10.11. bis 12.11.2019 in Dresden, Deutschland

Ambivalente Transformationen. „1989“ zwischen Erfolgserzählung und Krisenerfahrung | Ambiguities of Transformation: “1989” between Success Story and Biographical Crisis

Link zu diesem Eintrag: https://www.pol-int.org/de/node/7365

Anmeldungen online unter: http://www.isgv.de/transformation

Teilnahmegebühr: 40 Euro (Vollzahler), 20 Euro (ermäßigt)

(english version below)

Der historischen Zäsur um 1989/91 wurde in der deutschen und europäischen Öffentlichkeit bislang vor allem als erfolgreicher „Friedlicher Revolution" gedacht. Unwegsames historisches Gelände wurde retrospektiv eingeebnet, Widersprüche wurden geglättet. Die diversen und widersprüchlichen Erfahrungen und Erinnerungen der Vielen, sowohl in Deutschland wie auch in den ostmitteleuropäischen Nachbarländern, fanden kaum Platz: weder in den Aushandlungen einer gesamtdeutschen bzw. europäischen Zukunft, noch in der Erinnerung. Jedoch bestand 1989/91 eine äußerst heterogene und ambivalente Gemengelage: Die frühe Nachwendezeit war einerseits geprägt von Aufbruchseuphorie, Freiheitsrhetorik und der Freude über neu gewonnene persönliche und politische Entfaltungsmöglichkeiten. Andererseits bestimmten der Schock über die „Abwicklung" der sozialistischen Betriebe sowie die rasche Etablierung kapitalistischer Strukturen und die massenhaften „Privatisierungen" nahezu alle Bereiche des alltäglichen Lebens. Die Enttäuschung über die gescheiterte Reform in den postkommunistischen Gesellschaften war groß. Zwar beflügelten Konsumverheißungen und ökonomische Versprechungen durch den „Westen" die durch Mangelwirtschaft geprägten Staaten. Zugleich führten biografische Anpassungsschwierigkeiten und Unsicherheiten, entwertete Erwerbsbiografien und gescheiterte Lebensentwürfe zu Prozessen der Entfremdung, Entsolidarisierung und sozialen Spaltung.

Vor diesem Hintergrund widmet sich diese internationale Konferenz in transdisziplinärer Perspektive dem Umbruch von 1989ff. und den Folgeerscheinungen des Transformationsprozesses in Deutschland und seinen ostmitteleuropäischen Nachbarländern, unter Berücksichtigung der gleichzeitigen Ko-Transformation des Westens. Im Fokus stehen die Pluralität und Heterogenität von Erwartungen, Erfahrungen und Erinnerungen – von 1989 bis in die Gegenwart. Der kulturanthropologische und sozialhistorische Zugang mit seiner Betonung von Alltag und subjektiven Deutungs- wie Erschließungshorizonten ermöglicht ein Nachspüren in feinste Verästelungen einstiger und zeitgenössischer Wahrnehmungen, Praktiken und Handlungsspielräume sowohl auf der Mikro- wie auf der Makroebene. Damit ist der Raum für alternative Narrative, Erweiterungen und Differenzierungen der „Erfolgsgeschichte" von 1989 geöffnet und ermöglicht Einblicke in die tiefgreifenden mentalen und emotionalen Vermächtnisse der Transformation.

// English: //

The historical turning point of 1989-91 was considered a generally successful "peaceful revolution" by the German and European public: historical rough terrain was retrospectively leveled, contradictions smoothed out. The diverse and inconsistent experiences and memories of the many, both in Germany and in neighboring East-Central European countries, were barely recognized in either the negotiation of a German or European future or in historical remembrance. In 1989-91, however, there did exist a highly heterogeneous and contradictory mélange: On one hand, the early post-reunification period was marked by an emerging euphoria, rhetoric of freedom, and the joy of newly won personal and political opportunities for development. On the other hand, shock over the "liquidation" of socialist enterprises, as well as the rapid establishment of capitalist structures and the huge number of privatizations, affected almost all areas of daily life. Disappointment about failed reform in post-communist societies was high. The states characterized by economy of scarcity were indeed given a boost by economic and consumerist promises from the "West". At the same time, however, personal adaptive difficulties and uncertainties, devalued career paths, and failed life plans led to alienation, disunity, and social division.

