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Die Polenstudien im Lichte der Area Studies-Kontroverse

Reihe: Was sind Polenstudien?
Beigetragen von Bastian Sendhardt
Redaktionell betreut von Deutsches Polen-Institut

Die Polenstudien sind im Aufwind. Dieser Befund scheint angesichts zahlreicher Institutionen und Forscher:innen, die sich mit Polen befassen, zutreffend zu sein. Den Bedeutungszuwachs der vergangenen Jahre verdeutlicht die wachsende Zahl von Bestandsaufnahmen aus der Mitte des Forschungsfeldes (vgl. zuletzt Loew 2020 sowie die Beiträge des neuen Wissenschaftsblogs Polenstudien). Ein weiterer Aspekt dieses wissenschaftlichen Prozesses der Selbstvergewisserung ist die Frage nach dem eigentlichen Wesen des Forschungsbereichs, plakativ zugespitzt in der Frage: „Was sind Polenstudien?“ (Jajeśniak-Quast/Szajbel-Keck 2017). Teil dieses Prozesses ist zweifelsohne auch die Frage nach der Selbstverortung der Polenstudien im Lichte der Area Studies-Kontroverse (ASK). Diese Frage wurde für die Polenstudien bislang nicht in dem Maße diskutiert, wie dies etwa für die Middle East Studies und die Ost(mittel)europaforschung der Fall ist. Dieser Blogbeitrag stellt somit einen ersten Schritt in diese Richtung dar und fragt nach der Selbstverortung der Polenstudien im Lichte der Area Studies-Kontroverse.

Worin besteht die ASK?

Im Kern dreht sich die ASK um die Frage nach der (Un-)Vereinbarkeit von an den Kerndisziplinen orientierter sozialwissenschaftlicher Forschung und dem regional- bzw. länderspezifischen Fokus der Area Studies. Kritiker:innen werfen den Area Studies zum einen die Orientalisierung ihres Forschungsgegenstands vor, da versucht werde, Entwicklungen durch die Spezifika vor Ort, also quasi aus sich selbst heraus zu erklären. Dies sei letztlich Ausdruck einer „partikularistischen Perspektive“ (Bank and Busse 2021, S. 13), die die Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit der eigenen Area betont und die eigene Forschung somit einer globalen Einbettung und damit der Anschlussfähigkeit an Debatten in anderen Area Studies und den Kerndisziplinen entzieht. Zum anderen monieren Kritiker:innen der Area Studies, dass diese ein Anachronismus aus der Zeit des Kalten Krieges seien. Statt des partikularistischen Fokus auf eine spezifische Region oder gar ein einzelnes Land werden Untersuchungen globalen Zuschnitts gefordert. Zudem mangele es den Area Studies häufig an theoretischer Unterfütterung und methodischer Strenge. Sie seien letztlich nur bedingt wissenschaftlich, da sie eher deskriptiv als analytisch-erklärend arbeiten und kein Interesse an Generalisierung zeigen würden. So seien sie zwar reich an Details, brächten aber kaum theoretischen Erkenntnisgewinn (Tessler et al. 1999).

Ähnliche Kritikpunkte wurden auch in Hinblick auf die Ostmitteleuropastudien vorgebracht. So bemerkt etwa Alexander Libman: „Die Existenz von OME-spezifischen Forschungsinstitutionen mit entsprechenden Stellenprofilen ermöglicht es Area-Spezialisten mit ihrer zeitintensiven sprach- und landeskundlichen Spezialausbildung auf dem wissenschaftlichen Arbeitsmarkt zu reüssieren“ (Libman 2020, S. 182). Krzoska et al. kritisieren in diesem Zusammenhang die Rolle der Ostmitteleuropaforschung als „politische Verwertungswissenschaft“ (S. 61). Libman zufolge lauere in dieser „Anreizstruktur die Gefahr, dass Area-Spezialisten theoretische und methodische Fragestellungen vernachlässigen oder entsprechende Trends nur sehr selektiv oder mit großer Verzögerung in ihre wissenschaftliche Arbeit aufnehmen“ (Libman 2020, S. 182).

Die Vertreter:innen der Area Studies wiederum werfen den sozialwissenschaftlichen Kerndisziplinen vor, eine von der empirischen Wirklichkeit weitgehend entkoppelte Forschung zu betreiben, die von einem Universalismus geprägt sei, der regionale Spezifika vollkommen außer Acht lasse. Sie argumentieren zudem, dass die Multidisziplinarität des Faches auch Vorteile besitze. Der Blick über den disziplinären Tellerrand ermögliche eine produktive Zusammenarbeit unterschiedlicher disziplinärer Ansätze und erlaube es auch, Forschungsperspektiven für die eigene Area nutzbar zu machen, die ursprünglich für eine andere Area entwickelt worden waren (vgl. Dale et al. 2015, S. 6). Die disziplinären Sozialwissenschaften hingegen würden zur Übersimplifizierung neigen und zu „sterilen Debatten über konzeptionelle und theoretische Rahmen“ zur Konstruktion von „höchst abstrakten Modellen, die kaum einen wirklichen Einblick in die komplexen Verhaltensmuster der Ereignisse bieten, die sie zu erklären vorgeben“ (Tessler et al. 1999, ix). In der Konsequenz hätten die Kerndisziplinen keinen Bezug zu den Problemen vor Ort: „Erkenntnisse, die nicht auf der Kenntnis der Sprache, der Kultur und der Geschichte einer bestimmten Region beruhen, sind höchstwahrscheinlich nicht aussagekräftig oder überhaupt zutreffend“ (ebd.). Zudem sind die vorgeblich universalen Fachdisziplinen streng genommen häufig Westeuropa- bzw. Nordamerika-Area Studies (Grotz et al. 2013, S. 82). Darüber hinaus gibt es etliche Beispiele für Area Studies-Spezialisten, die durchaus einen ausgeprägten theoretischen Fokus haben. Die in dieser Hinsicht schroffe Trennung zwischen Area Studies und den Kerndisziplinen scheint aus dieser Sicht stark übertrieben (Tessler et al. 1999, xi). Von daher ist Tessler et al. (xii) darin zuzustimmen, dass die „Art von Fachwissen, die mit den Area Studies verbunden ist, nicht nur zur Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Theorie beitragen kann, sondern sogar unerlässlich ist.“

