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Die Geschichte Polens in den (post)pandemischen neuen Medien: CBHist.

"Die Pandemie hat die Digitalisierung beschleunigt" – dieser Satz ist bereits zu einer Binsenwahrheit geworden. Und es wird zwangsläufig weitere Binsenwahrheiten in diesem Text geben. Zum Beispiel die, dass der pandemiebedingte Rückgang der persönlichen Kontakte zwischen den Menschen die Institutionen gezwungen hat, nicht nur intern, sondern auch extern – mit Interessengruppen, Kunden und Nutzern – auf digitale Kommunikation umzustellen. Doch was verbirgt sich hinter diesen Aussagen in Bezug auf Institutionen, die historisches Wissen popularisieren?

Diese Institutionen mussten auch ihre Vorgehensweise bei der Kontaktaufnahme mit ihrem Publikum ändern. Oder sie mussten sich zumindest überlegen, ob sie dies tun wollen. Diejenigen, die sich zu einem Wechsel entschlossen haben, scheinen viel gewonnen zu haben – wenn auch nicht in Form einer großen Zahl an neuen Rezipienten, so doch zumindest in Form neuer Erfahrungen. Im Gegensatz dazu haben die Institutionen, die dem ausgewichen sind, nicht unbedingt ihr Stammpublikum verloren, sondern erscheinen heute vielleicht archaischer als vor der Pandemie. Die Umstellung auf eine digitale Form der Kommunikation von Inhalten kann eine Herausforderung darstellen, vor allem für Menschen, die an persönliche Begegnungen gewöhnt sind: Teambesprechungen, individuelle Beratungen, Expertengespräche, Veranstaltungen für die Öffentlichkeit.

Scheinbares Schweigen

Das Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften (kurz: CBH PAN) war von Beginn seines Bestehens an ein Ort für solche Kontakte. Deshalb fiel es den Mitarbeitern, die während der Pandemie zum Team des CBH PAN stießen, schwer, den Erzählungen bereits erfahrenerer Kollegen Glauben zu schenken, wonach die Türen des CBH PAN vor der Zeit der Lockdowns nie geschlossen gewesen seien und immer reger Betrieb geherrscht habe. Die Stille, die auf dem Höhepunkt der Pandemie im Gebäude am Majakowskiring 47 in Berlin herrschte, war jedoch keineswegs ein Zeichen von Stillstand. Denn die Institution, die an den ständigen Kontakt mit ihrem Publikum gewöhnt war, hat Wege gefunden, weiterhin historische Inhalte zu verbreiten – nur eben über die so genannten neuen Medien.

Die Aufgabe des CBH PAN ist die Erforschung und die Förderung des Wissens über die deutsch-polnischen Beziehungen. Seine Mitarbeiter tun dies auf traditionelle Weise durch das Herausgeben von Publikationen und Artikeln, die Organisation von Konferenzen, Vorträgen und Ausstellungen sowie das Führen von Interviews. Wie viele andere Einrichtungen mit einem ähnlichen Profil hat auch das CBH PAN während der Pandemie einen Großteil seiner Aktivitäten online durchgeführt. Aus der Perspektive der Rezipienten muss es so ausgesehen haben: Plötzlich wurden die regelmäßig organisierten Seminare und Buchvorstellungen über Zoom, Facebook und YouTube übertragen, die Publikationen des CBH PAN erschienen als E-Books, die erste Folge des institutseigenen Podcasts war mit einem Male online und schließlich feierte das vom CBH PAN betriebene Portal CBHist. mit Materialien zur polnischen Geschichte ihr Debüt.

Für die Institution wiederum bedeutete dies eine beschleunigte Umstellung sowie rasche Entscheidungen bezüglich der Neuzuweisung von Ressourcen für neues Equipment, Kameras und Abonnements für Kommunikationsplattformen, und verlangte von den Mitarbeitern, flexibler und einfallsreicher zu sein und sich die Zeit zu nehmen, um zu lernen, wie man etwa Onlineveranstaltungen produziert. Es bedeutete auch große Aufregung, gepaart mit (glücklicherweise unbegründeter) Unsicherheit in Bezug auf die technische Qualität von Onlineveranstaltungen und die Zuschauerzahlen. Schließlich kann die virtuelle Welt manchmal brutaler sein als die reale – es reicht schon eine einzige ungünstige Meinung, die auf Facebook verbreitet wird, um die harte Arbeit vieler zu untergraben.

Testgelände

Das bereits erwähnte Portal CBHist. ist zu einem besonderen Testfeld für diese verstärkte Präsenz des CBH PAN im Internet geworden. Sein Launch während der Pandemie ist eher ein Zufall. Die Seite ist der Nachfolger einer anderen Plattform des CBH PAN, die bereits seit einigen Jahren existierte – ihr Zielpublikum waren deutschsprachige Lehrer, ihre Studenten und Schüler, die ihr Wissen über die polnische Geschichte vertiefen wollten. Die rasanten Veränderungen technischer und gestalterischer Trends beschleunigten jedoch die Entscheidung des Teams des CBH PAN, die Website zu modernisieren und zu relaunchen.

