahnungen werden in Uganda oder Ghana als neue, verschleierte Form des Kolonialismus aufgefasst: Diesmal sind es nicht die Schiff e von König Leopold, die Afrika ansteuern, sondern die Ideen einer nachhaltigen Entwicklung.

Legitimer Widerstand des „Südens“ gegen die europäische Klimapolitik

Ich bin noch nie in Indien oder Afrika gewesen, doch ich meine, dass es sich aus einer Reihe von Gründen lohnt, die Prozesse zu betrachten, die in den einst verächtlich als »Dritte Welt« bezeichneten Ländern vor sich gehen. Erstens: Wenn die Vermutung richtig ist, dass der Klimawandel zu heftigen gesellschaftlichen Reaktionen im Weltmaßstab führen wird, dann sind deren Ausgangspunkte vor allem im Süden zu suchen. Der anscheinend unvermeidbare Konflikt um das Nilwasser zwischen Ägypten und Äthiopien sowie den kleineren Ländern am Oberlauf des Flusses bedeutet, dass es noch mehr Boote mit Flüchtlingen geben wird, die versuchen, nach Europa zu gelangen. Die rasch voranschreitende Wüstenbildung in Ländern wie dem geteilten Sudan wird dazu führen, dass der Streit um Land, wie er bereits jetzt zwischen Hirten- und Bauernstämmen geführt wird, noch blutiger werden wird. Haben wir zur Lösung dieser Probleme noch eine andere Idee als Karawanen mit wenig wirkungsvoller humanitärer Hilfe? Zweitens: Das Dilemma, vor dem Länder auf der Suche nach billigen Energiequellen und Rohstoff en stehen, hat tatsächlich die Dimension eines tragischen Konflikts und eignet sich zur Beschreibung der Situation mehr oder weniger in jedem Land (von Enklaven wie Nordkorea einmal abgesehen). Der aggressive Entwicklungsweg ist eine Sackgasse und erinnert an die Taktik der verbrannten Erde, nur eben auf eigenem Territorium. Er ist jedoch eine Antwort auf die ebenso aggressiv wachsen den Konsumbedürfnisse der Bürger. Die Rückkopplung, die zwischen diesen beiden Tendenzen auftritt, macht deutlich, wie schwierig es ist, einen Modus Vivendi zu finden, der die Sicherung von Wohlstand und zugleich einen wirkungsvollen Umweltschutz ermöglicht. Die Konsumansprüche der rasch anwachsenden weltweiten Mittelklasse wird der bereits heute über Gebühr ausgebeutete Planet nicht aushalten, aber es ist auch schwer zu sagen, wie man ihr diese Ansprüche verweigern könnte, ohne zu drastischen, diktatorischen Maßnahmen zu greifen. Kann man den Chinesen befehlen, zum Fahrrad als Transportmittel zurückzukehren? Soll man die Preise für Flugtickets drastisch anheben, den Verzehr von Fleisch, den Bau zu großer Wohnungen oder den Kauf überflüssiger technischer Spielereien verbieten? Guter Witz. Doch irgendetwas muss man tun. Drittens: Der Widerstand des »Südens« gegen die Umweltpolitik in ihrer europäischen Variante ist durchaus legitim. Europa hat das Recht, zur Reduktion des CO2-Ausstoßes aufzurufen, ohne die ein wirkungsvoller Kampf gegen den Klimawandel schwer vorstellbar ist. Doch mit demselben Recht kann der Süden auf die Statistik verweisen, aus der eindeutig hervorgeht, dass zwischen 1950 und 2007 Europa für 26 Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich war, das südliche Asien für fünf Prozent und Südamerika für drei Prozent. Ebenso hat der Süden das Recht, uns Europäern Heuchelei vorzuwerfen (auch wenn wir uns ihrer sicherlich nicht vollständig bewusst sind): Der durchschnittliche Deutsche ist – trotz seines Wissens um den Klimawandel – für einen um ein Mehrfaches höheren CO2-Ausstoß verantwortlich als ein Inder, er produziert Unmengen von Abfall (Rohstoffe!) und isst viel Fleisch (Emissionen, Umweltverschmutzung!). Man sollte sich also ehrlicherweise die Frage stellen, ob Europa nicht vielleicht versucht, anderen Ländern jene Lasten aufzubürden, die es selbst nicht zu schultern vermag. Von dem bereits erwähnten Nordkorea abgesehen kenne ich kein Land, das den ungesättigten Appetit seiner Bürger wirkungsvoll gezügelt hätte – und warum auch. Der feine Unterschied besteht lediglich darin, dass es Länder gibt, in denen es nicht zum guten Ton gehört, sich allzu off en zu materiellen Wünschen zu bekennen (zufällig sind das die Länder mit einem gesicherten Wohlstand), und andere, in denen frank und frei darüber gesprochen wird. Um einen Geschmack vom Leben in den letzteren zu bekommen, muss man nur zum Beispiel nach Almaty fliegen, wo die Konzentration von Autos der Marke Lexus und Hummer oder anderer Wunder der Allradtechnologie alle zulässigen Normen überschreitet.