Eine Rehabilitierung der Polenstudien im Lichte der ASK

Die Rehabilitierung der Polenstudien im Lichte der ASK sollte nicht mit einem Ignorieren der teils durchaus berechtigten Kritik an den Area Studies verwechselt werden. Die Area Studies wurden u.a. dahingehend kritisiert, dass sie, vor allem in der Zeit des Kalten Krieges, politisch motiviert gewesen seien. Dies mag zutreffend sein, stellt aber nicht per se ein wissenschaftliches Ausschlusskriterium dar. Wissenschaftliche Forschung und die damit verbundene finanzielle Förderung ist in aller Regel immer auch an politische Ziele und Ideen geknüpft. Dass die Polenstudien vor allem in Deutschland präsent sind, ist selbstverständlich in der engen historischen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verflechtung begründet, wodurch der polnische Nachbar letztlich too big to fail ist. Kurzum: die Kritik an den Area Studies, diese seien aufgrund ihrer bisweilen politisch motivierten finanziellen Förderung wissenschaftlich nicht satisfaktionsfähig, ist in dieser Pauschalität nicht haltbar.

Die Area Studies sind ferner dahingehend kritisiert worden, dass sie ob ihrer regionalen Verliebtheit keinerlei Mehrwert für die Kerndisziplinen bereithielten, insbesondere, was deren theoretische Weiterentwicklung betrifft. Die Kritik scheint in weiten Teilen berechtigt, wenngleich die Frage erlaubt sein sollte, ob sie lediglich die Area Studies oder nicht auch Fachdisziplinen wie die Politikwissenschaft trifft. Die Antwort liegt in einer Rückbindung der Area Studies an die (theoretischen) Debatten der Kerndisziplinen wie auch in der Anknüpfung an die Forschung in transdisziplinären Forschungsfeldern wie den Border Studies, Diaspora Studies, Nationalism Studies etc.

Die Area Studies sind schließlich dahingehend kritisiert worden, dass sie den globalen Zeitgeist nicht erkannt hätten und weiterhin an Regionen oder gar nationalstaatlich definierten Forschungszuschnitten festhielten, wo doch ein transnationaler, grenzüberschreitender und letztlich globaler Fokus vonnöten wäre. Dieser Einwand ist gerade für die Polenstudien relevant, die durch die Beschäftigung mit einem Land einen besonders engen Fokus gewählt zu haben scheinen. Doch die Polenstudien haben gleichzeitig das Zeug zu einem Paradebeispiel, das imstande ist, diesen Vorwurf zu widerlegen. Hierfür ist es nötig, den spezifischen Polenfokus in einen transnationalen bzw. globalen Kontext einzubetten. Die Überschrift eines solchen Ansatzes der Polenforschung könnte „Polen global“ lauten, ein Ansatz, der sich fokussiert auf Polen in der Welt und die Welt in Polen. Konkret hieße dies Folgendes: Polen in der Welt beinhaltet die polnische Emigration bzw. weltweite Diaspora, die Rolle Polens in den internationalen Beziehungen und der Europapolitik, die Rolle Polens als transnationaler Nation in der Entstehung eines europäischen und dann globalen Nationalismus (imagined communities), Polen als historische Stätte einer einstmals global verstreuten jüdischen Diaspora. Dabei ist der Fokus auf Polen wichtig als Exemplifizierung grenzüberschreitender, überregionaler, globaler Phänomene. Die Welt in Polen würde wiederum den Fokus richten auf nationale Minderheiten und Einwanderung in Polen und den verspäteten und gleichzeitig beschleunigten Wertewandel nach 1989 im Sinne einer Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.

Für die Polenstudien könnte dies bedeuten, als Teil einer im Entstehen begriffenen Forschung zur Weltregion des Global East (neue) Legitimität zu erlangen. Denn neben der Beobachtung globaler Trends, die sich zweifelsohne auch in Ländern wie Polen Bahn brechen, gibt es weiterhin bzw. wieder eine Reihe regionaler Spezifika, die das Land sowohl von den Ländern des Globalen Nordens als auch jenen des Globalen Südens unterscheiden. Diese Spezifik zeigt sich etwa in der in Polen zu beobachtenden Entwicklung hin zu einer illiberalen Demokratie.

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