Zur Entwicklung der Schiefergasförderung und ihrer Protestbewegung in Polen [DE]

Vom einstigen Traum zum gegenwärtigen Trauma? Zur Entwicklung der Schiefergasförderung und ihrer Protestbewegung in Polen

Mit der Hoffnung der kommerziellen Schiefergasförderung waren in Polen zahlreiche Träume verbunden: Der eines „zweiten Norwegens" (Radosław Sikorski), eines „Schiefergas Eldorados" (Gazeta Wyborcza) sowie der (energie-)politischen Unabhängigkeit von Russland (Donald Tusk).[i] Von diesen Träumen blieb wenig übrig. Nach und nach kehrten internationale Konzerne wie ExxonMobil (2012), Total (2014) und ConocoPhillips (2015) Polen den Rücken zu.[ii] In Erinnerung bleiben derweil der einstige Traum vom Schiefergas-Eldorado und die Auseinandersetzung Żurawlóws mit Chevron, zweier Konfliktparteien, die David und Goliath ähnlicher nicht sein könnten. Der folgende Beitrag skizziert eingangs die Entwicklung der Schiefergasförderung und geht anschließend auf die zivilgesellschaftlichen Proteste in Żurawlów ein.

Vom Erdgasimporteur zum -exporteur und wieder zurück!

In Polen stellt die Energiepolitik einen integralen Bestandteil der nationalen Sicherheit dar. Zu präsent sind die jüngeren Krisen rund um russische Erdgasimporte, die Zweifel an der Zuverlässigkeit der Russischen Föderation aufkommen ließen.[iii] Da zudem der Wunsch nach (energie-)politischer Unabhängigkeit von Russland in der polnischen Republik eine zentrale Rolle einnimmt, wurde dem erhofften (sicherheits-)politischen Nutzen der Schiefergasförderung besondere Bedeutung beigemessen.[iv]

Im Jahr 2012 importierte Polen 12 Mrd. Kubikmeter Erdgas aus der Russischen Föderation, was ca. 80% der Erdgasimporte ausmachte.[v] Betrachtet man die Zusammensetzung des polnischen Energiemixes, so lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen. Einerseits ist der Anteil von Erdgas an der Gewinnung der Primärenergie in Polen und damit der Grad der Abhängigkeit von russischen Gasimporten an der gesamten Energiegewinnung vergleichsweise gering. Der hohe Anteil von Kohle an der Energiegewinnung hätte andererseits gesenkt werden können. Die kommerzielle Förderung von Schiefergas sollte nicht nur die vermeintliche Abhängigkeit von der Russischen Föderation, sondern ebenso von der Kohle beenden.[vi]

Die einstige Euphorie lässt sich auf den im Jahr 2011 von der U.S.-amerikanischen Energy Information Administration veröffentlichten Bericht zurückführen, in welchem die polnischen Schiefergasvorkommen auf 5.300 Milliarden Kubikmeter geschätzt wurden.[vii] Dies hätte ausgereicht, um Polen für ca. 200 Jahre unabhängig von (russischen) Gasimporten zu machen. Potentielle Förderstätten erstreckten sich in Form eines Gürtels vom Norden bis in den Südosten des Landes. Besonders reiche Vorkommen wurden in der Podlasie Senke, dem Baltischen und Lubliner Becker vermutet.[viii]

Die Vorteile der Technologie dominierten den öffentlichen Diskurs. [ix] Laut einer Umfrage von CBOS befürworteten im Jahr 2011 73% der polnischen Bürger die Förderung von Schiefergas.[x] Man zeigte sich mit der neuen Technologie, welche die Förderung des Rohstoffs ermöglichte, durchaus zufrieden. Ausländische Investoren drängten auf den polnischen Markt, u.a. kündigte der kanadische Konzern Talisman Investitionen in Höhe von 140 Mio. US-Dollar an.[xi]

Potentielle Schiefergasvorkommen in Polen (Polen-Analysen 154, S. 8)

Potentielle Schiefergasvorkommen in Polen (Polen-Analysen 154, S. 8)