Nichtregierungsorganisationen verlassen aus Protest den Klimagipfel in Warschau 2013 (Jahrbuch Polen 2015, S. 84)

Nichtregierungsorganisationen verlassen aus Protest den Klimagipfel in Warschau 2013 (Jahrbuch Polen 2015, S. 84)

Polnische Errungenschaften im Klimaschutz

Doch zurück nach Europa. Ich lebe in einem relativ wohlhabenden Land – und dennoch ist der Hunger nach materiellen Gütern hier immer noch deutlich spürbar. Das vergangene Vierteljahrhundert war eine Periode kontinuierlich anwachsenden Wohlstands. Der Motorisierungsgrad in den großen polnischen Städten übertrifft inzwischen den Berlins, mehr als die Hälfte aller Polen wohnt in Einfamilienhäusern, was angesichts katastrophaler Fehler in der Raumbewirtschaftung eine Entwicklung in ihrer kostenträchtigsten, amerikanischen Form nach sich zieht. Die Polen wollen gut essen, sie wollen das Leben genießen, sie wollen, dass der Karneval des Konsums, der das graue Einerlei des Kommunismus abgelöst hat, möglichst lange andauern möge. Ähnliche Träume haben die Inder und die Brasilianer. Die Frage, ob er sich für Ökologie im weitesten Sinne interessiere, wird der durchschnittliche Pole im Brustton der Überzeugung bejahen. Wir wollen gesunde Wälder, sauberes, klares Wasser in Seen und Flüssen, wir wollen keinen Smog, der im Winter die Städte vergiftet. Man muss zugeben, dass der Kampf gegen die Umweltverschmutzung in Polen – sowohl wegen der Rezession als auch infolge gezielter Maßnahmen – seit dem Ende des Kommunismus gewaltige Fortschritte gemacht hat. 1989 stand Polen vor einer ökologischen Katastrophe. Nach den Berechnungen von Professor Maciej Nowicki, einem der führenden polnischen Ökologen der letzten Jahrzehnte, ist im Laufe der vergangenen 25 Jahre die Emission von Schwefeldioxid um 80%, von Stickstoffdioxid um fast 50% und von Feinstaub sogar um 90% zurückgegangen. Der saure Regen, der Wälder, Gesundheit und Baudenkmäler ruinierte, gehört der Vergangenheit an. Der Energieverbrauch der Wirtschaft sinkt, der Waldbestand des Landes nimmt zu, und Rot- und Damwildherden, Vögel sowie große Raubtiere werden als selbstverständliches Element der Landschaft gesehen, obwohl das noch bis vor Kurzem keineswegs der Fall war. Nowicki weist darauf hin, dass zum Zeitpunkt des politischen Umbruchs von 822 Städten gerade mal 274 über biologische Kläranlagen verfügten; 172 Städte hatten mechanische Anlagen und alle übrigen überhaupt keine, sodass die Abwässer ungeklärt ins Wasser gelangten. Mehr als 40% des Wassers fielen aus der polnischen Klassifizierung nach Reinheitsklassen heraus. Hinter den trockenen Zahlen verbergen sich Tragödien wie die hohe Säuglingssterblichkeit oder der fatale Gesundheitszustand der damaligen Bewohner Oberschlesiens.

