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Die Abkehr vom Bilateralismus. Wie kann man die polnische Geschichte verstehen und vermitteln?

Die digitale Wende am Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften (CBH PAN), über die wir in unserem ersten Blogbeitrag geschrieben haben, schafft neue Möglichkeiten für die Vermittlung von Wissen über die Geschichte Polens und die deutsch-polnischen Beziehungen. Es ist wichtig, dieses Wissen auch mithilfe von Veröffentlichungen zu verbreiten: sowohl in elektronischer (E-Books) als auch in traditioneller, gedruckter Form. Unsere Perspektive verändert sich ebenfalls: nicht mehr einzig und allein der deutsch-polnische Bilateralismus steht im Zentrum unserer Interessen und Aktivitäten, sondern es ist uns ein Anliegen, die deutsch-polnischen Beziehungen in der breiten Perspektive der europäischen Geschichte zu zeigen, einschließlich ihrer Makroregion, die schwer zu definieren ist und in beiden Sprachen etwas anders bezeichnet wird – als Europa Środkowowschodnia auf Polnisch oder als Ostmitteleuropa auf Deutsch.

Abkehr vom Bilateralismus

Die Zahl der Publikationen innerhalb der neu gegründeten Schriftenreihen des CBH PAN hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Die 2019 initiierte Reihe Fokus. Neue Studien zur Geschichte Polens und Osteuropas, die in deutscher und englischer Sprache erscheint, erschient im Schöningh Verlag bei Brill. Sie widmet sich nicht nur der deutsch-polnischen "Beziehungsgeschichte" (siehe unten den Sammelband Wende, Wandel, Weitermachen? Nachfragen zur Geschichtswissenschaft der 1990er Jahre in Deutschland, Polen und Europa), sondern weitet die Perspektive auch auf die Geschichte der polnisch-jüdischen (Nur Erinnerungen und Steine sind geblieben – Leben und Sterben einer polnisch-jüdischen Stadt: Tarnów 1918–1945) oder etwa die polnisch-ukrainischen Beziehungen aus (From the Volhynian Massacre to Operation Vistula – The Polish-Ukrainian Conflict 1943–1947). Darüber hinaus werden Themen aufgegriffen, die im weiteren Sinne mit der Geschichte Mittel- und Osteuropas (etwa der für 2023 angekündigte Tagungsband Histories of Prostitution in Central, East Central and South Eastern Europe) und Europa im Allgemeinen – von Portugal bis Russland – zusammenhängen (der für 2023 angekündigte Tagungsband Mapping European Collecting). Bezeichnenderweise erscheinen in der Reihe nicht nur Werke etablierter polnischer Historikerinnen und Historiker, sondern auch herausragende Dissertationen, die an deutschen wie polnischen Universitäten verfasst wurden.

Eine schwerwiegende Lücke auf dem internationalen Verlagsmarkt ist die immer noch unzureichende Anzahl von Übersetzungen polnischer Klassiker der Geschichtsschreibung, der Sozial- und Geisteswissenschaften im Allgemeinen. Deshalb haben wir bereits 2017 die Reihe Polen in Europa aus der Taufe gehoben. Ursprünglich als deutschsprachige Reihe konzipiert (in ihrem Rahmen erschienen u.a. Eine Kutsche ist wie eine Straßendirne ... – Reisekultur im Alten Europa oder kürzlich erst Leben als ob – Aufzeichnungen aus dem besetzten Polen in einer Übersetzung von Lothar Quinkenstein), wird sie nun in eine deutsch-englische Reihe umgewandelt. Für das kommende Jahr sind zwei Bände geplant, die eng mit den Klassikern der polnischen Geistes- und Sozialwissenschaften verbunden sind (Neuübersetzungen der Metaphysischen Poeme von Adam Mickiewicz und des Sammelbandes Polish Post-War Humanities mit Aufsätzen solch bedeutender polnischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie Stefan Amsterdamski, Bronisław Baczko, Krzysztof Pomian, Jerzy Szacki und Maria Janion). Unsere Veröffentlichungen in englischer Sprache öffnen ein Fenster hin zu den ausländischen Polenstudien. Daher planen wir die Umgestaltung unseres Jahrbuchs Historie, welches bereits seit 2007 in gedruckter Form und seit 2019 auch im Open Access veröffentlicht wird, in eine zweisprachige Publikation, die auf Deutsch und Englisch erscheinen soll.

Wie lässt sich das gemeinsame kulturelle Erbe Polens und seiner Nachbarländer definieren? Das Konzept ULB plus

Neben der Herausgabe wissenschaftlicher Studien (Monografien und Sammelbände) darf die Notwendigkeit von Quelleneditionen zur deutsch-polnischen Verflechtungsgeschichte in unseren beiden Landessprachen und im Hinblick auf die historische Bildung sowohl in Deutschland als auch in Polen nicht außer Acht gelassen werden. Warum sollten deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die Geschichte Polens oder Europas im Allgemeinen (insbesondere in der Vormoderne, d.h. vor 1800) lehren, ständig mit sprachlichen Einschränkungen – nämlich dem Mangel an Übersetzungen altpolnischer Quellen ins Deutsche – konfrontiert werden? Andersherum: Warum sollten polnische Historikerinnen und Historiker, die an polnischen Universitäten lehren, nicht auf die Fülle von Quellen zur Frühen Neuzeit zurückgreifen können, die in deutscher Sprache u.a. in solch multikulturellen Regionen des ehemaligen Polen-Litauen (wie dem Königlichen Preußen) oder des ehemaligen Deutschen Reiches (wie Schlesien) erschienen sind? Sind die herausragenden Werke von Autorinnen und Autoren, die in deutscher Sprache schrieben und veröffentlichten, nicht ein unverzichtbarer Teil der altpolnischen Kultur?