Einer gegen alle

Die Risiken des Frackings spielten in der nationalen Öffentlichkeit nur eine geringfügige Rolle, gewannen aber vor allem auf lokaler und regionaler Ebene an Bedeutung.[xii] Auch dies spiegelt sich in den Umfragen von CBOS aus dem Jahr 2011 wider: Die allgemeine Zustimmung zur Schiefergasförderung sinkt von 73% auf 56%, sobald in der Nähe des eigenen Wohnortes gefrackt werden würde.[xiii] Es entstanden lokale und voneinander unabhängige Protestbewegungen, welche den (Test-)Bohrungen kritisch gegenüberstanden. Besondere Aufmerksamkeit erhielt die aus Żurawlów stammende Bürgerinitiative „OCCUPY CHEVRON". Auf der einen Seite stand der international operierende Konzern Chevron - mit breiter Zustimmung von Medien, Regierung und der Mehrheit der Bevölkerung, auf der anderen Seite die 96 Bewohner umfassende Gemeinde Żurawlów. Hinzukommend haben Umweltproteste in Polen kaum Tradition. Seit 1989 kam es lediglich zu drei größeren Bewegungen. Hierzu zählen die Blockade des Staudamms in Czorsztyn (1989 - 1991), der Protest gegen eine geplante Autobahn in St. Annaberg (1998) und der Schutz des Rospuda-Tals (2007), wobei letzterer erfolgreich war.[xiv] Die Ausgangslage für die Protestierenden schien aussichtslos. Chevron erwarb in unmittelbarer Nähe Żurawlóws eine vom Umweltministerium ausgestellte Konzession für Probebohrungen. 400 Tage lang, vom 03. Juni 2013 bis zum 07. Juli 2014, dauerte der Protest der Anwohner an. Er begann mit einer spontanen Blockade einer Zufahrtsstrasse und endete mit dem abrupten Rückzug des internationalen Konzerns.[xv]

(K)ein offener Dialog und fehlende Genehmigungen

Zwei Schlüsselereignisse mobilisierten die Anwohner dazu, gegen die Schiefergasförderung zu protestieren. Chevron organisierte einen Informationsabend im hiesigen Gemeindehaus. Die besorgten Bewohner luden angesichts mangelnden Fachwissens externe Experten zu dem Treffen ein - ohne Chevron davon vorab informiert zu haben. Sie wünschten sich einen offenen Dialog. Widerwillig nahmen die Vertreter des Konzerns die Anwesenheit der Gäste zur Kenntnis und ließen verlauten, dass dieses Treffen ausschließlich für die Bewohner Żurawlóws vorgesehen sei. Der Gemeinde nicht zugehörige Personen sollten den Raum verlassen, ansonsten würde Chevron das Treffen boykottieren. Der Wunsch, in einen offenen Dialog zu treten, wurde nicht erfüllt und das Vorgehen Chevrons alarmierte die Anwohner. Aus der mangelnden Transparenz resultierte eine wachsende Skepsis gegenüber Chevrons Vorhaben.

Am Morgen des 03. Juni 2013 rückte schweres Baugerät des Konzerns an, um mit ersten Arbeiten auf dem gepachteten Grundstück zu beginnen. Die Anwohner blockierten spontan eine zum Feld des Unternehmens führende Zufahrtsstraße. Anschließend stellten sie sich die Frage, ob Chevron eine erforderliche Sondergenehmigung zur Befahrung der Straße eingeholt hatte. Es stellte sich heraus, dass der Konzern diese nicht vorlegen konnte. Die Haltung Chevrons in dieser Sache bestärkte die Zweifel gegenüber der Firma ein zweites Mal. Wie könne ein milliardenschwerer Konzern die Auflagen zum Schutz der Umwelt einhalten, wenn er nicht willens ist, eine einfache Sondergenehmigung für schweres Baugerät einzuholen? Es war der Beginn des 400 Tage andauernden Protestes. Von der lokalen, regionalen als auch nationalen Politik fühlten sich die Bürger im Stich gelassen. Bemerkenswert war, dass zunächst internationale und dann nationale Medien über die Proteste berichteten.[xvi] Viele Bewohner leb(t)en von der Landwirtschaft und sahen ihre Zukunft durch die Risiken der Technologie bedroht. Sie sahen keine andere Möglichkeit als den Zivilen Ungehorsam, um für den Schutz ihres Ackerlandes zu kämpfen. Unterstützung erhielten sie von anderen Bürgerinitiativen sowie vereinzelten Aktivisten aus Polen und dem Ausland, doch im Wesentlichen waren sie auf sich allein gestellt.

