Die Tatra: nationale Landschaft und grenzüberschreitender Naturraum [DE]

Bianca Hoenig, Basel

Die Tatra: nationale Landschaft und grenzüberschreitender Naturraum

Die Tatra hat die Beziehung der PolInnen zur Natur stark geprägt. Das betrifft zum einen die Landschaftsimagination, wie sie sich in der Kunst ausdrückt und in kollektiven Vorstellungen tradiert wird. Die Gipfel, Grate und Bergseen der Tatra, allen voran Morskie Oko, haben ihren festen Platz in der polnischen Kulturgeschichte. Zum anderen lässt sich das auch für die Entwicklung des Naturschutzgedankens konstatieren. Der Schutz des kleinen Hochgebirges besitzt eine bewegte Geschichte, die von Rückschlägen nicht frei ist. Dieser Text gibt einen Überblick über die wichtigsten Etappen in der gesellschaftlichen Aneignung der Tatra seit Mitte des 19. Jahrhunderts.

Blick auf die Hohe Tatra von Norden (Wydawnictwo Ligi Popierania Turystyki, 1936; Biblioteka Narodowa)

Blick auf die Hohe Tatra von Norden (Wydawnictwo Ligi Popierania Turystyki, 1936; Biblioteka Narodowa)

So sehr sich dies als eine polnische Geschichte erzählen lässt, so wichtig ist es aber auch, den darüber hinausreichenden Bezügen Beachtung zu schenken. Durch die Tatra verläuft die Grenze zur Slowakei, tatsächlich liegt der größere Teil des Hochgebirges mit den höchsten Gipfeln im südlichen Nachbarland. Der Umgang mit dem Gebirge war und ist deshalb auch ein grenzüberschreitendes Phänomen. Darüber hinaus sind die Bezüge zu anderen Naturregionen unverkennbar. Besonders stark gilt das für die Alpen, die immer wieder als Vorbild für die Erschließung und Nutzung der Tatra dienten.[1]

Zunächst eine Lagebestimmung: Die Tatra bildet den höchsten Abschnitt des Karpatenbogens, der sich über mehr als 1.000 km durch das östliche Europa erstreckt. Allerdings bedeckt die Tatra ein Gebiet, das lediglich etwas größer als die Fläche des Stadtstaats Hamburg ist. Im von Ebenen und Mittelgebirgen geprägten Ostmitteleuropa ist das kleine Hochgebirge alpinen Charakters eine Besonderheit. Der höchste Gipfel ist der Gerlachovský štít (Gerlsdorfer Spitze) mit 2.655 m auf der slowakischen Seite. Auch Polens höchster Berg liegt in der Tatra, der Rysy mit 2.499 m.

Die nationale und touristische „Entdeckung“ der Tatra

Die Geschichte der Tatra als polnisches Gebirge begann im 19. Jahrhundert. Zwar hatte ihr nördlicher Teil schon lange zuvor zum polnischen Staatsgebiet gehört. Aber erst in der Zeit der Teilungen erhielten diese Berge symbolische Bedeutung für die polnische Nationalbewegung. Immer mehr Angehörige der Intelligenzija aus allen drei Teilungsgebieten wurden auf diesen schwer zugänglichen, ärmlichen Landstrich aufmerksam. Ihre Sommerfrische verbrachten sie in Zakopane, einem Weiler am Fuß der Berge. Einige von ihnen ließen sich sogar in der Gegend nieder. Besonders der Warschauer Arzt Tytus Chałubiński trug zur Popularisierung der Tatra als Reisedestination bei – er gilt in Polen als "Entdecker der Tatra". In Zakopane versammelte sich eine illustre Gästeschar von Schriftstellern und Künstlerinnen, die sich von der Berglandschaft inspirieren ließen und sie in ihren Werken verewigten. Auch die Einheimischen der Tatraregion, die GóralInnen, hatten es den BesucherInnen angetan. Sie erkannten in ihnen die Bewahrer nationaler Lebensweisen, eine Art Ur-Polen.[2]