Diese Fragen führen wiederum zu der Schlüsselfrage, wie wir die Geschichte Polens betrachten. Handelt es sich dabei ausschließlich um eine enge, ethnische Sichtweise, um die Geschichte derjenigen, die eine polnische nationale Identität entsprechend des 19. oder 20. Jahrhunderts haben? Oder im weiteren Sinne um die Geschichte der ULB-Region (ein Akronym aus den Staaten: Ukraine – Litauen – Belarus, nach dem von Jerzy Giedroyc und Juliusz Mieroszewski geprägten Konzept) plus Polen und u.a. Deutschland? Und schließlich müsste man zu diesem Akronym noch viele weitere hinzufügen, die andere Staaten und Nationalitäten bezeichnen, welche wiederum Nachfolgerstaaten von Gebieten sind, die Teil des ehemaligen multikulturellen Polen-Litauen und später der Zweiten Polnischen Republik waren oder (wie Schlesien) an deren Gebiet grenzten. Immerhin sind mindestens 500 Jahre der Geschichte des polnischen Staates die Geschichte einer nicht ausschließlich "polnischen Nation", die nach engen Kriterien der "Ethnizität" definiert wird. In diesem Sinne sollten nicht nur Litauen, Belarus und die Ukraine als Nachfolgestaaten des ehemaligen Polen-Litauen gelten, sondern auch Polen als Nachfolgestaat der ULB-plus-Kulturen, d.h. neben der ukrainischen, litauischen und belarusischen z.B. auch der jüdischen und deutschen, zumal sie sich innerhalb der Grenzen der polnischen Staatlichkeit und ihrer Grenzgebiete entwickelten.

Dies ist die Grundlage für die 2021 initiierte Schriftenreihe Quellen und Darstellungen zur deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte in der Frühen Neuzeit und im 19. Jahrhundert (vgl. Band 1: Die Verfassung vom 3. Mai 1791. Das Vermächtnis des Polnisch-Litauischen Unionsstaats, ein Aufsatz von Richard Butterwick in deutscher Übersetzung, ergänzt durch eine Quellenedition der ältesten deutschen Übersetzungen der Verfassung vom 3. Mai). In dieser Reihe soll vor allem Quellenmaterial aus der Frühen Neuzeit in einer zweisprachigen Fassung veröffentlicht werden: Übersetzungen von Quellentexten aus dem Deutschen und Lateinischen ins Polnische und umgekehrt aus dem Polnischen ins Deutsche. Ziel der Reihe ist es, die verschiedenen Aspekte des Transfers im Bereich einer breit verstandenen Kultur zwischen dem multiethnischen Polen-Litauen und dem ehemaligen Deutschen Reich aufzuzeigen. Bei Publikationen, die sich mit Grenzregionen wie Königlich-Preußen und Schlesien befassen, ist es unser Anliegen, die Rolle der deutschen Kultur und Sprache als integralen Bestandteil der altpolnischen Kultur aufzuzeigen.

Aber vergessen wir nicht unseren Auftrag: die deutsch-polnische Annäherung

Die optimistischen Stimmen von der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert über die deutsch-polnische Versöhnung als Binsenweisheit oder gar "Kitsch", wie die jüngsten Irrwege der polnischen Geschichts- und Außenpolitik zeigen, haben sich als falsch erwiesen. Als Polen und Deutsche müssen wir uns immer wieder vor Augen führen, wie lang und schwierig der Prozess der Annäherung zwischen unseren Völkern war, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg. Daher die Idee einer weiteren Publikationsreihe: Wendepunkte und Persönlichkeiten des Dialogs. Aus der Geschichte der deutsch-polnischen Verständigung.
Darin stellen wir Biografien, Memoiren und andere Texte über Menschen vor – bekannte (wie Władysław Bartoszewski) und weniger bekannte, aber nicht minder wichtige (wie Enno Meyer) –, die einen wesentlichen Beitrag zur Verständigung zwischen Polen und Deutschen geleistet haben. Unser Traum wäre es, die Reihe um die Problematik der Annäherung an andere Nachbarn – wie die Ukraine – zu erweitern. Denn die Kämpfe der Pioniere der deutsch-polnischen Versöhnung sind eine Inspiration, so dass es sich, wie Władysław Bartoszewski zu sagen pflegte, "lohnt, anständig zu sein" und, wenn es der Anstand gebietet, nicht immer mit dem Strom der Geschichte zu fließen, sondern auch gegen ihn.

Disziplinen

Slawistik Soziologie Translationswissenschaft Politikwissenschaft Medienwissenschaft Literaturwissenschaft Kunstwissenschaft Kulturwissenschaft Jüdische Studien Geschichtswissenschaft

Themen

Deutsch-polnische Beziehungen
Redaktion Pol-Int

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