Grenzen, Kriege und Kongresse

Die staatliche Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien 1917-1923

Ostmitteleuropa erfuhr im 20. Jahrhundert durch die beiden Weltkriege, den Kalten Krieg und den Zusammenbruch des Staatssozialismus gewaltige Veränderungen und Umbrüche. Politische Ordnungssysteme wechselten sich in schneller Folge ab, und mit ihnen verloren alte Staatsbürgerschaften ihre Gültigkeit, wurden neue Staatsgrenzen gezogen. In einer das “Zeitalter der Extreme" überspannenden Perspektive wandelte sich die Region von einer ethnisch heterogenen Peripherie dreier Imperien in einen Raum weitgehend homogener, souveräner und demokratisch verfasster Nationalstaaten.

Projektphase I (2013-2016): Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien 1917-1923 Ein Europa der Nationalstaaten war in dieser Region jedoch 1918 ohne jegliche Präzedenz und keineswegs alternativlos. Ob und welche Nationalstaaten in welcher Gestalt bestehen würden, war ein Spiel mit offenem Ausgang. Denn was in den Jahren 1944-1949 und 1989/91 in Europa selbstverständlich wurde, nämlich die nationale Organisation von Staaten, deren Bevölkerungen zum überwiegenden Teil der Titularnation angehörten, konnten die Zeitgenossen am Ende des Ersten Weltkriegs nicht vorausahnen.

Während sich die Historiographien Ostmitteleuropas intensiv mit dem Ringen nationaler Bewegungen gegen imperiale Staaten vor 1918 befasst haben, sind ihre Auseinandersetzungen untereinander nach dem Weltkrieg ebenso wenig transnational untersucht worden wie das Ringen imperialer Akteure gegen die neuen Nationalstaaten. Auch die konzertierten Bemühungen international agierender, nichtzionistischer jüdischer Akteure, ihre rechtliche und soziale Lage durch Beteiligung an öffentlichen Diskursen, an diplomatischen Verhandlungen und an lokalen politischen Entscheidungen positiv zu verbessern, ist von der Forschung vernachlässigt worden.

Wie beteiligten sich nichtstaatliche Vertreter an der Aushandlung und tatsächlichen Etablierung einer neuen Ordnung? Welche Vorstellungen vertraten sie und wie veränderten sich diese Vorgaben im Prozess der Etablierung?

Die Betrachtung der Ereignisse aus drei Perspektiven und ihre Konzeptualisierung als ein ergebnisoffener Prozess ermöglichen eine Neubestimmung von Kriegs-, Nachkriegs- und Zwichenkriegszeit sowie eine praxeologische Dekonstruktion wirkmächtiger Konzepte wie „Mittel-, Zwischen- und Zentraleuropa“. Dabei soll die Frage nach dem Verhältnis von internationaler Diplomatie, Herrschaftspraxis und Raumvorstellungen bei der Ziehung, Verschiebung und Legitimation von Staatsgrenzen in Ostmitteleuropa gestellt werden. Die Konstituierung von Wissen über Grenzen und staatliche Ordnung wird durch ein praxeologisches Theoriekonzept rekonstruiert, das wechselseitige Beeinflussungen und Rückkopplungen betont.