Against this background, this international conference applies a transdisciplinary perspective to the changes in 1989 and beyond by looking at the consequences of the transformative process in Germany and its East-Central European neighbors while considering as well the simultaneous transformation of the West. The focus of the conference is on the plurality and heterogeneity of expectations, experiences, and memories from 1989 to the present. The cultural-anthropological and sociohistorical approach, with its emphasis on everyday life and subjective interpretive and developmental horizons, enables to trace the subtlest ramifications of former and contemporary perceptions, practice, and scopes of action on both the micro and macro levels. Thus, space is provided for alternative narratives, expansions, and differentiation in the "success story" of 1989, and insight will be gained into the profound mental and emotional legacy of transformation.

Programm

Sonntag, 10.11.2019
Ort: Kino im Kasten, August-Bebel-Str. 20, Dresden

16.00-16.10 Uhr: Begrüßung (Ira Spieker, ISGV Dresden / Annekatrin Klepsch, Zweite Bürgermeisterin und Beigeordnete für Kultur und Tourismus der Landeshauptstadt Dresden)

16.10-16.30 Uhr: Ines Geipel (Berlin): Vom doppelten Schweigen (Moderation: Friederike Kind-Kovács, Dresden)

16.30-18.00 Uhr: Vortrag mit Filmvorführung:
Judith Kretzschmar / Rüdiger Steinmetz (Leipzig): Ambivalente Bilder des Vereinigungsprozesses nach 1989: Lokale sächsische Fernsehprogramme als historische und kulturelle Quellen des audio-visuellen Gedächtnisses (Moderation: Noa K. Ha, Dresden)

18.00 Uhr: Empfang

Montag, 11.11.2019
Ort: Dülfersaal (TU Dresden), Dülferstr. 2, Dresden

9.00-9.15 Uhr: Begrüßung (Ira Spieker / Noa K. Ha / Friederike Kind-Kovács)

9.15-10.00 Uhr: Keynote I:
Raj Kollmorgen (Zittau/Görlitz): Die postsozialistischen Umbrüche in Europa als historische Transformationswelle (Moderation: Ira Spieker, Dresden)

10.00-10.30 Uhr: Kaffeepause

10.30-13.00 Uhr: Panel I: Ambivalente Erfahrungen der Transformation (Moderation: Patrice G. Poutrus, Erfurt)

Till Hilmar (New Haven, USA): Die moralisch-ökonomische Last der Nachwendezeit: Freundschaftsbeziehungen als Prisma der Erinnerungen

Uta Bretschneider (Kloster Veßra) / Marcus Böick (Bochum): Wut und Wunder. Transformationserfahrungen nach 1989/90 im ländlichen Raum Ostdeutschlands

Urmila Goel (Berlin): Eine deutsch-deutsche Familie mit Migrationserfahrungen – Annäherungen an ambivalente Erfahrungen im Jahr 1989/90

Mathilde Monfrini (Mainz): Der Zwang zum biografischen Neuentwurf (oder: Die „Wende" als Krisenerfahrung): Lebensgeschichtliche Erkundungen unter Angehörigen ehemaliger Stasi-Mitarbeiter*innen

13.00-14.00 Uhr: Mittagspause

14.00-16.00 Uhr: Panel II: Städtische Raumformationen des Wandels (Moderation: Noa K. Ha, Dresden)

Jacob Nuhn (Bremen): Heterotopien in der Transformationsstadt. Räume und Raumpraktiken alternativer Szenen in Dresden und Wrocław vor und nach 1989