Parallel zu dieser symbolischen Aufladung wurde die Tatra auch immer stärker touristisch erschlossen. Wanderwege wurden gebahnt und erste Schutzhütten errichtet. 1873 entstand mit dem Tatraverband (Towarzystwo Tatrzańskie) der erste polnische touristische Verein. Diese Entwicklung stand in einem gesamteuropäischen Kontext. 1857 wurde in London der Alpine Club gegründet, der weltweit erste Bergverein, der bald Nachahmer in den Alpenländern fand. Auch auf der Südseite des Gebirges, die zu der Zeit zum ungarischen Teil der Habsburgermonarchie gehörte, gab es Bestrebungen, die Tatra für den Tourismus zu erschließen. Hier hatte sich der Fremdenverkehr bereits am Ende des 18. Jahrhunderts zu entwickeln begonnen. In der schmalen slowakischen Nationalbewegung entwickelte sich ebenfalls ein Kult um die Tatra, der jedoch zunächst geringere gesellschaftliche Verbreitung fand als in der polnischen Bevölkerung.[3]

Grenzüberschreitende Naturschutzpläne und verstärkte Nutzungskonkurrenzen

Als Polen am Ausgang des Ersten Weltkriegs wieder zu einem unabhängigen Staat wurde, war die Tatra bereits fest in der nationalen Imagination verankert. In den zwei folgenden Jahrzehnten mauserte sich Zakopane zu einer attraktiven Urlaubsdestination für die Mittel- und Oberschicht. Nun wurde auch der Wintersport in der Tatra, der europaweit beworben wurde, immer beliebter. Mit dem wachsenden Besucheraufkommen nahmen aber auch die Nutzungskonflikte in der Region zu. Die touristische Infrastruktur wurde deutlich ausgebaut, am sichtbarsten mit einer Seilbahn auf den beim Publikum beliebten Gipfel Kasprowy Wierch. Solche Maßnahmen forderten die NaturschützerInnen heraus, die sich schon seit Jahrzehnten für die Bewahrung der Hochgebirgsnatur eingesetzt hatten. Der Plan, in der Tatra einen Nationalpark zu gründen, scheiterte an der Tourismuslobby und am Widerstand der einheimischen Weidebauern und Grundeigentümerinnen, die sich in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht fühlten.[4]

Dabei hatte das Nationalparkprojekt der Zwischenkriegszeit gerade auf den Ausgleich von Interessengegensätzen abgezielt. In dem Naturreservat sollten Tourismus sowie Alm- und Forstwirtschaft zwar Beschränkungen unterliegen, aber weiterhin erlaubt sein. Noch dazu sollte es der zwischenstaatlichen Verständigung dienen. Ein grenzüberschreitender Park sollte dazu beitragen, einen Grenzkonflikt zwischen Polen und der Tschechoslowakei beizulegen. Zu diesem Zweck kooperierten NaturschutzaktivistInnen der beiden Nachbarländer eng miteinander.[5] Der Nationalparkplan war für seine Zeit äußerst progressiv, was ihm große Beachtung in den transnationalen Naturschutznetzwerken und in Gremien des Völkerbunds eintrug.[6]

Nationalparks, Massentourismus und lokale Wirtschaftsverhältnisse

Trotzdem konnte die Nationalparkidee erst nach dem Zweiten Weltkrieg realisiert werden. 1949 entstanden auf der tschechoslowakischen Seite, fünf Jahre später auf der polnischen Seite zwei unabhängig voneinander verwaltete Reservate. Beide Parks fußten auf den Vorarbeiten der Zwischenkriegszeit. Es spielte jedoch auch die Situation der Nachkriegsjahre bei ihrer Gründung eine Rolle. Besonders auf der tschechoslowakischen Seite, in weit geringerem Maße aber auch in der polnischen Tatra begünstigte die Umsiedlung, Deportation und Enteignung lokaler Bevölkerungsgruppen im und nach dem Zweiten Weltkrieg die Etablierung von staatlich verwalteten Großschutzgebieten. In beiden Gebirgsteilen stellten sich die gleichen Probleme, die sich auch im zeitgenössischen internationalen Naturschutz beobachten ließen. Das betraf vor allem den stark ansteigenden Massentourismus sowie das Verhältnis der Nationalparks zu den Ansässigen. Vor allem in den sechziger Jahren schoss die BesucherInnenzahl in dem kleinen Hochgebirge in die Höhe. Der stete Zuwachs in der Nachkriegszeit war zum einen der politischen Zielsetzung geschuldet, den werktätigen Massen eine Erholungsreise zu ermöglichen. Zum anderen hatte er mit dem Wohlstandszuwachs zu tun, der allmählich auch die osteuropäischen Gesellschaften erfasste, wenn auch in weit bescheidenerem Ausmaß als im Westen. Ein spezieller Grund, weshalb eine Reise in die Tatra in der Volksrepublik Polen so beliebt war, hing damit zusammen, dass die Staatsmacht sich dort nur bedingt durchsetzen konnte. Zakopane wurde zum Zentrum eines regen Schwarzhandels, an dem sich die TouristInnen sowohl als Abnehmerinnen als auch als Anbieter beteiligten.[7]

