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Einladung zu Beiträgen für das Rahmenthema „Deutsch-polnische Literaturbeziehungen“ im Jahrbuch für Internationale Germanistik

Rahmenthema „Deutsch-polnische Literaturbeziehungen" im Jahrbuch für Internationale Germanistik

Deutschland und Polen sind seit Jahrhunderten Nachbarn, ihre Geschichte nahm jedoch schon seit dem späten Mittelalter einen unterschiedlichen Verlauf, was sich u.a. an dem Ausbau der polnischen Kirche unabhängig von der Reichskirche in direkter Beziehung zum Heiligen Stuhl und in der – verglichen mit dem römisch-deutschen Reich – andersartigen Staatsform (Unionsstaat von Gotthold Rhode genannt) erkennen lässt. Die Folge ist, dass man den Eindruck eines langen Sich-Gegenseitig-Nicht-Wahrnehmens hat. Die Wege vom Deutschen zum Polnischen waren ursprünglich keine direkten. „Die mittelalterlichen Entlehnungen im Polnischen", schreibt de Vinzenz, „stammen fast durchweg nicht direkt aus dem Lateinischen, sondern sind aus dem Deutschen über das Tschechische gekommen, wobei ein Teil der deutschen Übersetzungen (Lehnübersetzungen) nochmals übersetzt, ein anderer Teil in der deutschen Form aus dem Tschechischen übernommen wurde". Es nimmt nicht wunder, dass es unter diesen Umständen kaum Entlehnungen aus dem Slawischen im Deutschen gibt. Wir können mithin von Anfang an von einer Asymmetrie sprechen.
Deutsch-polnische Beziehungen sind in den älteren Zeiten vor allem dort zu beobachten, wo es eine territoriale Nachbarschaft gab (Deutscher Orden, Preußen, Schlesien). Ein relativ großes Interesse an Polen können wir im 17. Jahrhundert bei schlesischen Autoren wie Opitz, Lohenstein, Gryphius und Hallmann verzeichnen, aber auch in den Städten Danzig und Thorn.

Die intensiven Kontakte und der kulturelle Transfer in der sächsisch-polnischen Zeit wurden bislang noch zu wenig unter dem Gesichtspunkt der gegenseitigen Wahrnehmungen betrachtet, wie sie uns u.a. in der Literatur begegnen. Das Interesse im Preußen des 18. und 19. Jahrhunderts für Polen ist dagegen vielfach untersucht worden, vor allem im Rahmen der Stereotypenforschung und in jüngster Zeit in einigen postkolonialen Studien, doch sollten Begegnungen, Kontakte und Netzwerke deutscher und polnischer Schriftsteller, Übersetzer und Verleger stärker als bisher in den Blick genommen werden. Neue Sichtweisen wären in jedem Falle begrüßenswert.

Es gibt nur wenige Polen wie den 1825 in Viln­jus geborenen Julian Klaczko. Anfänglich übersetzte er polnische Lyrik, u.a. Gedichte von Mickiewicz, ins Hebräische, 1848 arbeitete er mit Gervinus in Heidelberg in der Deutschen Zei­tung zusammen, schließlich begab er sich nach Paris, wo er auf Französisch publizierte, um 1888 nach Krakau zu übersiedeln. Er verstarb als bedeutender Literaturkritiker 1906. Wir haben hier das Beispiel eines jüdisch-polnisch-deutsch-französischen, will sagen europäischen Schicksals vor uns! Wenn Klaczko einen Dichter wie Heine in seinen Blick nahm, so verglich er ihn mit anderen Autoren wie Victor Hugo und selbstredend mit polnischen Schriftstellern.

Ein neues Phänomen sind die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum, insbesondere in Berlin und Wien, schriftstellerisch wirkenden Polen und Polinnen (Stanisław Przybyszewski, Alfred Nossig, Eleonore Kalkowska und andere).
Von einer auf Augenhöhe erfolgten Rezeption polnischer Werke der Kunst und Literatur kann man jedoch erst in den 1960er Jahren sprechen, als solche Autoren wie Czesław Miłosz, Witold Gombrowicz, Stanisław Jerzy Lec, Tadeusz Różewicz, Zbigniew Herbert, Wisława Szymborska nicht nur ins Deutsche übersetzt wurden, sondern sich andererseits auch von deutschsprachigen Autoren und Autorinnen in eigenen Werken inspirieren ließen. Nicht nur polnische Dramatiker, auch Regisseure waren eine Zeitlang für die deutschen Theater von größtem Interesse. Umgekehrt ist es seit der Jahrtausendwende das deutsche Theater, das in Polen geradezu einen Boom erlebt.

Obwohl in den letzten Jahrzehnten einige Studien zur Literatur von polnischen Exilanten und Migranten in Deutschland erschienen sind, stand die ältere Generation der Emigranten, zu der u.a. Józef Mackiewicz, Tadeusz Nowakowski und Witold Wirpsza gehören, bislang kaum im Fokus der Forschung. Und erst in jüngster Zeit richtet sich das Interesse auch auf das literarische Schaffen polnischer Displaced Persons in Deutschland.

Wichtig wäre es zu untersuchen, wie Schriftsteller die Veränderung gegenseitiger Wahrnehmungen in bzw. nach politischen Umbruchzeiten mitinitiierten und reflektierten. Während der Völkerfrühling und das Ende des Ersten Weltkrieges aus dieser Perspektive recht gut erforscht scheinen, wurden andere Schwellenereignisse wie die Französische Revolution, der Machtantritt Hitlers oder der Fall des Eisernen Vorhangs in ihrer Bedeutung für die Veränderungen in den deutsch-polnischen Literaturbeziehungen noch nicht aus vergleichender Sicht beleuchtet.

Nicht zu vergessen wären auch die neu erscheinenden oder bisher nicht ausreichend analysierten, mehr oder weniger am Rande der Literatur existierenden Ego-Dokumente verschiedener Art (Autobiographien, Briefe, Reiseberichte, Memoiren, Interviews mit Zeitzeugen), u.a. die von Frauen, in denen vielfach unbekannte Aspekte der verworrenen deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte, vornehmlich im zwanzigsten Jahrhundert, zutage treten.

Wir haben hier nur einige Gesichtspunkte der deutsch-polnischen Literaturbeziehungen berührt. Es gibt noch viele offene Fragen, die, wie wir hoffen, in den eingesandten Beiträgen zur Sprache kommen werden. So wäre es auch wichtig, auf die Unterschiede zu verweisen, die ein deutsch-polnisches Gespräch so schwer machen: die Renaissance verlief in beiden Kulturen anders, das gleiche betrifft die Aufklärung, die Romantik, ganz zu schweigen vom zwanzigsten Jahrhundert.

Weitere Informationen und erste Publikationen zum Rahmenthema finden Sie unter https://www.peterlang.com/view/journals/ja/ja-overview.xml.

Anfragen und Beiträge werden bis zum 31. Juli 2021 an die Adresse der Redaktion (germanistik.jahrbuch@arcor.de) oder an das Leitungsteam des Themas erbeten:

Univ.-Prof. Dr. hab. Marion Brandt: marion.brandt@ug.edu.pl,

Univ.-Prof. Dr. hab. Maria Gierlak: gierlak@uni.torun.pl,

Prof. Dr. hab. Karol Sauerland: sauerland@uw.edu.pl.

Kontakt

Marion Brandt
Universität Gdańsk