Ökologie als lokale Bedrohung?

Gleichzeitig vollzieht sich noch ein anderer Prozess: Sobald sie von der Ebene unverbindlicher Bekenntnisse auf den Boden der Praxis wechselt, wird die Ökologie immer öfter als Bedrohung für die Interessen der lokalen Gemeinschaften oder gar für die Staatsraison wahrgenommen. Seit dem Jahr 1989, als die Ökologen, die damals ein Teil der demokratischen Opposition waren, als unverzichtbare Gruppe galten, hat ein fundamentaler Wandel stattgefunden. Die wohlfeilen Bekenntnisse sollten uns nicht täuschen: Ökologie ist für viele Polen etwas Verdächtiges, fast eine Art fünfter Kolonne – Sand, der in das Getriebe einer Gesellschaft gestreut wird, die in Richtung Wohlstand marschiert. Überaus populär ist in den polnischen Medien das Etikett »Ökoterrorist«, das jedem angeheftet wird, der gegen den Bau einer neuen Straße, eines Skilifts in bislang unberührter Bergwelt oder eines neuen Kohlekraftwerks zu protestieren versucht. In Polen steht die Ökologie im Widerspruch zur allgemeinen Auffassung von sozialer Gerechtigkeit. Der beste Beweis dafür ist der Streit um den gordischen Knoten einer auf fossilen Brennstoff en basierenden Wirtschaft. Gerecht ist es, wenn die Regierung den Bergbau oder konventionelle Kraftwerke mit riesigen Summen subventioniert. Gerecht sind beträchtliche Privilegien für Bergleute. Ungerecht, ja sogar schädlich ist jeder Versuch, die polnische Abhängigkeit von der Kohle zu verringern. Ein symbolischer Ort, an dem der Riss zwischen diesen beiden Sphären besonders deutlich wird, ist die Kleinstadt Szczucin im nordöstlichen Kleinpolen. Hier wurde fast ein Vierteljahrhundert lang die größte polnische Fabrik für asbesthaltige Materialien betrieben. Die Bevölkerung vor Ort war von einer epidemiologischen Katastrophe betroffen – die Leute erkrankten reihenweise an Lungenkrebs. Noch 1998 überschritt die Konzentration von Asbestfasern in der Luft die zulässigen Normen um das Fünfzigfache, in der Fabrik selbst um das Tausendfache. Eine hohe Konzentration stellten die Wissenschaftler auf den Sportplätzen der Schulen und auf dem Marktplatz fest. Im Jahre 2003 war das Risiko, an einer Asbestlunge zu sterben, in Szczucin bei Männern um das 68-fache, bei Frauen um das 32-fache höher als im Landesdurchschnitt. Das Alter der Todesopfer sank kontinuierlich: Die an Krebs erkrankten Frauen starben im Durchschnitt zehn Jahre früher als 1975. Auf der Grundlage der Kirchenbücher hat der Gemeindepfarrer Sołtys eine Statistik erstellt, aus der hervorgeht, dass zwischen 1988 und 2004 ca. 10–20% aller Todesfälle in Szczucin durch Krebs verursacht wurden. Häufiger als anderswo starben die Bewohner nicht nur an Lungen-, sondern auch an Bauchspeicheldrüsen- und Darmkrebs. Trotzdem: Als 1999 der Betrieb (vor allem aus ökonomischen Gründen) stillgelegt werden sollte, kam es zu Protesten der Bewohner. Jene, die sich für eine möglichst rasche Schließung der Fabrik einsetzten, beklagten sich, dass sie anonyme Drohungen erhielten und dass Nachbarn und Freunde sich von ihnen abwandten. Die Krebsgefahr wurde