Dies fiel mit dem Beginn der Pandemie zum Jahreswechsel 2020/2021 zusammen. CBHist. – dieser Name setzt sich aus dem Akronym CBH und der Abkürzung des polnischen Wortes "historia" zusammen, mit dem obligatorischen Punkt am Ende – sollte nicht nur bestehende Quellentexte, Studien und Illustrationen enthalten, die vom CBH erstellt oder in Auftrag gegeben worden waren. Es bestand die Möglichkeit, sie um Inhalte zu erweitern, die im Zuge der digitalen Wende für die neuen Medien produziert wurden: die bereits erwähnten E-Books, Aufzeichnungen von Onlineveranstaltungen, Podcastfolgen sowie Unterrichtsszenarien für den polnischen Geschichtsunterricht an Schulen und neue Formate wie Onlineausstellungen.

Der Webdesigner von CBHist. entschied sich für eine einfache und klare grafische Gestaltung des Portals. Er verzichtete auf ein Übermaß an "Spezialeffekten" und konzentrierte sich stattdessen auf eine klare, minimalistische visuelle Identität, die durch das Logo, ein orange-grün-weißes Farbschema und eine geometrische Aufteilung des Inhalts in rechteckige, vertikal angeordnete Kästen definiert wurde. Die Idee war, den Nutzern den Zugang zu den Materialien so einfach wie möglich zu machen, die bereits auf der Startseite übersichtlich in Kategorien eingeteilt sind: Quellen und Studien, Schulunterricht, Online-Publikationen und Mediathek. Diese Aufteilung erleichtert den Redakteuren des Portals die Arbeit, da sie die geeignete Form für die zu veröffentlichenden Inhalte wählen können, während sie gleichzeitig gegenüber den Beiträgern eine gewisse "Disziplin" durchsetzen, deren Ideen die organisatorischen Möglichkeiten des Redaktionsteams manchmal übersteigen.

Wo ist das Publikum?

Der Start eines Portals wie CBHist. ist eine Herausforderung für eine kleine Einrichtung wie das CBH PAN. Die Übertragung und Konvertierung von Inhalten der alten Website, die regelmäßige Bestellung, Entwicklung und Veröffentlichung von neuem Material, die Ausarbeitung von Beschreibungen und kleinen grafischen Elementen sind natürlich zeit- und arbeitsintensiv. Jedoch dürfen sie nicht zum Selbstzweck werden, denn früher oder später stellt sich die Frage nach dem Publikum: "Gut, aber wie viele Nutzer hat unser Portal?". Natürlich gibt es IT-Tools, um diese Frage zu numerisch beantworten. Das ist aber nicht der Punkt, zumal die Herausforderung darin besteht, die zweitwichtigste Frage positiv zu beantworten: "Erreichen wir mit unserer Website tatsächlich das Publikum, das wir erreichen wollen?"

Dies ist die größte Aufgabe für die Redakteure des Portals CBHist.: Neu eingestellte Inhalte werden auf der Homepage des CBH PAN, seinem Facebook-Profil und im monatlichen Newsletter angekündigt. Reicht das? Eine Möglichkeit, ein breiteres Publikum zu erreichen, ist zweifellos auch die bereits erfolgte Entwicklung der Website in drei Sprachen – nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch und Polnisch. Der Grund dafür ist, dass die Perspektive, die CBHist. auf die polnische Geschichte einnimmt, so universell ist, dass sie auch einem Publikum außerhalb des deutschsprachigen Raums dienen kann. Darüber hinaus sind immer mehr Materialien (wie z.B. die vom CBH PAN veröffentlichten E-Books) nur auf CBHist. zu finden, was die Aufmerksamkeit der Interessenten zwangsläufig auf diese Website lenkt.

Es bleibt zwar zu hoffen, dass einige Lehrer und Wissenschaftler auf elektronische Texte und digitalisierte Artikel zurückgreifen werden, aber es ist mehr als wahrscheinlich, dass junge Nutzer – Schüler und Studenten – nicht auf diese Weise angesprochen werden. An Kurzformen gewöhnt, vor allem im Internet, und mit zunehmenden Konzentrationsproblemen sind sie nicht an langen Textquellen und Studien interessiert. CBHist. richtet sich in erster Linie an diese Zielgruppe. Dazu gehören die inzwischen sehr beliebten Podcasts, kurze Ausschnitte aus Wochenschauen, Onlineausstellungen auf der Grundlage von Illustrationen und Bildmaterial mit zwei oder drei Kurzkommentaren. Daher wird die Anzahl ähnlicher Materialien auf CBHist. in naher Zukunft wachsen, zumal es scheint, dass die digitale Formel zur Popularisierung der Geschichte derzeit beste Erfolgsaussichten hat.

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