Ein bis heute ungelöstes Problem besteht darin, dass sich die Akzeptanz der örtlichen Bevölkerung gegenüber den Regulierungen, die die Nationalparks mit sich brachten, als sehr gering erwies. Das Verhältnis zu den Ansässigen führt rund um die Welt in vielen Parks unabhängig von den politischen Bedingungen zu Spannungen. In der Tatra lässt sich feststellen, dass der Übergang zu Demokratie und Marktwirtschaft ab 1989 nicht zu einem Interessenausgleich zwischen denjenigen, die Weide- und Forstwirtschaft betreiben, und der jeweiligen Parkverwaltung geführt hat. Ein besonders großer Streitpunkt war und ist die Restitution der in der Nachkriegszeit enteigneten Flächen. Doch obwohl in der Slowakei eine umfassende Rückgabe an die ehemaligen Eigentümer stattgefunden hat, während die Tatra sich in Polen weiterhin weitgehend in staatlicher Hand befindet, bleibt diese Beziehung auf beiden Seiten der Grenze kontrovers. Die wachsende Tourismusindustrie bedingt wiederum einen neuen Boom bei der infrastrukturellen Erschließung des Gebirges.

Trennendes und Verbindendes

Als "geteiltes Gebirge" hat die Tatra immer wieder Kontakte über die Grenze hinweg angestoßen. Das gilt für Austausch und Kooperation wie auch für den Plan für einen grenzüberschreitenden Nationalpark in der Zwischenkriegszeit oder für das zu Beginn der 1990er Jahre eingerichtete Biosphärenreservat der UNESCO, das das gesamte Gebirge einschließt. Die polnisch-slowakische Beziehungsgeschichte in der Tatra beinhaltet aber auch nationale Konkurrenz und sogar militärische Aggression am Ende der Zwischenkriegszeit. Außerdem hegten die beiden Seiten häufig auch gegenseitiges Misstrauen in Bezug auf den Umgang mit der Hochgebirgsnatur. Das zeigte sich zuletzt deutlich bei einer gescheiterten Transaktion: 2011 erhielt eine slowakische Firma den Zuschlag für die zum Verkauf stehende Seilbahn auf den Kasprowy Wierch nicht, weil in der polnischen Bevölkerung und Politik Befürchtungen laut wurden, dass dieses ausländische Unternehmen die polnische Tatra schädigen könnte.[8]

Die Tatra wird nicht nur von der Staatsgrenze zerschnitten, sondern auch der hohe symbolische Stellenwert des jeweiligen Teils für die polnische und slowakische Gesellschaft bewirkt in vielerlei Hinsicht eine Art Zweiteilung des kleinen Hochgebirges. Dem wirkt der gemeinsame Naturraum entgegen, der die Lokalbevölkerung dies- und jenseits der Gipfel seit Jahrhunderten verbindet und Zusammenarbeit im Naturschutz und Tourismus motiviert hat. Für die polnische Gesellschaft zeigt sich an der Tatra exemplarisch beides: die Nationalisierung einer Landschaft sowie der grenzüberschreitende Charakter von Natur.

Morskie Oko in der Hohen Tatra (Marek und Ewa Wojciechowski, Creative Commons)

Morskie Oko in der Hohen Tatra (Marek und Ewa Wojciechowski, Creative Commons)

Fußnoten

[1] Der vorliegende Text beruht auf der Dissertation der Autorin (abgeschlossen 2016 an der Universität Basel) "Geteilte Berge. Naturnutzung und Territorialisierung in der Tatra im 19. und 20. Jahrhundert". Zu Teilaspekten vgl. Hoenig, Bianca: Kleinod und Ressource. Die polnische Naturschutzbewegung und die Tatra. In: Bohemia 54 (2014) H. 1, S. 56-73.