Die spontane Blockade einer für die Landwirte ausgewiesenen Straße sollte zunächst den Beginn geplanter Arbeiten verhindern. Trotz der Spontanität schien ein Ende der Protestaktion nicht in Sicht zu sein. Ein Zelt wurde errichtet, es folgten Banner, eine Feldküche, ein größeres Zelt. Die Anwohner wichen weder Kälte und Schnee, den gegen sie gerichteten Gerichtsverfahren, noch der vehementen Befürwortung der Schiefergasförderung in Polen. Nach 400 Tagen zog sich Chevron blitzartig zurück. Die Rahmenbedingungen für eine kommerzielle Gasförderung hatten sich in Polen zunehmend verschlechtert und die Berichterstattung über die Proteste tat ihr übriges.

Bürgerinitiativen gegen die Schiefergasförderung in Polen (Quelle: http://occupychevron.tumblr.com/mapy_protestu [aufgerufen am 12.07.2016])

Bürgerinitiativen gegen die Schiefergasförderung in Polen (Quelle: http://occupychevron.tumblr.com/mapy_protestu [aufgerufen am 12.07.2016])

Das Ende des Traumes und ein Schub für die Zivilgesellschaft

Ein im Jahr 2012 von dem Staatlichen Polnischen Geologischen Institut (Państwowy Instytut Geologiczny) vorgelegter Bericht schätzte die förderbaren Vorkommen auf 346 - 768 Mrd. Kubikmeter.[xvii] Es handelt sich hierbei allerdings lediglich um 6,5% - 14,5% der eingangs von der Energy Information Administration geschätzten Menge. Erste Probebohrungen verliefen ferner enttäuschend und der Erdölpreis sank im Jahr 2014 zudem auch aufgrund des Förderbooms in den USA stark ab.[xviii] Die Rahmenbedingungen für die Schiefergasförderung in Polen hatten sich damit gravierend verschlechtert. Der einstige Traum vom Schiefergasboom entwickelte sich zu einem Trauma.

Das Durchhaltevermögen und die Standhaftigkeit der Bürgerinitiative OCCUPY CHEVRON sind angesichts der stets hoffnungslos scheinenden Situation bemerkenswert. Aufgrund der Konstellation, der Auseinandersetzung zwischen David und Goliath, besitzt der Protest von Żurawlóws eine nicht zu unterschätzende Symbolkraft für die polnische Zivilgesellschaft. Es bleibt abzuwarten, ob künftige Umwelt- und Protestbewegungen im Spannungsfeld von Ökologie und technischem Fortschritt eine ähnliche Ausdauer aufzeigen werden.

Literaturverzeichnis

Baranzelli, Claudia et al.: „Scenarios For Shale Gas Development And Their Related Land Use Impacts In The Baltic Basin, Northern Poland", in: Energy Policy 84 (2015), S. 80 - 95

Boersma, Tim/ Johnson, Corey: „Energy (In)Security In Poland. The Case Of Shale Gas", in: Energy Policy 53 (2013), S. 389 - 399

CBOS: „Społeczny stosunek do Gazu Łupkowego", Warszawa 2013, aufgerufen unter: http://www.cbos.pl/SPISKOM.POL/2013/K_076_13.PDF, am 12.07.2016

Deutsches Polen-Institut: Polen-Analysen vom 18.11.2014, aufgerufen unter: http://www.laender-analysen.de/polen/pdf/PolenAnalysen154.pdf, am 02.07.2016

Easton, Adam: „ExxonMobil Departure Unsettles Outlook For Shale Gas Exploration", in: Financial Times vom 31.10.2012, S.3

Gazeta Wyborcza: Tusk: „Bezpieczeństwo gazowe Polska osiągnie w 2035 r.", aufgerufen unter: http://wyborcza.biz/biznes/1,147745,10308122,Tusk__Bezpieczenstwo_gazowe_Polska_osiagnie_w_2035.html?disableRedirects=true, am 02.07.2016

International Energy Agency: „Energy Supply Security: The Emergency Response Of IEA Countries - 2014 Edition, Paris 2014, aufgerufen unter: https://www.iea.org/media/freepublications/security/EnergySupplySecurity2014_Poland.pdf, am 10.07.2016

Kublik, Andrzej: „Polska Gazowym Eldorado", in: Gazeta Wyborcza vom 07.06.2010, aufgerufen unter: http://wyborcza.pl/1,76842,7979387,Polska_gazowym_Eldorado.html?disableRedirects=true, am 02.07.2016

Kureth, Andrew: „Polish Shale Gas Hits A Dry Well", aufgerufen unter: http://www.politico.eu/article/polish-shale-gas-hits-a-dry-well/, am 02.07.2016