als Schicksal verstanden – der Verlust der Verdienstmöglichkeit als Schlag, der die ganze Gemeinschaft zu treffen drohte. So kam es auch, denn mit der Eternitfabrik verschwanden auch andere Betriebe aus Szczucin. Die Bewohner wurden von der teuflischen Fabrik zwangsbefreit, aber sie erfuhren keinerlei finanzielle Unterstützung, und so reagierten sie auf die einzig mögliche Entscheidung mit Verbitterung. Mehr als zehn Jahre mussten vergehen, bevor die Menschen all das abschütteln konnten und begannen, nach einem neuen Lebensentwurf für sich zu suchen. Das Misstrauen der Polen oder jedenfalls eines großen Teils von ihnen gegenüber der Ökologie lässt sich noch an einem weiteren Beispiel ablesen: Seit mehr als zehn Jahren ist es den Behörden trotz intensiver Bemühungen nicht gelungen, auch nur einen neuen Nationalpark einzurichten – zu groß ist der Widerstand der lokalen Gemeinschaften. Aus der Perspektive der Bewohner in den an die Nationalparks angrenzenden Gebieten sind die einzigen Assoziationen, die das Stichwort Ökologie weckt, kostspielige Einschränkungen und Verbote. Ähnlich denken Bergleute, Straßenbauer, Fischer, Förster ... Sie alle wollen – na klar doch – die Umwelt schützen, aber nur unter der Bedingung, dass ihre eigenen Interessen dabei nicht zu kurz kommen. Dieses Prinzip gilt in jedem Winkel des Globus. Ihr wollt die Regenwälder in Brasilien retten?, fragen Politiker in Rio. Bitte schön, aber nicht mit brasilianischem Geld. Ihr wollt den Ausstoß von Kohlendioxid reduzieren? Viel Erfolg, aber bitte ohne den Kohleabbau einzuschränken – und so weiter, und so fort. Umweltschutz ist notwendig, aber gleichzeitig an sehr vielen Orten unmöglich, ohne dass es zu heftigen Konflikten kommt. Dass Kompromisse gefunden werden können, belegt ein aktuelles Beispiel aus Krakau, der Stadt mit der drittgrößten Luftverschmutzung in der EU. Von der Krakauer Luft während der Heizperiode könnte man stundenlang ein Lied singen, denn infolge der ungünstigen geografischen Bedingungen sowie Zehntausender Kohleöfen in den Privatwohnungen erinnert sie eher an einen Giftcocktail. Die Einwohner leiden an Allergien und Asthma und erkranken häufiger als in anderen Regionen des Landes an bestimmten Krebsarten. Umweltschützer haben errechnet, dass der durchschnittliche Krakauer im Lauf eines Jahres so viele Giftstoffe einatmet, als hätte er 2.000 Zigaretten geraucht. Nach einem Jahr intensiver Arbeit von NGOs und Beamten des Magistrats sowie des Marschallamts kam es zu einer Entscheidung, die einen Präzedenzfall in diesem Teil Europas darstellt: Die lokalen Behörden verboten die Verwendung fester Brennstoff e wie Kohle, schweres Heizöl oder Holz in Privathaushalten. Wie ist das möglich? Warum ließ sich eine so radikale Forderung durchsetzen? Ausschlaggebend war ein großzügiges Förderprogramm, das den ärmsten Bewohnern helfen soll, die Umstellung von Kohle auf andere Heizmethoden zu verschmerzen. Die Umweltsituation in der Stadt ist katastrophal, aber ohne ökonomische Instrumente hätte kein Politiker ein so großes Risiko auf sich genommen.

