Monograph

Burkhard Wöller (2014)

„Europa“ als historisches Argument. Nationsbildungsstrategien polnischer und ukrainischer Historiker im habsburgischen Galizien

Publishing house Verlag Dr. Dieter Winkler
Place of publication Bochum
Series Herausforderungen
Language German

ISBN: 978-3-89911-233-7

Die politischen Umwälzungen in der Ukraine seit November 2013 führen erneut vor Augen, welches Gefahren- und Mobilisierungspotenzial von der Instrumentalisierung geopolitischer Raumbilder wie "Osten" und "Westen" ausgehen kann. Es erscheint daher sinnvoll, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, um den Anfängen des Europa-Diskurses in dieser Region auf den Grund zu gehen.

Burkhard Wöller untersucht in seiner transfer- und verflechtungsgeschichtlich angelegten Studie, welche Bedeutung die mentale Selbstverortung in "Europa" für die polnische und ukrainische Nationsbildung im habsburgischen Kronland Galizien hatte. Anhand der Analyse der galizischen Geschichtsschreibung des langen 19. Jahrhunderts zeichnet der Autor nach, auf welche Weise "Europa" konstruiert wurde, wie es in den verschiedenen Geschichtsdarstellungen für nationale Ziele instrumentalisiert werden konnte und welche diskursiven Strategien damalige Historiker entwickelten, um in ihren Geschichtsdarstellungen etwa die "Europäizität" oder auch den "östlichen Charakter" der eigenen Nation zu belegen: Die Konstruktion und Popularisierung von Fortschrittserzählungen, Zivilisierungsmissionen und Bollwerkmythen dienten den Historikern dabei als Grundlage für die Etablierung nationaler und europäischer Narrative.

Die genauere Betrachtung Galiziens erweist sich in mehrfacher Hinsicht als fruchtbar. Einerseits war das vielfach "am Rande Europa" verortete Kronland oft selbst Gegenstand des Europa-Diskurses. Andererseits muss Galizien eine Vorreiterrolle für die polnische und ukrainische Nationsbildung beigemessen werden. Diese spezifische Konstellation ermöglicht es daher, sowohl die Wechselwirkungen zwischen "Nationsbildung" und "Europabewusstsein" zu untersuchen, als auch die Funktionalisierung von "Europa" als historischem Argument im konkreten Fall des polnisch-ukrainischen Nationalitätenkonflikts zu analysieren.

In seiner Diskursanalyse stützt sich Burkhard Wöller auf eine systematische Auswertung der polnischen und ukrainischen Historiografie zwischen 1830 und 1918. Das breite Quellenkorpus beinhaltet neben wissenschaftlichen Forschungsarbeiten des akademischen Diskurses auch populärwissenschaftliche und publizistische Geschichtsbroschüren und Artikel sowie offiziell approbierte Lehrbuchtexte.

Burkhard Wöller legt mit seinen Ergebnissen eindringlich dar, dass "Europa" eine nicht zu unterschätzende nationsbildende Funktion zugeschrieben werden muss. Dabei gelingt es ihm, inhaltliche Parallelen, rhetorische Strategien und narrative Techniken offenzulegen, die auch heute immer noch nicht an Aktualität eingebüßt haben. Er sensibilisiert vor allem für den Konstruktcharakter, die Instrumentalisierung und das Machtpotenzial von Europa-Bildern und nationalen Narrativen – denn ungefähr an der Stelle, wo schon im 19. Jahrhundert die "Kulturgrenze" zwischen "Westen" und "Osten" verortet wurde, verläuft heute die Außengrenze der Europäischen Union und teilt "Europa" erneut in zwei Hälften.

  • „Europa“ als historisches Argument. Nationsbildungsstrategien polnischer und ukrainischer Historiker im habsburgischen Galizien

    Reviewed by Dr. Paul Srodecki