Valeska Bopp-Filimonov (Jena): Fabrikruinen als Kulissen depressiven Übermuts. Repräsentationen von (ehemaligen) Fabrikarbeitern im postsozialistischen rumänischen Roman

Wiebke Reinert (Kassel): WohnWende? Zur Stigmatisierung des sozialistischen Wohnungsbaus, 1980–2000

16.00-16.30 Uhr: Kaffeepause

16.30-16.00 Uhr: Panel III: Alternative Szenen und Kulturen (Moderation: Merve Lühr, Dresden)

Anna Lux (Leipzig): 89 goes Pop: Populärkulturelle Aneignungen der Revolutionserfahrung

Anna Grutza (Budapest, HU): Der polnische „Untergrund" zwischen Solidarität und Zwiespalt: Zäsuren, Brüche und Dissens auf dem Weg zur friedlichen Revolution

Briana J. Smith (Cambridge, USA): Experimental Art as Aesthetic Opposition in Berlin, 1988-1993

Jessica Bock (Dresden): Nicht vergessen! Ostdeutsche Frauenbewegung erinnern. Akteurinnen-Narrative-Institutionen

20.00 Uhr: Abendessen

Dienstag, 12.11.2019
Ort: Dülfersaal (TU Dresden), Dülferstr. 2, Dresden

9.15-10.00 Uhr: Keynote II:
Joanna Wawrzyniak (Warszawa, PL): Working Through Neoliberalism: Moral Economy and Industrial Nostalgia in Postsocialist Poland (Moderation: Friederike Kind-Kovács, Dresden)

10.00-10.30 Uhr: Kaffeepause

10.30-12.30 Uhr: Panel IV: Biografische Erinnerungen der Transformation (Moderation: Heike Greschke, Dresden)

Christian Rau (München/Berlin): „Gewerkschaften dürfen sich nicht wie bisher an dieser Arbeitsplatzvernichtungspolitik beteiligen": Gewerkschaftliche Deutungskämpfe um den Hungerstreik von Bischofferode

Sabine Rutar (Regensburg): Ideen und Visionen betrieblicher Selbstverwaltung seit dem Kalten Krieg

Dorota Bazuń / Mariusz Kwiatkowski (Zielona Góra, PL): From the Administrative Unit to the Community. Development of Municipal Self-Government in Poland as a History of (Incomplete) Success

12.30-13.30 Uhr: Mittagessen

13.30-15.30 Uhr: Panel V: Marginalisierung und Radikalisierung (Moderation: Thomas Lindenberger, Dresden)

April Reber (Santa Cruz, USA): Reconsidering "Postsocialist Democracy" through the Perspective of Alternative for Germany's Basisdemokratie

Marta Baranowska (Toruń, PL): From Political Compromise and Solidarity to Hate Speech on the Example of the 1989 Debate and the Legacy of the Round Table

Stefan Wellgraf (Frankfurt/Oder): Years of Violence. Hooliganism around 1989

15.30-16.00 Uhr: Kaffeepause

16.00-18.00 Uhr: Panel VI: Erinnerungsproduktion und Gedenken (Moderation: Sönke Friedreich)

Helmut Fehr (Erlangen): Eliten und Vergangenheitsdiskurse – „Durchleuchtung", Entkommunisierung und Erinnerung nach 1989

Marketa Spiritova (München): „Rücktritt! Protestmarsch für ein anständiges Tschechien." Das Gedenken an 1989 als zivilgesellschaftliches Protestereignis

Hanna Haag (Zittau/Görlitz): Langzeitfolgen des Systemwechsels. Familiale Tradierung zwischen Erwartung, Erfahrung und Erinnerung

18.00-18.30 Uhr: Resümee (Ira Spieker / Friederike Kind-Kovács / Noa K. Ha)

Anmeldungen online unter: http://www.isgv.de/transformation

Teilnahmegebühr: 40 Euro (Vollzahler), 20 Euro (ermäßigt)

Kontakt

PD Dr. Ira Spieker
Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde, Zellescher Weg 17, D-01069 Dresden