Lis, Aleksandra/ Stankiewicz, Piotr: „Framing Shale Gas For Policy-Making In Poland", in: Journal of Environmental Policy & Planning, 2016, S. 1 - 19

Neslen, Arthur: „Polish Shale Gas Industry Collapsing As Number Of Licenses Nearly Halves", aufgerufen unter: https://www.theguardian.com/environment/2015/jan/12/polands-shale-gas-revolution-evaporates-in-face-of-environmental-protests, am 02.07.2016

Newsweek: „Polska może mieć złoża gazu nawet na 200 lat", aufgerufen unter: http://www.newsweek.pl/biznes/wiadomosci-biznesowe/polska-moze-miec-zloza-gazu-nawet-na-200-lat,52625,1,1.html, am 12.07.2016

Newsweek: „Sikorski: Gaz łupkowy szansą, by Polska stała się drugą Norwegią", aufgerufen unter: http://www.newsweek.pl/polska/sikorski--gaz-lupkowy-szansa--by-polska-stala-sie-druga-norwegia,59989,1,1.html,am 02.07.2016

Ostolski, Adam: „Ökologie, Demokratie und Moderne Umweltproteste in Polen seit 1989", in: Bingen, Dieter et al.: Legitimation und Protest: gesellschaftliche Unruhe in Polen, Ostdeutschland und anderen Transformationsländern nach 1989, Wiesbaden 2012, S. 204 - 218

Państwowy Instytut Geologiczny: „Zasoby wydobywanie gazu ziemnego i ropy naftowej w formacjach łupkowych dolnego paleozoiku w Basienie Bałtycko - Podlasko - Lubelskim w Polsce. Skrót, Warschau 2012, aufgerufen unter: aufgerufen unter: http://www.pgi.gov.pl/docman-tree/aktualnosci-2012/zasoby-gazu/783-raport-skrot-pl/file.html, am 02.07.2016

Polish Information and Foreign Investment Agency: „Energy Sector In Poland", Warschau 2014, aufgerufen unter: http://www.paiz.gov.pl/files/?id_plik=21681 am 12.07.2016

Rudnicki, Andrzej: „Polish Shale Gas Exploration: The Way Forward", aufgerufen unter: http://www.shale-gas-information-platform.org/areas/the-debate/polish-shale-gas-exploration-the-way-forward.html, am 12.07.2016

The Economist: „Fracking Heaven Poland", (June 25) 2011, S. 79

U.S. Energy Information Administration: „World Shale Gas Resources: An Initial Assessment Of 14 Regions Outside The United States", Washington 2011, aufgerufen unter: https://www.eia.gov/analysis/studies/worldshalegas/archive/2011/pdf/fullreport_2011.pdf, am 02.07.2016

Endnoten

[i] Vgl.: Zu Sikorski: Newsweek 2011: o.A., zu Gazeta Wyborcza: Kublik 2010: o.A., Zu Tusk: Gazeta Wyborcza 2011: o.A.

[ii] Vgl. Kureth 2015: o.A.

[iii] Vgl. Johnson/ Boersma 2013: 396.

[iv] Vgl. Lis/ Stankiewicz 2016: 6 - 7.

[v] Vgl. International Energy Agency 2014: 371.

[vi] Vgl. The Economist 2011: 79.

[vii] Vgl. U.S. Energy Information Administration 2011: V-1 - V-2.

[viii] Vgl. Newsweek 2011: o.A.

[ix] Vgl. Lis/ Stankiewicz 2016: 2.

[x] Vgl. CBOS 2013: 2.

[xi] Vgl. Kublik 2010: o.A.

[xii] Vgl. Lis/ Stankiewicz 2016: 9 - 11.

[xiii] Vgl. CBOS 2013: 2.

[xiv] Vgl. Ostolski 2012: 205 und 217.

[xv] Siehe dazu: Deutsches Polen-Institut: 2014: 8.

[xvi] Siehe dazu: Neslen 2015: o.A.

[xvii] Vgl. Państwowy Instytut Geologiczny 2012: 3.

[xviii] Vgl. Easton 2012: 3.

Über den Autor

Adrian Stadnicki studierte im Bachelorstudiengang Politikwissenschaft, Polnische Philologie und Öffentliches Recht an der Universität Regensburg. Im Masterstudiengang Osteuropastudien an der Freien Universität Berlin liegt sein politikwissenschaftlicher Schwerpunkt auf den Beziehungen zwischen den Staaten West- und Osteuropas.