Keine globale Trendwende in Sicht

Auf lokaler Ebene lassen sich Tausende solcher Beispiele wie das aus Krakau finden, doch der weitere Kontext – der Blick auf Afrika, Asien und Europa aus der Vogelperspektive – stimmt nicht sonderlich optimistisch. Auch nach jahrelangen erbitterten Diskussionen, zahllosen Meetings, mehreren Klimagipfeln und mehr oder weniger verbindlichen Regelungen ist es nicht gelungen, das zu verändern, was für die globale Umweltpolitik den Lackmustest darstellt: Der Ausstoß von Kohlendioxid wächst nach wie vor. Ich habe nicht vor, mich darüber auszulassen, ob und in welchem Maße das vom Menschen produzierte CO2 für die globale Erwärmung verantwortlich ist – solche Überlegungen kommen in der gegenwärtigen Phase wohl zu spät und sind vollkommen überflüssig. Die Klimaskeptiker sollten jedoch im Auge behalten, dass sich die Emissionswerte auf verschiedenen Ebenen interpretieren lassen – unter anderem dahingehend, dass die brummende Weltwirtschaft, ganz mit der Produktion immer weiterer materieller Güter beschäftigt, nicht daran denkt, auch nur für einen Moment das Tempo zu drosseln. Mit brutaler Ehrlichkeit beschreibt das Harald Welzer in seinem hervorragenden Buch Klimakriege, in dem er Europa und Afrika gemeinsam in den Blick nimmt und die bittere Unterscheidung zwischen Überzeugungen und Verhaltensweisen einführt: »Welches der klassischen Themen der Umweltbewegung man auch nimmt – Landschaftsverbrauch durch Straßenbau und Urbanisierung, das Anwachsen des Individualverkehrs, die permanente globale Steigerung der emittierten Treibhausgase, die Meeresverschmutzung, Missbildungen von Neugeborenen in besonders belasteten Gebieten wie um den Aralsee –, all das, was die ohnehin vorhandenen Probleme durch die Globalisierung weiter erhöht, scheint dem Alltagsbewusstsein weitgehend entrückt. Es ist hier nicht der Ort, die zum Teil haarsträubenden Fehlentwicklungen im Umweltbereich, insbesondere in den Ländern des ehemaligen Ostblocks, aber auch in den USA zu referieren, aber es ist darauf hinzuweisen, dass die ökologische Vorreiterrolle, die einige amerikanische Bundesstaaten wie Kalifornien oder europäische Länder wie Deutschland oder Österreich übernommen haben, durchaus lokale Erfolge erbracht hat, aber an der globalen Entwicklungsrichtung der wachsenden Ressourcenausbeute und Umweltverschmutzung nichts ändern kann. – Was sich primär in den vergangenen dreißig Jahren verändert hat, ist das Problembewusstsein, nicht das Problem.«[1] Können wir uns eine Umkehr dieses Trends auf friedlichem Wege vorstellen? Und auf der anderen Seite: Wollen wir den überhitzten Globus mit anderen als friedlichen Methoden herunterkühlen? Um die Frage noch weiter zuzuspitzen: Stehen wir auf der Seite des Mörders Ted Kaczynski, des berüchtigten »Unabombers«, den die Überzeugung, die technologische Entwicklung sei die größte Bedrohung für die Umwelt und damit für die Menschheit, seinerzeit dazu trieb, Bombenattentate zu begehen? Oder entscheiden wir uns für die friedliche, aber im globalen Maßstab allem Anschein nach unwirksame Methode der kleinen Veränderungen? Werden wir kurzfristige soziale Gerechtigkeit nicht vielleicht mit langfristigen Katastrophen bezahlen? Ich entscheide mich für die zweite Methode: Es gibt keinen anderen Weg als Hartnäckigkeit, langwierige, zähe Verhandlungen, die von den Spezialisten für die Makroperspektive so belächelten lokalen Lösungen, Diskussionen mit den Bewohnern von Białowieża, mit Regierungsbeamten aus Uganda oder Bergwerksbesitzern in Indonesien. Die Rolle des Unabombers hat nämlich die Natur übernommen. Ein paar besonders trockene oder regenreiche Jahre nacheinander in irgendeiner Weltgegend genügen, damit man in Europa versteht, welche Folgen das vom Menschen aus dem Gleichgewicht gebrachte Klima hat. Und wenn das doch nicht genügt? Das würde bedeuten, dass unser Festhalten am gegenwärtig gültigen Entwicklungsmodell nicht mehr und nicht weniger ist als Selbstmord und dass nicht einmal die eindeutigen Signale, die uns die Natur sendet, daran etwas zu ändern vermögen. Alles Reden von Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit verlöre dann natürlich jeglichen Sinn – der Natur ist der Begriff der Gerechtigkeit fremd. Die Natur ist einfach nur da, und immer öfter bricht sich ihre zerstörerische Kraft Bahn.

Fußnote

[1] Harald Welzer: Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. Frankfurt am Main, 4. Aufl. 2014, S. 50.

Über den Autor

Michał Olszewski, Publizist und Schriftsteller, hat sich im Bereich Journalistik auf ökologische Themen spezialisiert und schreibt in meinungsführenden polnischen Zeitungen u. a. über die Kohlewirtschaft und die Klimapolitik.