[2] Die Bedeutung der Tatra und von Zakopane für die polnische Kulturgeschichte ist gut bekannt und erforscht. Vgl. die hervorragende Darstellung der "Entdeckung" der Tatra bei Dabrowski, Patrice M.: Constructing a Polish Landscape. The Example of the Carpathian Frontier. In: Austrian History Yearbook 39 (2008), S. 45-65. Für den "Entdecker" vgl. S. 50.

[3] Holec, Roman: Človek a príroda v "dlhom" 19. storočí [Mensch und Natur im "langen" 19. Jahrhundert]. Bratislava 2014, S. 253-255. – Lipták, Ľubomír: Die Tatra im slowakischen Bewusstsein. In: Stekl, Hannes/Mannová, Elena (Hgg.): Heroen, Mythen, Identitäten. Die Slowakei und Österreich im Vergleich. Wien 2003 (Wiener Vorlesungen. Konversatorien und Studien 14), S. 261-288.

[4] Zum Thema der Seilbahn und dem Konflikt mit dem Naturschutz vgl. Stone, Daniel: The Cable Car at Kasprowy Wierch. An Environmental Debate in Interwar Poland. In: Slavic Review 64 (2005) H. 3, S. 601-624.

[5] Vgl. z. B. Domin, Karel/Goetel, Walery/u.a.: Odezwa uczonych polskich i czecho-słowackich w sprawie Narodowego Parku Tatrzańskiego [Aufruf polnischer und tschechoslowakischer Wissenschaftler bezüglich des Tatranationalparks]. In: Wierchy 4 (1926), S. 133-135.

[6] Vgl. Wöbse, Anna-Katharina: Weltnaturschutz. Umweltdiplomatie in Völkerbund und Vereinten Nationen 1920-1950. Frankfurt am Main, New York 2012 (Geschichte des Natur- und Umweltschutzes 7), S. 263-267. – Kupper, Patrick: Nationalparks in der europäischen Geschichte, Themenportal Europäische Geschichte 2008. Online: <http://www.europa.clio-online.de/Portals/_Europa/documents/B2008/E_Kupper_Nationalparks.pdf> (letzter Zugriff: 30.06.2015).

[7] Sowiński, Paweł: Wakacje w Polsce Ludowej. Polityka władz i ruch turystyczny 1945-1989 [Ferien in Volkspolen. Staatliche Politik und das Tourismuswesen 1945-1989]. Warszawa 2005 (W krainie PRL). – Kochanowski, Jerzy: Socjalizm na halach, czyli "Patologia stosunków społeczno-ekonomicznych i politycznych w Zakopanem" (1972) [Sozialismus auf der Alm oder "Pathologie der sozioökonomischen und politischen Verhältnisse in Zakopane" (1972)]. In: Przegląd Historyczny 98 (2007) H. 1, S. 71-96.

[8] Vgl. die Presseberichterstattung, etwa Kuraś, Bartłomiej/Sudak, Ireneusz: Tatr obcym nie oddamy [Die Tatra geben wir nicht an Fremde]. In: Gazeta wyborcza Nr. 175 vom 30.07.2014, S. 4. Onlineausgabe.

Über die Autorin

Bianca Hoenig arbeitet als Wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte an der Universität Basel. Sie beschäftigt sich mit Umwelt- und Tourismusgeschichte und der Geschichte Ostmitteleuropas. Ihre Dissertation hat sie über die Tatra im 19. und 20. Jahrhundert in einer umwelthistorischen Perspektive geschrieben.

1 comment:

Profile image of M.A. Katharina Kowalski

  • 3 years ago
  • by M.A. Katharina Kowalski
Droga Bianco, dziękuję bardzo za interesujący artykuł. Jednym z moich zainteresowań naukowych w ramach studiów magisterskich było m.in. "odkrycie" alp w IX wieku, dlatego Twój artykuł z historyczną i aktualną perspektywą na Tatry był dla mnie wielkim wzbogaceniem! Serdecznie pozdrawiam z Columbia University w NYC